WM-Analyse: Kolumbien - Der Traum des Tigers

Falcao (links) ist das Herzstück der kolumbianischen Offensive, auch wenn der Altmeister die besten Zeiten eigentlich schon hinter sich hat. Foto: dpa

Radamel Falcao ist ein Superstar, aber eine WM hat er noch nie gespielt. 2014 ist er verletzt. Kolumbien glänzt ohne ihn, kommt bis ins Viertelfinale. Wie weit schafft es die...

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. Von Felix Plum

Januar 2014. Soner Ertek, Monts d'Or Azergues, französischer Pokal. Das sind die Koordinaten des Grauens für Radamel Falcao, damals kolumbianischer Hoffnungsträger für die WM in Brasilien. Der Mittelstürmer spielt mit seinem Klub AS Monaco im Pokal gegen den Viertligisten. Ertek erwischt ihn von hinten am Standbein, Kreuzbandriss, aus ist der Traum vom WM-Turnier. Ausgerechnet bei Kolumbiens erster WM-Teilnahme seit 16 Jahren fehlt dem Team sein Superstar. Was dann folgt, ist ein Stück Fußball-Geschichte: „Los Cafeteros“ legen mit Spielwitz und Leidenschaft das beste Turnier der kolumbianischen WM-Historie hin. Erst im Viertelfinale scheitert das Team von José Pékerman knapp 1:2 gegen Gastgeber Brasilien. Der heutige Bayern-Legionär James Rodríguez, damals wie Falcao in Monaco unter Vertrag, wird Torschützenkönig und Spieler des Turniers.

Sehr viel ähnlich zu 2014, aber Falcao ist dabei

Juni 2018. Falcao hat es geschafft. Kolumbien hat sich für die WM in Russland qualifiziert – zwar mehr schlecht als recht am letzten Spieltag der Südamerika-Qualifikation, aber dabei ist dabei. Und diesmal ist „El Tigre“, wie Falcao in seiner Heimat genannt wird, fit. Der Stürmer, der mittlerweile wieder beim AS Monaco spielt, soll es in Gruppe H gegen Japan, Polen und Senegal richten. Doch Falcao ist bei Weitem nicht der einzige Grund dafür, dass Trainer José Pékerman, der Kolumbien seit 2012 trainiert, voller Zuversicht in das Turnier gehen kann: Die Mannschaft des Argentiniers weiß, was es bedeutet, unter Druck gegen die Besten der Welt zu spielen.

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Zudem hat der Weltranglisten-16. die richtige Mischung aus Jugend und Erfahrung; in der Innenverteidigung sind da etwa der 22-jährige Davinson Sánchez, der in seiner Premierensaison bei Tottenham Hotspur voll eingeschlagen hat, und der 31-jährigen Christián Zapata vom AC Mailand. Er zieht die Fäden für die südamerikanische „Tricolor“, hat mit 54 Länderspielen viel Routine. Nachdem sich Frank Fabra im Training der Kolumbianer einen Kreuzbandriss zuzog, dürfte Johan Mojica vom spanischen FC Girona als Linksverteidiger spielen. Das topbesetzte Mittelfeld um James und Juventus-Legionär Juan Cuadrado spricht für sich.

Rekordsaison 2010/11

Und vorne, da ist eben Falcao, die kolumbianische „9“, der Kapitän. Für den 32-Jährigen soll die WM die Krönung einer Karriere werden, in der es trotz persönlicher Rekorde nie dazu gereicht hat, in der absoluten Weltspitze erfolgreich zu sein.

Seinen sportlichen Durchbruch schafft der Sunnyboy aus Santa Marta in der Spielzeit 2010/2011. „Das ist eine Saison, die ich niemals vergessen werde“, sagt Falcao später. Kein Wunder: Mit dem FC Porto gewinnt er das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Europa League, er wird mit 17 Toren in 14 Spielen Europa-League-Torschützenkönig – bis heute Rekord.

Weltstar Roberto Falcão als Namensgeber

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Auch Falcaos Vater war Fußballprofi, er hat ihn nach dem Brasilianer Roberto Falcão benannt, der in den 70er und 80er Jahren für Porto Allegre und AS Rom aktiv war. „Ich habe das Fußballspielen geerbt“, sagt Falcao. Und über seinen Vater: „Er wollte wirklich, dass ich spiele. Ich denke auch, weil er gemerkt hat, dass ich gut genug war und ihn nicht blamieren würde.“

Von Blamagen ist Radamel Falcao weit entfernt. Nachdem „El Tigre“ mit Porto alles gewonnen hat, geht er zu Atlético Madrid und holt den Europa-League-Titel gleich noch einmal – wieder als Torschützenkönig und als erster Spieler mit verschiedenen Teams nacheinander. Das kompakte Kraftpaket ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Falcao ist zu einem Phänomen geworden. Ein Jahr später wechselt er für 43 Millionen Euro zum neureichen AS Monaco, wo sich seine Wege 2014, an jenem folgenschweren Januarabend, mit Soner Ertek von Monts d'Or Azergues kreuzen.

Durch den Kreuzbandriss fällt Falcao ein halbes Jahr aus. Als er wieder fit ist, wechselt der Kolumbianer in die Premier League. Doch auf der Insel kann er sich nicht durchsetzen, weder bei Manchester United unter Louis van Gaal noch beim FC Chelsea – auch, weil ihn immer wieder Verletzungen zurückwerfen. „Ich wünschte, ich müsste das nicht durchstehen, aber es hilft mir auch, zu reifen“, sagt er später.

Heute, mit 32 Jahren, ist „El Tigre“ reif. Der kolumbianische Kapitän weiß genau, dass Russland seine letzte Chance auf der großen Fußballbühne ist. Und die letzte Chance, seinen großen Traum zu verwirklichen: Eine WM zu spielen, Tore zu schießen – und vielleicht sogar den Pokal in den Himmel zu stemmen.