Rehbergs Analyse: Weichen gestellt für Europa League

Der Elfer von Yunus Malli brachte Mainz 05 auf die Siegerstraße. Foto: Torsten Boor.

Mit dem Arbeitssieg gegen den FC Ingolstadt hat der FSV Mainz 05 die Weichen gestellt für das wichtige Europa-League Spiel beim RSC Anderlecht am Donnerstag. Die Zuschauer...

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. Viele Trainer vereinbaren mit ihrem Kader vor einer Saison ein paar „Goldene Regeln“. Die stehen für die Gemeinschaft wie in Stein gemeißelt. Genau genommen hängen diese Vorgaben als Plakat an der Kabinenwand oder im Raum für die Mannschaftsbesprechungen. Bei Thomas Tuchel war eine der Regeln die „wilde Anfangsviertelstunde“: Das empfanden die Spieler als Verpflichtung. Kam gut an im Stadion. Unter Martin Schmidt gehört zum Pflichtprogramm, und das steckt bei den Profis tief drin, sogar wettbewerbsübergreifend: Es gibt für uns keine drei Niederlagen hintereinander. Das kommt auch hervorragend an in der Opel Arena. Nach dem 2:0-Heimsieg gegen den FC Ingolstadt – zuvor hatten die 05er das Ligaspiel in Schalke verloren und danach das Pokalspiel in Fürth – wurde die Mannschaft von ihren Anhängern emotionaler gefeiert, als man das schon erlebt hat nach einem typischen Arbeitssieg ohne große Höhepunkte.

Jairo ersetzt jungen Vater Onisiwo

Beim Publikum war an diesem Samstag angekommen, dass die Spieler auch in diesen besonderen Stresswochen mit einem hohen physischen Aufwand, mit großer Moral, mit viel Willen und Gemeinschaftssinn all das mobilisieren, was eine längere Misserfolgsphase schon im Ansatz erstickt. Da passte es ins Bild, dass sich der für die Startelf nominierte Karim Onisiwo eine Stunde vor Spielbeginn ins Krankenhaus verabschieden durfte. Während seine Kollegen den FC Ingolstadt niederrangen (mit nur noch einem Offensivspieler auf der Ersatzbank), erlebte der österreichische Nationalspieler an der Seite seiner Lebensgefährtin die Geburt des ersten Kindes. Jairo stürmte für Onisiwo. Und als der lange verletzte Spanier müde war, da kam Levin Öztunali von der dünn besetzten Bank. Und vernichtete beim Gegner mit seinem Treffer zum 2:0 sämtliche Hoffnungen auf einen möglichen glücklichen Punktgewinn.

Die 90 Minuten verliefen ansonsten genau so zäh, wie das zu erwarten war. Die Ingolstädter schoben ihren 4-4-2-Betonbunker aufs Feld. Und die 05er packten Schlagbohrer Hammer und Stemmeisen aus. Mit spielerischen Mitteln Angriffstiefe herzustellen gegen ein massives Raumverengungssystem, das liegt der Schmidt-Elf nicht (und vielen anderen Bundesligisten auch nicht). Von daher war es eine kluge Entscheidung des Trainers, auf den Einsatz der gröberen Werkzeuge zu bauen. Dem Gegner blieben exakt zwei Torschüsse. Und weil hinten die Null stand, erhielten sich die 05er immer die Chance, mit einem ihrer wenigen offensiven Durchbrüche die Partie zu entscheiden. Diese gegen den Ball von Konzentration, Konsequenz und taktischer Disziplin geprägte Malochermentalität war der Schlüssel zum Erfolg. Kritisch anmerken darf man, dass das Team in der Phase nach dem erlösenden 1:0 die - sich in der gegnerischen Hälfte nun öffnenden - Räume nicht nutzte. Da wurde das Spiel für eine Viertelstunde konfus.

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Junge Balleroberer im Mittelfeld

Aber da muss man anmerken, dass die zentralen Balleroberer und Aufbauspieler, die das Umschaltverhalten prägen, in Person von Suat Serdar und Jean-Philippe Gbamin mal gerade 19 beziehungsweise 20 Jahre alt sind. Natürlich fehlt es da noch an Erfahrung, an Reife. Dennoch ist gerade Serdar, der aus der eigenen Nachwuchsabteilung stammt, diesmal der Akteur gewesen, der die Ingolstädter mit seiner Laufbereitschaft und seinen ständigen scharfen Attacken am Mann bis zur letzten Minute genervt hat. Nach seinen aggressiven Balleroberungen läuft sich das Talent noch zu oft fest. Aber die ein oder andere konstruktive Einleitung von Spielzügen hat Serdar inzwischen im Programm. Die Weiterentwicklung ist deutlich erkennbar. Da steht ein Bundesligaspieler auf dem Platz, der als Profi noch zehn bis 12 Jahre vor sich hat. Und mit Innenverteidiger Alexander Hack gehörte ein Spieler, der in der U23 geformt worden ist, ebenfalls zu den Leistungsträgern.

Besonders gefeiert wurde Pablo de Blasis. Der Publikumsliebling ist kein überragender Techniker. Aber der kleine Argentinier hört nie auf. Da geht eine Dribbelaktion schief, schon stürzt sich der taktisch anarchische Giftzwerg unbeeindruckt in die nächste. Die Elfmeterszene zum 1:0 leitete de Blasis ein mit einem klugen, flach angesetzten Tiefenpass. Der ebenfalls sehr auffällige Daniel Brosinski ist sicher nicht mörderhaft gefoult worden. Aber: Hohes Tempo, der Gegenspieler war mit Händen und Füßen dran, da kann die kleinste Berührung das Gleichgewichtsgefühl beeinflussen. Der offensivstarke Linksverteidiger hat dankend angenommen. Und Yunus Malli verwandelte seinen dritten Strafstoß in dieser Saison. Kühl und sicher. Wie immer ins rechte Eck.

Konterversuche im Ansatz erstickt

Man hätte dem Powerpaket Jhon Cordoba noch einen Treffer gewünscht. Immerhin bereitete der Kolumbianer das 2:0 glänzend vor. Ein Sololauf, ein technisch gekonnter Doppelpass mit Malli, ein Querpass zu dem frei vor dem leeren Kasten stehenden Öztunali. Ein schön herausgespieltes Tor. Gewackelt hat das Kampfkonstrukt nur in einer Szene. Als Moritz Hartmann 05-Keeper Jonas Lössl schon umkurvt hatte, als Hack dann aber auf der Torlinie den Schuss des Ingolstädter Außenangreifers noch blockte. Ein 1:1 hätte die Sache verkompliziert.

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Alle anderen Konterversuche der Gäste schnappten sich die Mainzer schon im Ansatz. Wobei FC-Coach Markus Kauczinski seine Flügelpositionen gar nicht mit klassischen Konterspielern besetzt hatte. Hartmann ist ein umgeschulter Mittelstürmer, Pascal Groß ist ein zentraler Mittelfeldspieler. Beiden fehlt Dynamik, Antrittsschnelligkeit. Und die Ingolstädter konnten auch ihre Standardwaffen nicht einsetzen: Die aufmerksamen 05er ließen das nicht zu. Die Schmidt-Elf hat sich mental aufgebaut vor der richtungweisenden Partie am kommenden Donnerstag in der Europaliga beim RSC Anderlecht.