WM 2014 - Holt die Generation J. endlich einen Titel?

Philipp Lahm. Foto: dpa

Die segensreich talentierte "Jogi-Generation" soll endlich mal einen Titel holen. Endlich mal. Das ist die Anspruchshaltung der überwiegenden Mehrheit der Anhänger der...

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. Von Reinhard Rehberg

Die Probleme vor dem Auftaktspiel gegen Portugal sind alle benannt. Die deutsche Elf tritt an ohne klassische Außenverteidiger, vier Innenverteidigerhünen bilden die Abwehrreihe. Der Weltklasseverteidiger Philipp Lahm muss für verlässliche Stabilität im Mittelfeld sorgen. Weil Löw nicht beurteilen kann, ob die lange verletzten Zentrumsspieler Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira bei diesem Turnier ihre Form finden. Der an guten Tagen geniale Chancenvorbereiter Mesut Özil ist nach einer schwachen Saison bei Arsenal London ein Wackelkandidat. Und das gilt auch für Miroslav Klose, der einzige klassische Mittelstürmer und Strafraumspezialist im Kader. Mario Gomez und Marco Reus als Optionen fallen aus. Die Vorzeichen für einen Titelgewinn könnten günstiger sein. Entscheidend wird sein, wie Trainer und Spieler mit dieser Situation umgehen: Man kann in den Ungewissheiten baden und an Alibis stricken, man kann die Probleme aber auch als eine spannende Herausforderung annehmen.

Ob sich diese Auswahl zu einer besonderen Turniermannschaft entwickelt, hat nicht nur zu tun mit Spielanlage, mit Taktik, mit individueller Form in der abgelaufenen Saison. Schon gegen Portugal wird man erkennen können, ob sich die DFB-Stars auf einer Mission befinden. Mit kollektiver Energie. Talent wird nicht reichen auf dem angestrebten Weg ins Finale. Da geht es um wilde Entschlossenheit, um die Bereitschaft, an körperliche Grenzen zu gehen, um die Bereitschaft, sich aufzuopfern, da geht es um Überwindungsverhalten, um Wettkampfhärte, um Widerstandsgeist, um Willenskraft, um permanente Präsenz, um gelebte Gemeinschaft vom Stammtorwart bis zum letzten Hinterbänkler. Diese Mannschaft muss sich in das Turnier kämpfen, Emotionalität aufbauen, Überzeugung erarbeiten, Erfahrung sammeln, wie sich die physischen Kräfte schlau einteilen lassen.

Kernthema Probleme überwinden?

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Die Probleme lassen sich nicht wegdiskutieren, aber sie lassen sich weglaufen, wegkämpfen, wegspielen. Eine Frage der Mentalität: Schuftet sich die DFB-Elite durch den subtropischen Regenwald mit dem I-Phone oder mit der Machete in der Hand? Das ist das Signal, das vom Portugal-Spiel ausgehen muss. Über Spielqualität sprechen wir später.

Was wäre ein Wunschverlauf für den Auftakt? 0:2-Rückstand, Schweiß treibender Kampf, Comeback, Siegtor kurz vor Schluss - in Unterzahl. Natürlich, es geht auch einfacher. Aber Probleme zu überwinden, das schweißt zusammen, das sind Schlüsselerlebnisse, die Zweifel zerstören, die emotionalisieren und stark machen. Daran wachsen Mannschaften. Und damit kann der Trainer fortan arbeiten. Ebenso kritisch wie aufbauend. Probleme überwinden, das kann ein Kernthema werden bei dieser WM. Auch und gerade für das Löw-Team. Man kann nicht früh genug damit beginnen.

Boateng vs. Ronaldo

Eine Aufstellung ohne klassische Außenverteidiger, das muss gegen Portugal kein entscheidender Nachteil sein. Vier Innenverteidiger können für defensive Stabilität sorgen, da fühlt sich jeder in seinem Kerngeschäft, das eigene Tor abzusichern, verantwortlich. Das sorgt für Stärke in der Luftverteidigung, auch für Stärke bei offensiven Standards. In der Spieleröffnung schlagen sich Jerome Boateng und Benedikt Höwedes ordentlich, für Offensivdruck an den Seitenplanken haben Sprinter wie André Schürrle oder Dribbler wie Mario Götze und Mesut Özil zu sorgen, auch der unkonventionelle Thomas Müller. Davon abgesehen: Boateng kann von der Seite mit seiner Physis, mit seiner Schnelligkeit und mit seinem Durchsetzungswillen auch Tore vorbereiten, der Hüne flankt nicht schlecht aus dem Halbfeld, diagonal auf den langen Pfosten.

Zudem weiß der Bayern-Brocken, wie man den portugiesischen Fixstern Cristiano Ronaldo bekämpft, das hat Boateng beim deutschen Startspiel bei der EM 2012 schon mal eindrucksvoll bewiesen als Rechtsverteidiger. Höwedes bekommt es links mit dem Nani zu tun, das ewige Talent, das bei Manchester United zwei lausige Spielzeiten hinter sich hat. Ob die Portugiesen als Mittelstürmer Hugo Almeida (Besiktas Istambul) oder Helder Postiga (vom FC Valencia ausgeliehen an Lazi Rom) aufbieten, das dürfte keine große Rolle spielen, beide haben als Torjäger ihren Zenit überschritten.

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Wie werden die Deutschen torgefährlich?

Im Mittelfeld wird es um Arbeit und um eine gute defensive Organisation gehen. Die Portugiesen, bei der EM 2012 erst im Halbfinale gescheitert nach Elfmeterschießen am späteren Turniersieger Spanien, haben mit dem kleinen Moutinho einen launischen Ballverteiler am Start sowie mit Meireles und Veloso zwei lauf- und kampfstarke Malocher. Dass diese Elf ihre Stärken im offensiven Umschaltspiel hat, das ist bekannt. Das beste Gegenmittel: Möglichst wenig leichte Ballverluste einstreuen - und über aggressives Gegenpressing die Anspiele auf den Turbosprinter Ronaldo schon in der Entstehung blocken, Passwege zustellen.

Wie wird die deutsche Mannschaft torgefährlich? Das spielerische Potenzial ist gegeben. Kombinieren, Tempodribblings, Laufwege in die Tiefe, ein Wechsel aus Ballbesitzphasen und Tempoüberfällen, das sollte funktionieren. Die Frage bleibt der letzte Kontakt, der Abschluss, die Chancenverwertung. Mag sein, dass der geradlinige und schussgewaltige Lukas Podolski auf diesem Gebiet die größte Waffe wird, der turniererfahrene Brecher wirkt aktuell extrem entschlossen und heiß, da hat einer so richtig Lust auf Leistung.

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