Rehbergs Birmingham-Tagebuch: Den Rest des Lebens Champion sein

Ein Fußballplatz unterm Hallendach, auch das gehört dazu im St. George´s Park der FA. Foto: rscp / René Vigneron

Zweifellos beeindruckend, so präsentiert sich das Ausbildungszentrum des Englischen Fußballverbandes FA, findet Reinhard Rehberg in seinem Tagebuch aus dem 05-Trainingslager...

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. Mr. Maxwell leitet die Führungen durch den St. George´s Park. Auch den Mainzer Journalisten zeigt und erklärt der lustige Medienchef des Ausbildungszentrums des Englischen Fußballverbandes FA die Geheimnisse dieses erst im Oktober 2012 in Betrieb genommenen Camps mitten in den Feldern unweit von Burton-upon-Trent. Was soll man sagen? Da sind 105 Millionen Euro verbaut worden. Alles neu, alles extrem modern, alles räumlich sehr großzügig, vielleicht etwas steril, aber zweifellos beeindruckend.

Da steht die kleine Fußballhalle. Da steht die große Fußballhalle mit dem Kunstrasenplatz in Originalmaßen und mit einer 60-Meter-Tartanbahn nebst entsprechender Technik für Sprintübungen. Da sind die in der bewaldeten Landschaft weitflächig verteilten 12 Premiumrasenplätze. Da sind die großen Konferenzräume im Nobelhotel, in denen Lehrgänge, Symposien, Wirtschafts- und Wissenschaftsforen stattfinden zum Thema Sport und Fußball. Und da ist der Bürokomplex. Dort sind untergebracht neben der Administration: die acht Umkleidekabinen, das hypermoderne Reha-Zentrum mit Unterdruckkammer im Raum für Leistungsdiagnostik, die Schwimmhalle mit einem Becken, dessen Boden in Höhe und Tiefe beliebig verstellbar ist, der Kraftraum in den Ausmaßen einer Autofertigungshalle.

26 Auswahlmannschaften trainieren auf dem Gelände

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Alles toll. Aber was sagt das aus über die Inhalte, die den insgesamt 26 nationalen Auswahlmannschaften auf diesem Campus vermittelt werden? Der englische Fußball hinkt international hinterher. Ein Besprechungshäuschen am Trainingsplatz 5 trägt den Namen "1966". Da war England mal Weltmeister, im eigenen Land, nach dem legendären "Wembley-Tor" von Geoff Hurst im Endspiel gegen Deutschland. Die englische Jahrhundert-Elf um Trainer Sir Alf Ramsey ist verewigt auf der Holzfassade der Hütte. Lange her.

Die 05er ziehen sich zum Training in der Kabine der englischen Nationalmannschaft um. Der mit edlen Hölzern wohnlich gestaltete Raum, in dem für sechs Tage Zeugwart Walter Notter regiert, ist benannt nach "Billy Wright". Wer bitte? Mr. Maxwell kapituliert. Wir googlen. Das ist eine Legende, die zwischen 1946 und 1959 für England 105 Länderspiele bestritten hat, 90 davon als Kapitän. All right. Aber das wirkt alles doch sehr rückwärtsgewandt.

Den Rest des Lebens Champion sein

Die überall in mannshohen Lettern an die Innenwände des Bürokomplexes genagelten Motivationssprüche sollen den Aufbruch in eine neue Zeitrechnung belegen. "Identifikation und Nationalstolz", heißt es da. Oder: "Die Zukunft hängt davon ab, was du heute tust." Oder: "Du hast eine bessere Chance zu gewinnen, wenn du dich einbringst als Teil eines Teams." Oder: "Die Zukunft beginnt jetzt." Oder: "Die härteste Herausforderung besteht oft darin, Ideen zu implantieren, die einen Wechsel möglich machen." Und Boxgigant Muhamed Ali wird mit den Worten zitiert: "Ich habe jedes harte Training gehasst, aber ich habe mir immer gesagt: Gib nicht auf, leide jetzt - und du wirst den Rest deines Lebens ein Champion sein."

All right. Worldchampion sind die Deutschen, die haben inzwischen drei Sterne mehr auf dem Hemd als die Engländer - und ein Campus in dieser Art ist gerade mal erst in Planung.

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Mr. Maxwell lächelt. Leute würden fordern, erklärt der Medienchief, der englische Fußball müsse einen ähnlichen Weg gehen wie die Deutschen, man müsse Erfolgselemente der Deutschen aufnehmen und ins Programm des St. George´s Parks integrieren. "Nein, das machen wir nicht, das würde nicht funktionieren", sagt Mr. Maxwell. "Wir wollen und müssen hier eine neue Philosophie, eine eigene DNS entwickeln." Ein moderner Trainer wie etwa Gary Southgate arbeite schon daran. Mit der englischen U21.

Der Weg in bessere Zukunft? Just hard work

Wie es der Zufall will, habe ich das Team von Gary Southgate Anfang Juni gesehen, in meinen Urlaub nahe Toulon. Dort findet alljährlich im Sommer das internationale U21-Turnier statt, der bedeutendste Wettbewerb für diese Alterklasse nach der U21-EM. England gegen Kolumbien. 0:0. Southgates Elf bot viel Tempo, viel Kampf, viel Herzblut. Spielerisch und taktisch? Ein tief organisiertes 4-4-2 in der Defensive, ein schematisches 4-2-3-1 in der Offensive, lange Diagonalbälle auf die Flügel, schlechte Flanken, nicht eine einzige echte Torchance. Talente? Will Keane (19), ein technisch begabter Zehner von Manchester United. Mehr war da nicht.

Der Weg in die bessere Zukunft ist weit. "Just hard work", wird der englische 5000-Meter-Olympiasieger Mo Farah im Medizinraum zitiert. Für die Heilung des englischen Fußballs brauche es zunächst mal neue Ideen und den Willen zur Veränderung , hat der unbarmherzige Analytiker Gary Lineker neulich erzählt. Ob die im St. George´s Park produziert werden, das wissen wir auch nach dieser Führung nicht. In der kommenden Woche schlägt hier der FC Barcelona auf, danach der FC Porto. Vielleicht lässt sich da etwas abschauen.