Sommerloch-Stopfstoff

Das bundesweit viel zitierte Sommerloch im Kreis Bad Kreuznach. Archivfoto: dpa

Wenn so gar nichts los ist zwischen Ende Juni und Anfang September, dann holt der Journalist, bundesweit, von Hamburg bis München, irgendwann gar nicht mehr so neue Stories...

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. "Ein Loch ist dazu da, um es zu stopfen!", rät der Astro-Mann in der Call-In-Show nach Betätigung des Raab’schen "Nippelboards". Die Kollegin des Sternen-Beraters nickt und schaut ebenso ernst und überzeugt wie ihr Kompagnon aus dem Fernsehbild im Fernsehbild. Der Entertainer dazwischen grinst sein weißes, breites Lachen mit den großen, falschen Zähnen. Das Publikum applaudiert frenetisch.

"Der hat gut lachen", denkt sich derweil der Journalist. Während Raab und alle seine Unterhaltungskollegen gemeinsam mit Politikern, Kulturschaffenden und Ligasportlern in die Sommerpause ziehen, beginnt ein Loch zu klaffen: Das Sommerloch.

Und das gilt es nun zu stopfen. Doch worüber berichtet man, wenn die Plenar- und Ratssäle so leer sind wie die Wüste Nevadas, wenn Schüler die Sommerferien genießen, wenn Sportplätze verwaist und Theaterbühnen leer sind? Sauregurkenzeit. Der Begriff beschrieb ursprünglich mal eine Zeit, in der es nur wenige Lebensmittel gab. Damit der Notizblock und später die Zeitung nicht ebenso leer bleiben wie die Vorratskammer, in der es nur noch Spreewaldgemüse gab, ist Erfindungsreichtum gefragt.

Rasende Reporter

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"Es gibt das Sommerloch wirklich!" mag vor vielen Jahren ein begeisterter Medienvertreter beim Blick auf die Deutschlandkarte euphorisch ausgerufen haben. Von da an wurde das 400-Seelen-Dorf im Landkreis Bad-Kreuznach am Rande des Soonwalds alljährlich von Reportern belagert, die stolz auf ihren Einfallsreichtum waren, die sich auf Spurensuche begaben, so richtig vor Ort und ganz und gar investigativ. "Und, wie lebt es sich so im Sommerloch?", war die wiedergekäute Frage hinterm Notizblock hervor oder durchs bunte Mikrophon.

Tierische Sensationsgier

Nur wenige Kilometer von Sommerloch entfernt, im Soonwald, haben Schreiberlinge auf der Suche nach dem Sommerlochstopfstoff vor wenigen Wochen jetzt endlich wieder Material entdeckt: Hirsch Hansi. Plötzlich verschwand das edle Tier aus seinem Damwild-Gehege. Zeitungen, Fernsehstationen und Radiosender selbst in Hamburg und Berlin begannen nachzuforschen: Wo ist Hansi? Und somit reihte sich Hansi ein in die lange Liste von "Sommerloch-Tieren": Da war Kuh Yvonne, die ebenfalls ausbüxte und durch österreichische Wälder wanderte, Brillenkaiman Sammy - "die Bestie vom Baggersee" - , die Schildkröte Schnappi, die im bayerischen Eichsee planschte, Petra, der schwarze Trauerschwan der völlig besinnungslos vor Liebe einem Tretboot in Form eines überdimensionierten Artgenossen hinterher schwamm… Apropos Schwan: In Schwandorf herrschte diesen Sommer bereits Krokodilalarm. Doch das bedrohliche Reptil entpuppte sich alsbald als Biber. Die "Akte Klausi" konnte geschlossen werden. Aufatmen. Am tragischsten allerdings war das Schicksal von Braunbär Bruno, der 2006 zum letzten Mal brummte, weil die Behörden beschlossen, ihn brutal zu erschießen - ein Skandal!

Skandale und Skandälchen

Skandal ist ein Wort, das man nun häufiger hört und liest, das in dicken, roten Lettern auf Boulevardblättern leuchtet und auf eingeblendeten Bändern durchs Bild läuft: Londoner Zinsskandal, Organspende-Skandal, Fußball-Wettskandal, die Skandal-Band "Pussy Riot" steht vor Gericht und kaum hat das sommerliche Sportprogramm begonnen, das die Zeit bis zum Liga-Start überbrückt, gibt es auch wieder den ersten Dopingskandal: Während man genüsslich ein "Ed von Schleck" schleckt, ist Fränk Schleck in aller Munde. Endlich hat auch die Olympiade begonnen und somit zumindest einen Grund für alltägliche Aufmacher-Schlagzeilen geschaffen ("Warten auf Gold" - "Endlich Gold!"). Und wenn man nicht gerade auf die Edelmetallmedaillen wartet oder sich über sie freut, gibt es dann eben auch dort wieder Doping-Verdachtsfälle und somit den nächsten Skandal.

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Aber auch beim alljährlichen Kultur-Highlight, das sicher ganz bewusst schon seit 1876 zur Sommerlochzeit stattfindet, hatte in diesem Jahr neben dem Nazi-Tattoo-Skandal ein weiteres Skandälchen zu bieten: Die Kanzlerin trägt dasselbe Kleid wie 2008! Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Mutter der Nation war doch immerhin züchtig bedeckt und konnte somit zum einen eine erneute "Dekolleté-Debatte" abwenden und gleichzeitig ein Statement zur finanziellen Lage Europas aussenden. Ein "Sparstrumpf" hätte vermutlich eher unschön in den Pumps ausgesehen.

Schluss mit den Skandalen! Anstatt Dinge aufzubauschen, sollte die Zeit genutzt werden für all die liegengebliebenen Reportage-Ideen und spannenden Serien, für die sonst leider oft der Platz fehlt. Und wenn selbst da nichts mehr zu holen ist… ja, dann müssen wir vielleicht einfach in die saure Gurke beißen.

Lea Mittmann