Rehbergs Analyse: Taktisch glänzend eingestelltes Team

Starker Auftritt: Nach dem 1:0 durch Shinji Okazaki (2.v.r.) gratulieren (v.l.) Junior Diaz, Sami Allagui und Niko Bungert. Foto: dpa

Weiterhin ungeschlagen in der Liga, fünf Punkte im Kasten nach drei Spieltagen. Für Mainz 05 und Trainer Kasper Hjulmand sieht es nach dem Auswärtssieg bei Hertha BSC nicht...

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. Das sind die schönen Geschichten im Fußball. Nach exakt einer Stunde wechselte der Hertha-Trainer seinen neuen Weltmann Salomon Kalou ein. Der ehemalige Chelsea-Stürmer zupfte noch an seinem Trikot und richtete sich die Hose, machte seine ersten drei schnellen Schritte, da baute Sami Allagui in selbigem Moment seine Legende aus: Der nicht zuletzt vor Kalou aus Berlin geflüchtete neue alte 05-Stürmer schob gelassen am langen Pfosten zum 2:0 ein - der 28-Jährige trifft seit 2008 immer im ersten Spiel nach einem Wechsel zu einem anderen Klub. Und der aus Dortmund geholte Hertha-Mittelstürmer Julian Schieber war bis auf eine Szene nicht zu sehen, der Mainzer Torjäger Shinji Okazaki, nicht ganz so hoch bezahlt wie Schieber und Kalou an der Spree, erzielte zwei Treffer beim 3:1-Sieg der 05er im Berliner Olympiastadion.

Und Kasper Hjulmand? Alles gut. Weiterhin ungeschlagen, fünf Punkte im Kasten im Kasten nach drei Spieltagen, nur einen Zähler weniger als der nächste Gegner Borussia Dortmund. Der neue 05-Trainer hat nun Ruhe im Kader, in der Stadt, in den Medien.

Effektiv gespielte Umschaltüberfälle

Der Däne hat einen eindrucksvollen Beleg dafür abgeliefert, dass er doch ein Gespür dafür hat, wie Mainz 05 in der Bundesliga zu zählbaren Erfolgen kommt. Da war eine sehr pragmatische Handschrift erkennbar. Das war eine laufintensive, zweikampfintensive, defensiv hervorragend organisierte, ebenso konzentriert wie konsequent durchgezogene Arbeitsleistung. Gepaart mit einigen wenigen - ausgesprochen effektiv genutzten - offensiven Umschaltüberfällen. Wären da nicht in der ersten Halbzeit die Rettungsaktion von Stefan Bell vor dem leeren Tor beim Stand von 0:0 und der unglückliche Handelfmeter zum 1:2 kurz vor Spielende gewesen, man hätte fast von einem ungefährdeten Auswärtssieg sprechen können.

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Bemerkenswert nach nur zwei Trainingseinheiten mit dem kompletten Kader nach der Länderspielpause mit 15 Mainzer Abstellungen. Der Matchplan hat gestimmt, der Matchplan hat gegriffen. Die Mannschaft präsentierte sich als engagierte, kompakte, taktisch glänzend eingestellte Einheit.

Hofmann und Allagui enorm laufstark

Das 05-Team mit den beiden enorm laufstarken Neuzugängen Jonas Hofmann und Allagui in der Startelf strahlte in einem klar erkennbaren Bild über 92 Minuten Ruhe und Überzeugung aus. Die Basis war die Arbeit gegen den Ball. Sehr gute Ordnung, enge Abstände zwischen den Linien, nie ohne Absicherung in der Tiefe nach hinten. Gegen dieses unermüdlich verschiebende, nach vorne verteidigende und an den zentralen Stellen giftig stechende Systembollwerk rannte und passte sich die Hertha die Füße wund. Hinten standen die fehlerfreien Innenververteidiger Niko Bungert und Stefall Bell, davor schuftete im Zentrum Johannes Geis, davor räumte der offensivere Sechser Julian Baumgartlinger ab, die Außenstürmer Hofmann und Allagui machten auch die ganz weiten Wege nach hinten, in der ersten Reihe liefen Okazaki und Ja-Cheol Koo sehr geschickt die Berliner Spieleröffnung an. Sehr stabil, sehr beweglich, sehr aggressiv diese Defensivmaschinerie in einer durchgehend hervorragenden Raumaufteilung.

Das Führungstor spielte den 05ern in die Karten. In den letzten 30 Minuten werde noch etwas passieren, hatte Hjulmand prognostiziert, bis dahin brauche es ein günstiges Zwischenergebnis. Das 1:0 passte. Und in der elften Minute der letzten halben Stunde passierte jenes 2:0 durch Allagui. Ein prächtiger Umschaltzug, zügig, präzise, eiskalt platziert - mitten hinein in die geöffneten Räume der längst leicht verzweifelt anrennenden Berliner. Perfekt. Wie am Reißbrett geplant. Bungerts Handspiel beim Abwehrsprung brachte nur noch kurz Spannung in die Endphase. Der selten so zielstrebig auftretende Yunus Malli legte kurz darauf als belebender Einwechsler Okazaki zentimetergenau das 3:1 auf.

Erstaunlich reife Vorstellung

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Ohne Meckerei wollen wir das 05-Team nicht entlassen. Da waren viele Situationen und offene Räume, in denen die Mainzer mehr Offensivwirkung hätten entfalten können. Baumgartlinger war ein ständiger Anschieber, einige der guten Einfädelaktionen des starken Österreichers versandeten. Auch, weil Koo als Zehner viele leichte Ballverluste einstreute. Man könnte auch noch anmerken, dass Linksverteidiger Diaz seinen Gegenspielern zuweilen etwas viel Raum ließ in den Flankenzonen. Schwamm drüber. Konstatieren wir dem Team eine erstaunlich reife, abgeklärte Vorstellung, eine gegen den Ball überzeugende Malocherleistung mit einer gelungenen Mischung aus Zweikampfschärfe und kompakt zugestellten Passwegen. Das wird auch gegen Borussia Dortmund gefragt sein.

Neue mit überzeugenden Auftritten

Und die Neuen? Sami Allagui, der die Mainzer Abläufe ja kennt aus seinen ersten beiden Jahren am Bruchweg, brummte eine enorme Arbeitsleistung runter. Das galt auch für Jonas Hofmann. Die beiden offensiven Außen im 4-2-3-1, die ständig die Seiten wechselten, darf man als Gewinn verbuchen. Allagui war der flinke, Torgefahr produzierende Dribbler, der bislang gefehlt hat. Hofmann ist ein eleganter Techniker, auch er ständig in Bewegung, oft anspielbar, gute Ballbehauptung, Spielintelligenz. Und dem 22-Jährigen ist kein Weg zu weit, nach vorne nicht und nach hinten nicht. Die Geschwindigkeitsläufe in die Tiefe waren noch nicht überragend wirkungsvoll. Aber die Möglichkeiten waren erkennbar. Und Hjulmand hat ja noch die kleinen Topsprinter Jairo und Pablo de Blasis in der Hinterhand.

Der lange Philipp Wollscheid kam in der Schlussphase. Als Hjulmand umstellte auf drei Innenverteidiger im Zentrum. Wollscheid wird seine Startelfchance bekommen, vielleicht schon im nächsten Heimspiel, wenn eine noch konstruktivere Spieleröffnung gefragt ist. Klar ist aber auch: Bell und Bungert haben in Berlin einen extrem guten Job gemacht, der neue Stopper aus Leverkusen wird sich schon strecken müssen. Aber mit dieser Konkurrenzsituation kann der von einigen Sorgen befreite 05-Coach sehr gut leben.