WM-Analyse: Belgien - Mertens' Sinn für Gerechtigkeit

Nicht nur für Belgien ist Dries Mertens (Mitte) ein Gewinn. Foto: dpa

Die goldene Generation der Belgier muss so langsam mal etwas gewinnen, um ihrem Image gerecht zu werden. Dries Mertens wäre es erst recht zu gönnen, einen Titel zu gewinnen....

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. Von Björn-Christian Schüßler

Belgien gilt seit der Weltmeisterschaft vor vier Jahren als einer der heißesten Anwärter auf den Titel bei einem großen Turnier. Als Geheimfavorit reist der Beneluxstaat auch diesmal nach Russland. Die aktuelle Spielergeneration hat viele großartige Talente hervorgebracht wie die Hazard-Brüder Thorgan und Eden, Mittelfeldmotor Marouane Fellaini mit der auffälligen Frisur oder Toby Alderweireld mit dem konsequenten Defensivchecking. Auch Dries Mertens gehört dieser Generation an, auch wenn bei dem Angreifer des SSC Neapel vieles anders gelagert ist als bei seinen Nationalteam-Kollegen.

Doch woher kommen diese hochveranlagten Fußballer plötzlich? Die Antwort klingt unter Experten zunächst einfach: Gute Nachwuchsarbeit des RSC Anderlecht. Tatsache ist, dass kaum einer der goldenen belgischen Generation überhaupt die Vorzüge der RSC-Schmiede genossen hat. Abwehrchef Vincent Kompany, Leander Dendoncker, Youri Tielemans, Adnan Januzaj, Romelu Lukaku wurden von Belgiens Traditionsverein ausgebildet. Fellaini und Mertens sammelten während ihrer RSC-Zeit die Erfahrung durch Ausleihen zu anderen Vereinen. Die meisten Talente im aktuellen WM-Kader entdeckte Germinal Beerschot, ein klassischer Ausbildungsverein. Systematik sucht man vergebens. "Es ist vermutlich Zufall", sagte Fußball-Idol Jan Ceulemans vor ein paar Jahren über den WM-Geheimfavoriten.

Eigentlich zu klein für einen Mittelstürmer

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Mertens rutschte durch das ohnehin löchrige Sportinternat-Screening in Belgien - zwar landete der Linksaußen in Anderlecht, doch hätte der schmächtige kleine Belgier den Sprung aus seinem Heimatort Leuven vermutlich nicht gewagt, hätte sein erster Verein Stade Leuven sich finanziell nicht übernommen und Konkurs angemeldet. 1,69 m, 61 kg - keine Paradestatur für einen Stürmer - dachten sich auch RSC und KAA Gent und entließen Mertens trotz guter Gene. Über Aalst, Apeldoorn und Utrecht arbeitete sich der "Löwe", wie er wegen seiner Vereinsherkunft später genannt wurde, sukzessive nach oben. Seinen Durchbruch schaffte Mertens auch ohne ein einziges Jahr von systematischer Talentförderung zu profitieren, ausgerechnet im Nachbarland Niederlande - bei der PSV Eindhoven. Wie zahlreiche belgische Kollegen übrigens, die den Sprung über die Ajax-Akademie schafften. Belgien müsste Oranje, die bei der WM gar nicht dabei sind, ziemlich dankbar sein.

Löwenherz bringt ungewollte Aufmerksamkeit

Mertens dankte es der PSV mit guten 37 Toren in 62 Ligaspielen - und verdiente sich eine Verdopplung seiner Bezüge - beim SSC Neapel. Und machte seit seinem Wechsel 2013 durch zwei Dinge auf sich aufmerksam: Konstant viele Tore (60/152) und sein Löwenherz. Denn der heute 31-Jährige entschloss sich in der abgelaufenen Spielzeit spontan nach einem Sieg in Turin, nicht mit den Kollegen in einem Klub zu feiern, sondern mit einem Freund Pizza an Obdachlose zu verteilen.

Seitdem engagiert sich der Belgier regelmäßig für kranke Kinder, arme Neapolitaner, ein Krankenhaus in Venezuela, eine Schulklasse in Guinea und sogar ein Tierheim. Allerdings frei nach dem Motto: Tue Gutes und sprich nicht darüber. Von seinen Aktionen, die er vermummt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzog, erfuhr die Welt nur durch Zufall. "Positivität" ist der Schlüssel für Mertens, der in dieser Saison auch den Durchbruch in der Nationalmannschaft schaffte. Sportliche Rückschläge werfen den "Löwen" nicht zurück, sondern zeigen dem Belgier die Dankbarkeit dafür auf, dass es auch gut laufen kann. Ein Gewinn nicht nur für die Menschen auf Neapels Straßen, sondern auch für den Geheimfavoriten. Positiv ist vieles möglich - und es acht auch noch Spaß.