Rehbergs Analyse: Rennwagen ohne Zündschlüssel

Bedient: 05-Kapitän Julian Baumgartlinger, Daniel Latza und Niko Bungert in Leverkusen. Foto: dpa

Fünf Lehren, die Mainz 05 aus dem Spiel bei Bayer Leverkusen ziehen muss, hat Reinhard Rehberg in seinem Blog aufgelistet. Und vieles mehr.

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. Die Mainzer sind mit einem Rennboliden nach Leverkusen gefahren - und dann kriegen die Spieler den Schlüssel nicht ins Zündschloss ihres Beschleunigungsmonsters gefummelt. Dass diese Mannschaft sehr viel Geschwindigkeit mobilisieren kann, das ist bekannt. Wenn die Elf aber auf die Nutzung dieser ihrer Topstärke verzichtet, gut die Hälfte der PS-Wucht ungenutzt liegen lässt, und wenn der Gegner es parallel dazu schafft, bremsende Barrikaden aufzustellen, dann wird es schwierig in diesem Wettbewerb mit manchmal sehr ungleichen wirtschaftlichen und sportlichen Voraussetzungen.

Mut und Eigeninitiative waren gefordert als Gast des nicht gut in die Saison gestarteten Champions-League-Teilnehmers. Die 05er haben diese Mentalität nicht mobilisiert bekommen am Mittwochabend in Leverkusen. Mit einer Menge Glück hätte ein 0:0 oder 1:1 herausspringen können. Doch die Gastgeber hatten viele gute Argumente, dass ihr 1:0-Heimsieg in hohem Maße in Ordnung ging.

35 Prozent Ballbesitz

In der ersten Halbzeit produzierten die Mainzer bei 35 Prozent Ballbesitz und einem Schussverhältnis von 0:13 mit die schwächste Leistung seit dem Amtsantritt von Trainer Martin Schmidt. Die drei Torchancen nach der Pause deuteten zumindest an, dass in der BayArena mehr möglich gewesen wäre als dieser lange Zeit reaktive, nur auf das Zustellen von Passwegen angelegte, im eigenen Ballbesitz weitgehend blutleere Auftritt.

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Das soll nicht heißen, dass Bayer 04 für das Schmidt-Team ein jederzeit schlagbarer Gegner wäre. Wenn der letztjährige Bundesligavierte sein Potenzial in vollem Umfang auf den Platz brennt, dann setzt sich der individuell glänzend besetzte Favorit durch. Die Leverkusener boten eine läuferisch und kämpferisch engagierte, eine im Tempo gefällige, eine strukturierte Leistung - aber überwiegend ohne die ganz große spielerische Sicherheit und Durchschlagskraft. Dieser Mannschaft in der aktuellen Form hätte man weh tun können. Doch die 05er nahmen an diesem Abend die Herausforderrolle nicht an. Vielleicht mal kurz in der Phase zwischen der 60. und 70. Minute. Doch starke zehn Minuten sind zu wenig für einen Überraschungscoup bei einem auf Arbeit, Konzentration und Konsequenz getrimmten Heimteam.

Schwachstelle Mittelfeld

Die Mainzer Schwachstelle war das Mittelfeld. Und zu diesem Mannschaftsteil zählen in der Defensive und im Aufbauspiel auch die beiden Außenverteidiger sowie die beiden Außenstürmer. Dass die 05er die Flügelangriffe von Bayer – die Mannschaft von Roger Schmidt bespielte mit Hakan Calhanoglu und Kevin Kampl oft die Halbräume und verlagerte dann gegen die Verschieberichtung des Mainzer Defensivblocks diagonal auf die Seiten – nicht in den Griff bekamen, das wäre noch verschmerzbar gewesen. Denn im Abwehrzentrum räumten Niko Bungert und Stefan Bell die vielen hohen Flanken und flachen Hereingaben mit stoischer Ruhe weg, den Rest erledigte Keeper Loris Karius.

Dass die 05er aber eine Stunde lang fast gar keine aktiven Balleroberungen hatten, das genügte nicht dem Anspruch, eine im Kollektiv starke Pressing- und Umschaltmannschaft sein zu wollen. Es bleibt dabei: Ohne Balleroberung kein Konterspiel, ohne erfolgreiche Balljagd keine Tempoüberfälle. Das gewaltige Geschwindigkeitspotenzial blieb in Leverkusen auf der Strecke. Und da die 05er insgesamt kein von Überzeugung und Präzision getragenes Passspiel aufgezogen bekamen, fielen Entlastungsangriffe nahezu komplett aus. Die wenigen Versuche im Umkehrspiel versandeten meistens schon nach dem ersten oder zweiten Pass, meistens kurz vor oder kurz hinter der Mittellinie.

Lapidarer Gegentreffer

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Als der Favorit nach seinem erfolglosen 45-minütigen Dauerdruck dabei war, die zuvor mit giftigem Pressing und Gegenpressing komplett beherrschten Mittelfeldräume etwas zu öffnen, als die Mainzer dann durch Yunus Malli in der 62. und 68. Minute ihre beiden großen Torchancen zum Führungstreffer hatten, da platzte genau in diese bessere Phase das 0:1. Durch das bis dahin recht ordentlich verdichtete Zentrum. Sehr lapidar.

Schwaches Zweikampfverhalten des eingewechselten Danny Latza gegen die Ballannahme von Javier Hernandez, ein aufs falsche Bein gelockter, in diesem Moment zu passiver Julian Baumgartlinger, und dann wurde der Schuss des wenig auffälligen Stürmerstars aus Mexiko auch noch vom Kollegen Calhanoglu mit der Hüfte abgefälscht. Eine Mischung aus Fehlerkette und Pech. Der in der Entstehung eher unglückliche Rückstand brachte den Mainzer Auflehnungsversuch direkt wieder zum Einsturz.

Später trafen Stefan Kießling und Christoph Kramer noch jeweils den rechten Pfosten des Mainzer Kastens. Die 05er brachten nur noch einen Freistoß von Christian Clemens aufs gegnerische Tor. Zu wenig. Ein Schlussspurt wie beim 1:2 auf Schalke blieb aus.

Was bleibt an Erkenntnissen vor dem Heimspiel am kommenden Samstag gegen den übermächtigen FC Bayern München mit Robert „Neun-Minuten-Fünferpack“ Lewandowski? 1. Julian Baumgartlinger benötigt an seiner Seite einen aggressiveren Partner im Sechserraum, denn es braucht Ballgewinne für das Konterspiel. 2. Linksverteidiger Pierre Bengtsson, definitiv kein Meister in der reinen Abwehrarbeit, braucht vor sich als Unterstützung einen defensiv disziplinierteren Flügelmann als Pablo de Blasis. 3. Eine Spieleröffnung nur mit langen und hohen Schlägen, ohne dass in den vorderen Reihen organisiert und wild um die zweiten Bälle gekämpft wird, ist gegen Topfavoriten keine Entlastungslösung. 4. In der vordersten Linie kann Yoshinori Muto die Störaktionen gegen die gegnerische Spieleröffnung nicht alleine organisieren, da muss Yunus Malli - nach wie vor der torgefährlichste Mainzer und in sehr guter Form - tatkräftiger helfen. 5. Der Mannschaft nutzt der Außenseiterstatus nur, wenn das Kollektiv aus dieser Rolle heraus eine freche und mutige Herausforderermentalität mobilisiert.