Mythos Lebensmittelunverträglichkeit

Getreide ist und bleibt für viele Menschen ein Grundnahrungsmittel.  Foto: LoloStock - stock.adobe

Immer mehr Menschen verzichten auf Weizen, Milch oder andere Lebensmittel. Warum glutenfreie oder laktosefreie Ernährung nur für wenige wirklich sinnvoll ist.

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REGION. Nach dem Essen hatte Lena Hepp immer wieder Bauchschmerzen, Blähungen, Unwohlsein. Bei Recherchen im Netz stieß die 28-Jährige auf eine Erklärung: Glutenunverträglichkeit. Also versuchte sie es mit glutenfreien Lebensmitteln: mit Reiswaffeln, mit Toastbrot und Nudeln nicht aus Weizen-, sondern aus Maismehl, und mit viel Gemüse. Und tatsächlich: Sie fühlte sich besser. Eine ärztliche Diagnose hatte sie nicht, dafür aber eine Bestätigung der Heilpraktikerin. „Ich verzichte nicht komplett auf glutenhaltige Sachen“, sagt Lena Hepp. Für eine Pizza im Restaurant macht sie Ausnahmen und in ihrem letzten Urlaub hat sie ganz normal gegessen – auch Weizenprodukte. „Probleme hatte ich da nicht, aber im Urlaub ist man ja auch selbst viel entspannter.“

Lena Hepp, die eigentlich anders heißt, ist kein Einzelfall: Immer mehr Menschen ernähren sich glutenfrei. Der Markt für sogenannte Frei-von-Produkte boomt: Allein von Anfang 2016 bis Anfang 2017 stieg der Umsatz mit glutenfreien Lebensmitteln hierzulande um rund 30 Prozent, mit jenen ohne Laktose um etwa 20 Prozent.

In den Supermärkten finden sich immer mehr glutenfreie Produkte in den Regalen: Butterkekse, Schokomüsli, Kaiserbrötchen, Universalmehl, Schokoriegel, Pizzateig. Denn das Klebereiweiß Gluten steckt vor allem in weitverbreiteten Getreidesorten wie Weizen, Roggen oder Dinkel – und in vielen verarbeiteten Produkten.

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Auch die Palette an laktosefreien Lebensmitteln und Milchersatzprodukten ist enorm gestiegen. Mediziner, Soziologen und Ernährungswissenschaftler sind sich einig: Die Anzahl derjenigen, die glauben, spezielle Lebensmittel oder Stoffe nicht zu vertragen, hat stark zugenommen: Mehr als 20 Prozent der Deutschen sind das Umfragen zufolge.

Die Zahl der tatsächlich Betroffenen ist minimal

Leiden die Menschen tatsächlich häufiger an Unverträglichkeiten? Oder steckt hinter dem Phänomen etwas anderes? Es gibt Menschen, die an einer extremen Glutenunverträglichkeit leiden: der Zöliakie. Bei der Autoimmunerkrankung lösen schon Spuren von Gluten eine Entzündung der Darmschleimhaut aus. Der Körper kann Nährstoffe nicht mehr so gut aufnehmen, Betroffene leiden an unspezifischen Symptomen wie Durchfall, Eisenmangel, Schlappheit oder gar an Depressionen. Zöliakie ist durch Antikörper im Blut oder Gewebeproben aus dem Dünndarm gut diagnostizierbar. Auch eine Allergie gegen Weizen kann man ärztlich feststellen. Für Betroffene hilft nur der lebenslange, komplette Verzicht auf glutenhaltige Produkte oder jene mit Spuren von Weizen.

Doch beide Erkrankungen sind extrem selten: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland leidet an Zöliakie, noch weniger an der Weizenallergie. Ähnlich ist das mit Laktoseintoleranz. Milchzucker löst bei geschätzt 15 Prozent der Deutschen mitunter Probleme wie Durchfall oder Bauchschmerzen aus, doch die meisten können trotz einer Unverträglichkeit kleine Mengen an Laktose problemlos zu sich nehmen. Ein kompletter Verzicht ist nur für sehr wenige Menschen nötig. Vergleicht man die Zahlen der Diagnosen mit dem Angebot an Produkten ohne Laktose oder Gluten, wird klar, dass das Verhältnis nicht passt. Und tatsächlich: Laut einer Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben rund 80 Prozent der Käufer von laktosefreien Produkten keine nachgewiesene Intoleranz. Etwa neun Prozent der Menschen meiden Gluten – deutlich mehr, als eine festgestellte Unverträglichkeit haben. Hinter den steigenden Verkaufszahlen der Frei-von-Produkte muss also noch etwas anderes stecken.

Unverträglichkeit oder Sensitivität?

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Unter Ernährungswissenschaftlern und Medizinern wird über eine dritte Form von Glutenunverträglichkeit diskutiert: Gluten- oder Weizensensitivität. Inzwischen mehren sich wissenschaftliche Hinweise, dass manche Menschen auch ohne Zöliakie oder Allergie gesundheitliche Beschwerden haben können, wenn sie glutenhaltige Produkte essen – und sich besser fühlen, wenn sie darauf verzichten. Bis zu sechs Prozent der Bevölkerung könnten Schätzungen zufolge davon betroffen sein. Allseits anerkannt und eindeutig definiert ist die Sensitivität als Krankheitsbild noch nicht – auch, weil für eine medizinische Feststellung spezifische Marker oder Blutwerte fehlen.

Wissenschaftler von der Berliner Charité vermuten, dass ein Teil der Patienten mit Reizdarmsyndrom unter Glutensensitivität leidet. Andere wiederum vermuten, dass entsprechende Beschwerden nicht durch Gluten, sondern durch andere Inhaltsstoffe im Getreide ausgelöst werden.

Auch äußere Faktoren können Einfluss haben – und zu Fehlschlüssen führen: Wer aus Angst vor Gluten zu mehr Gemüse statt zu Weizen greift, spürt vielleicht, auch ohne tatsächliche Unverträglichkeit, positive Effekte auf die Verdauung. Umgekehrt gibt es einen sogenannten Nocebo-Effekt: Viele Menschen haben nach der Aufnahme von Gluten eine „hohe Erwartungshaltung bezüglich auftretender Beschwerden“, wie die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Immunologie feststellt. Tatsächlich reagieren rein statistisch betrachtet heute mehr Menschen allergisch oder sensibel auf Nahrungsmittel als noch vor 30 Jahren – auch auf getreidehaltige. Diskutiert werden deshalb zuchtbedingte Veränderungen im Weizen oder vermehrter Einsatz von Gluten als mögliche Auslöser, belegt ist das nicht.

Problem: Selbstdiagnose

Was die Gluten- oder Weizensensitivität angehe, werde die Problematik deutlich überschätzt, meint Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Viele stellten sich vorschnell selbst eine Diagnose aus.

Auch Lena Hepp hat die Erfahrung gemacht, bei dem Thema nicht ernst genommen zu werden. „Ich mache das aber ja nicht, weil es schick ist, sondern weil ich merke, dass ich das nicht vertrage“, sagt sie. Vor ein paar Monaten hat der Arzt bei ihr Eisenmangel festgestellt, der Grund dafür ist unklar. Lena Hepp will ihn bald auf Zöliakie ansprechen. Denn Eisenmangel und Müdigkeit könnten dafür ein Merkmal sein, sagen Betroffene.

Dass auch viele Menschen ohne Unverträglichkeit zu glutenfreien oder laktosefreien Produkten greifen, liegt nicht zuletzt an der Art und Weise, wie diese Produkte vermarktet werden – und zwar so, dass sie den Eindruck vermitteln, besonders gesund oder hochwertig zu sein. Beispiel: Im Supermarkt stehen die Lebensmittel „frei von“ bei den Regalen mit der Bioware. Im Schnitt sind solche Frei-von-Produkte bis zu viermal so teuer wie die herkömmliche Variante.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

Die Aufmachung der Produkte, die Werbestrategien der Hersteller und so manch prominenter Blog oder Instagram-Account erwecken den Eindruck, dass jene Produkte ganz allgemein Gesundheit und Wohlbefinden steigern – und sogar beim Abnehmen helfen. Doch Verbraucherschützer warnen: Ohne gesicherte Diagnose hat solch eine Ernährung keinen Sinn. Für Menschen mit Zöliakie, mit Laktoseintoleranz oder Glutensensitivität sei die Auswahl an Frei-von-Produkten ein Segen, heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Aber: „Für alle anderen haben sie keinen gesundheitlichen Nutzen.“

Ähnlich wie bei Aufdrucken wie „ohne Konservierungsstoffe“ oder „ohne künstliche Aromen“ kann der Begriff „frei von“ sogar über ungesunde Merkmale der Produkte hinwegtäuschen. Weil das Klebereiweiß als Bindemittel fehlt, haben glutenfreie Produkte häufig mehr Fett, mehr Zucker und weniger gesunde Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe wie Eisen, Zink oder Kalzium.

Wer unnötig Frei-von-Produkte konsumiere, riskiere langfristig gesundheitliche Einschränkungen, warnen Experten. Günstige Effekte beispielsweise von Vollkornprodukten fehlten, so die DGE. Mitunter bestehe sogar die Gefahr von Essstörungen, etwa dem Zwang, sich gesund zu ernähren.

Gesellschaftlicher Trend

Hinter bestimmten Ernährungstrends sehen Soziologen auch ein gesellschaftliches Phänomen. „Die Tendenz, Ernährung zu problematisieren, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, sagt Jana Rückert-John, Professorin für die „Soziologie des Essens“ an der Hochschule Fulda.

Manche Soziologen sprechen gar von Ernährungshypochondern. Der Trend zum Verzicht oder zu einer bestimmten Diät habe mit einer Mischung aus Profilierung und Selbstinszenierung zu tun. Nach dem Motto: Wer verzichtet und sich abgrenzt, bleibt interessant – und findet damit Verbündete, meint der Soziologe Uwe Knop. Jana Rückert-John erkennt darin gar pseudo-religiöse Züge. Denn die Entscheidung zu einer bestimmten Ernährungsweise gebe einem in einer immer komplexer werdenden Welt auch ein verlässliches Regelwerk an die Hand. Viele Ernährungssoziologen glauben, dass solche Ernährungstrends etwas mit dem Wohlstand einer Gesellschaft zu tun haben, mit Übersättigung und Überfluss. Die Verunsicherung und Angst, sich gesundheits- oder umweltschädigend zu ernähren, führe bei vielen Menschen zu einer freiwilligen Einschränkung, sagt Jana Rückert-John. Problematisch werde das dann, wenn es zwanghafte Züge annehme. Und wenn Menschen, die tatsächlich an einer Unverträglichkeit oder Erkrankung wie Zöliakie leiden, nicht mehr ernst genommen werden, wenn sie im Restaurant nach glutenfreier Kost fragen.

Von Hanna Spanhel