Apotheker-Kolumne: Brustwachstum durch Lavendelöl

Rolf Thesen informiert über Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel. Foto: Thesen

Auch Naturheilmittel können Nebenwirkungen haben - so zum Beispiel ätherische Öle. Manche Sorten können den Hormonhaushalt beeinflussen. Worauf Patienten besonders achten sollten.

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. Ätherische Öle gelten als natürlich und unbedenklich und werden daher gerade in der Alternativmedizin häufig eingesetzt. Teebaumöl soll bei verschiedenen Hautkrankheiten helfen, während Lavendelöl beruhigende Eigenschaften nachgesagt werden. Doch auch diese „harmlosen“ Naturheilmittel können Nebenwirkungen haben. So wirken bestimmte Inhaltsstoffe von Lavendel- und Teebaumöl offensichtlich ähnlich wie weibliche Sexualhormone (Östrogene).

Erste Hinweise darauf gab es im Jahre 2007, als amerikanische Autoren im New England Journal of Medicine von drei Jungen berichteten, bei denen es vor Beginn ihrer Pubertät zu einem unnormalen Brustwachstum gekommen war. Ihre Nachforschungen ergaben, dass die Kinder über längere Zeit mit Lavendel- beziehungsweise Teebaumöl eingerieben worden waren. Nachdem die Öle weggelassen wurden, normalisierte sich das unnatürliche Brustwachstum wieder.

Eine von Wissenschaftlern des US-amerikanischen National Institute of Environmental Health Sciences durchgeführte neuere Studie von 2018 unterstützt die These, dass Inhaltsstoffe der beiden ätherischen Öle ähnlich wie Östrogene wirken können.

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Auswirkungen auf Östrogen und Testosteron

So wurden in Experimenten an menschlichen Zellen acht Bestandteile von Lavendel- und Teebaumöl (u.a. Eucalyptol und Limonen) untersucht. Die Substanzen wirkten ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen und hemmten zudem die Aktivität des männlichen Sexualhormons Testosteron. Die beiden ätherischen Öle werden zum Teil unverdünnt als „sanfte“ Medizin in der Aromatherapie oder als Raumduft sowie bei Hautkrankheiten angewendet, sind aufgrund ihres angenehmen Duftes aber auch in zahlreichen Kosmetika wie Seifen, Parfums oder Haar- und Hautpflegeprodukten enthalten. Ein pflanzliches Arzneimittel, Lasea, das zur Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung in Form von Kapseln eingesetzt wird, enthält reines Lavendelöl, ist aber nicht zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen vorgesehen.

Die untersuchten acht Ölbestandteile kommen nicht nur in den beiden untersuchten Ölen von Teebaum und Lavendel vor, sondern wurden auch in mindestens 65 weiteren ätherischen Ölen gefunden. Aufgrund dieser potenziellen Gesundheitsrisiken sollten die betroffenen ätherischen Öle, so der Rat der Forscher, weiter untersucht werden. Vorsichtshalber sollten ätherische Öle - vor allem bei Kindern – nicht unverdünnt in größerer Menge oder über längerer Zeit auf die Haut aufgetragen werden.

Wenn Jungen und Mädchen vor der Pubertät plötzlich ein abnormales Brustwachstum zeigen, sollten Eltern die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es eine Ursache sein könnte, dass Lavendel- oder Teebaumöl in großer Menge verwendet wurden. Ob und wie sich diese pflanzlichen Hormone auch bei Frauen mit Brustkrebs auswirken, ist nicht bekannt. So lange dazu keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, sollte im Sinne des vorbeugenden Verbraucherschutzes Lavendelöl von Brustkrebspatientinnen gemieden werden, so die Antwort des „arznei-telegramm“ auf eine schriftliche Anfrage.

Von Rolf Thesen