Hände voller Leben: Der Wormser Chirurg Jochen Blum über die...

Der Chirurg  Jochen Blum  in seiner  Geigenbau- Werkstatt. Foto: Joachim  Retzbach  Foto: Joachim  Retzbach

Etwas mit seinen Händen machen, das wollte Jochen Blum schon immer. Nach dem Abitur ging er nicht direkt an die Uni, sondern machte in Italien eine Ausbildung zum Geigenbauer....

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. Etwas mit seinen Händen machen, das wollte Jochen Blum schon immer. Nach dem Abitur ging er nicht direkt an die Uni, sondern machte in Italien eine Ausbildung zum Geigenbauer. Seine Werkstücke zu verkaufen, hatte Blum jedoch nie im Sinn. Es ging ihm darum, selbst mit Hölzern und Klangfarben zu experimentieren. Sein Fernziel verlor er dabei nie aus den Augen: Er wurde Arzt, genauer gesagt Chirurg – das wohl handwerklichste medizinische Fach.

Der Chirurg  Jochen Blum  in seiner  Geigenbau- Werkstatt. Foto: Joachim  Retzbach  Foto: Joachim  Retzbach

Heute baut Blum, 58, immer noch eigene Geigen und Bratschen zu Hause in Mainz. Hauptsächlich aber ist er Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie am Klinikum Worms. Als solcher hat er regelmäßig mit Patienten zu tun, deren Berührungsempfinden gestört ist. „Wir nutzen unseren Tastsinn ständig, aber ohne darüber nachzudenken“, sagt er. Egal, ob wir einen Einkaufszettel schreiben, eine Kaffeetasse zum Mund führen oder einen Reißverschluss zumachen. Dennoch führt der Tastsinn – genauer gesagt: das Tastsinnessystem (siehe Infokasten) – in der Wissenschaft ein Nischendasein. Dabei halten manche Forscher unsere Fähigkeit, Berührungen wahrzunehmen, sogar für unseren elementarsten und wichtigsten Sinn.

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In jedem Fall ist er entwicklungsgeschichtlich der älteste. Der Tastsinn entstand in der Evolution lange bevor die ersten Lebewesen sehen oder hören konnten. Die Haut ist außerdem das größte Sinnesorgan des Menschen: Auf sie entfallen fast 20 Prozent unseres Körpergewichts. Nur dank des Tastsinns merken wir überhaupt, wo unser Körper endet und die Welt anfängt. Doch einigen Forschungsergebnissen zufolge helfen uns Greifen und Fühlen nicht nur dabei, uns im Alltag zurechtzufinden. Sie dienen auch der Verständigung mit unseren Mitmenschen.

„Vielen ist gar nicht bewusst, wie oft wir über Berührungen miteinander kommunizieren“, sagt Jochen Blum. Tatsächlich belegen Studien, wie alltägliche, leichte Berührungen uns beeinflussen. Ein beiläufiges Anfassen am Oberarm etwa – wenn es in der jeweiligen Situation kulturell angemessen ist – stimmt Menschen hilfsbereiter. So willigten Passanten eher ein, eine Petition zu unterschreiben oder einen Fragebogen auszufüllen, nachdem der Fragesteller ihnen kurz die Hand auf den Arm gelegt hatte. Denn eine leichte Berührung am Arm signalisiert offenbar Nähe und Zuneigung. Schon in den 1980er Jahren hatten Psychologen beobachtet, dass Kellnerinnen mehr Trinkgeld erhalten, wenn sie beim Kassieren die Kunden leicht an der Schulter oder auf der Handfläche berühren. Insgesamt scheinen allerdings Männer wie Frauen besser auf eine kurze Berührung anzusprechen, wenn diese von einer Frau ausgeht.

Das Fühlen beginnt schon im Mutterleib. Ein Embryo spürt seine Umgebung, bevor er die ersten Geräusche hört oder Helligkeit wahrnimmt. Babys eignen sich dann die Welt an, indem sie alles Neue erst einmal in Hände und Mund nehmen, um es zu „begreifen“. „Finger und Lippen sind unsere sensibelsten Tastorgane“, erklärt der Psychologe Martin Grunwald. Er leitet das Haptik­Labor an der Universität Leipzig, das einzige wissenschaftliche Institut in Europa, das sich ganz der Erforschung des Tastsinns verschrieben hat.

Grunwald ist überzeugt: „Säugetiere brachen taktile Erfahrungen zur körperlichen und zur sozialen Entwicklung.“ Das zeigten beispielsweise frühere Experimente an Ratten. Jungtiere, die ohne Körperkontakt aufwuchsen, starben – selbst, wenn sie ausreichend Futter und Wasser hatten. Auch Kinder brauchen Umarmungen. Und die Forschung stützt sogar den Trend zu Babymassagen: Frühchen, die regelmäßig massiert werden, haben einen geringeren Pegel des Stresshormons Cortisol und holen Entwicklungsdefizite schneller auf.

Von einer anderen Tasterfahrung im jungen Alter rät Grunwald allerdings eher ab: dem Touchscreen, also dem berührungsempfindlichen Bildschirm von Smartphones, Tablets und Co. Der führt laut dem Haptikforscher zu einer Verarmung des Tasterlebens. „Das ist nur glattes Glas. Für die Finger absolut langweilig!“ Grunwald ist daher überzeugt, dass Kleinkinder für eine gesunde Entwicklung nicht zu viele rein virtuelle Erlebnisse machen sollten.

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Im Alter hingegen lässt der Tastsinn häufig nach, genau wie das Hör- oder Sehvermögen. Ein guter Schutz dagegen könnte darin bestehen, sein Berührungsempfinden regelmäßig zu fordern, damit es nicht verkümmert. Profimusiker etwa, weiß Chirurg Jochen Blum, entwickeln über das beständige Training über Jahre hinweg ebenfalls einen besonders sensiblen Tastsinn. Tatsächlich sind sie auf das Fühlen stärker angewiesen, als vielen bewusst ist. „Ohne Augen kann ich musizieren, ohne Tastsinn nicht“, so Blum. Besonders deutlich wird das bei Instrumenten wie der Geige, bei der beide Hände gemeinsam jeden einzelnen Ton gewissermaßen erfühlen müssen. Doch auch beim Klavier entscheidet das Fingerspitzengefühl des Pianisten über den Klang. Und Bläser brauchen ausgesprochen empfindsame Lippen, um korrekt zu intonieren.

Umso dramatischer ist es für Musiker, wenn ihr Tastsinn gestört ist. Viruserkrankungen können ebenso wie zu intensives Üben das Berührungsempfinden beeinträchtigen. Darbietungen auf sehr hohem Niveau sind dann plötzlich nicht mehr möglich. Die Behandlung von Profimusikern hat sich Geigenbauer und Musikfan Blum daher besonders auf die Fahnen geschrieben. Er bietet am Wormser Klinikum eine eigene Musikersprechstunde an, regelmäßig hält er zudem Vorlesungen zur Prävention solcher Berufskrankheiten an der Musikhochschule Frankfurt am Main. Schließlich weiß Blum als Chirurg, dass der Tastsinn nicht nur fürs Musizieren wichtig ist, bei handwerklichen Arbeiten oder um Nähe und Geborgenheit herzustellen: Auch im OP-Saal genaue Schnitte zu setzen, geht nur mit einem intakten Fingerspitzengefühl – das ist derzeit noch durch keine Technologie vollständig zu ersetzen.

Von Joachim Retzbach