Rehbergs Analyse: Nicht auf Darmstädter Nostalgiegeschichten...

Dirk Schuster. Foto: dpa

Darmstadt 98 schwimmt momentan auf einer Euphoriewelle, diesem aus Ruinen auferstandenen Klub glückt gerade mehr oder weniger alles. Mainz 05 sollte allerdings nicht so tun,...

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. Die schönsten und aufregendsten und lustigsten Bilder vom vergangenen Wochenende kamen aus Dortmund. Dieses kuriose 2:2 der über mehr als 30 Jahre verwelkt und unbeachtet auf der Wiese herumstehenden Lilien im stimmungsvollen 80.000-Zuschauer-Wohnzimmer der unter Thomas Tuchel von Erfolg zu Erfolg eilenden Borussia, das war eine grandiose Veranstaltung. Aus der die 05er, die am kommenden Freitagabend am Darmstädter Böllenfalltor anzutreten haben, eine wichtige Erkenntnis ziehen können: Diese zum Teil ausgesprochen kauzigen Typen des ebenso geradlinig wie pfiffig auftretenden Trainers und Managers Dirk Schuster segeln in diesen Wochen mit der Leichtigkeit des Seins auf der Welle des Momentums – diesem aus Ruinen auferstandenen Klub, der sich dazu aufgerufen fühlt, mit vermeintlich grobem Werkzeug und Malochermentalität die digitale Welt zu erobern, glückt gerade mehr oder weniger alles.

Nicht alles im Fußball ist erklärbar. Auch nicht dieser Punktgewinn der Lilien in Dortmund. Und wenn dem so ist, dann wird an Mythen gestrickt, dann werden Nichtigkeiten zu Sensationen aufgebauscht. In der Plauderrunde am Sonntagabend beim Bezahlsender Sky haben die Experten beobachtet, dass der Darmstädter Marcel Heller nach dem Abpfiff kryptische Zeichen abgesendet hat in die Zuschauerränge. Er habe seinen Bruder gegrüßt, erklärte der Torschütze zum Darmstädter Führungstor vor der Kamera. Die Experten waren begeistert, der Bruder im Gästeblock, nein, was für eine verrückte Geschichte, das hat es ja noch nie gegeben… Das drücke die familiäre Erfolgsatmosphäre in diesem Traditionsklub aus, hieß es.

Nur an den ganz besonderen Tagen

Und als dann noch Mittelfeldspieler Peter Niemeyer mit seinem zusammengeschweißten und schwarz unterlaufenen rechten Auge nebst Kopfverband in der Vereinsfarbe auf dem Bildschirm erschien und wie ein Krieger, der gerade der Erschöpfung nahe vom Feldzug nach Hause zurückgekehrt ist, mit dünnem Stimmchen erzählte, Mentalität schlage Qualität, da durfte man den Eindruck haben, die aufgeblühten Lilien hätten gerade einen Sensationssieg gefeiert in Dortmund. Das Ergebnis lautete 2:2. Nach einem Spiel, in dem die komplett unterlegenen Darmstädter exakt zwei Mal aufs gegnerische Tor geschossen hatten (in der 17. und in der 90. Minute) – und in dem die Borussia nach einem gefühlt 90-prozentigen Ballbesitz gegen eine eng gebaute Wagenburg pro Halbzeit ein Dutzend gut angelegter Angriffe verballert hatten.

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Dem hessischen Aufsteiger steht es zu, diesen an dieser Kultstätte im Ruhrpott tapfer erkämpften Glückspunkt sowie die aktuelle Tabellenposition vor den etablierten Lokalkonkurrenten Eintracht Frankfurt und Mainz 05 zu bejubeln. Aber: Mentalität ringt Qualität nicht in jedem Spiel ein Remis dieser Machart ab – so einfach funktioniert Fußball nur an den ganz besonderen Tagen.

05 spielt in Darmstadt, nicht beim FC Bayern

Für die 05er ist es ratsam, sich bis Freitag erst gar nicht einzulassen auf die zweifellos schönen und unterhaltsamen Darmstädter Nostalgiegeschichten. Am Böllfenfalltor spielen die Gäste nicht gegen Spinnweben unterm Kabinendach, gegen lauwarmes Wasser in der 100 Jahre alten Badewanne, gegen Unkraut auf den Stehrängen, gegen Vereinstradition oder einen Aufstand gegen das moderne Profigeschäft. Da steht ein ernst zu nehmender Gegner auf dem Platz, der unangenehm zu bespielende, aber nicht unbezwingbare sportliche Waffen am Start hat. Zumindest keine Waffen, die eine überlegene gegnerische Qualität zwangsläufig und ständig aus den Angeln heben. Für die 05er gilt: Die Mannschaft von Martin Schmidt erwischt die Darmstädter in diesem Moment fraglos auf ihrem mentalen und emotionalen Höhepunkt, die Lilien haben sich selbst Belege geliefert für sehr viel Überzeugung in ihrem einzigartigen Ansatz, in der Bundesliga Punkte einzusammeln. Da muss man gar nicht erinnern an den SC Paderborn, der in der Vorsaison nach einem Traumstart am Ende doch abgestiegen ist. Uninteressant.

Die Mainzer müssen am Freitagabend genau dieses Schuster-Kollektiv bespielen, das mit seinen ureigenen Mitteln in Schalke ein 1:1 geholt, das in Leverkusen mit 1:0 gewonnen, das zu Hause Werder Bremen gebremst und ausgekontert und das in Dortmund ein 2:2 erzwungen hat. Eine wenig kommode Aufgabe. Aber man sollte nicht so tun, als stehe da noch mal der im Moment nahezu unschlagbare FC Bayern mit seinen diversen Weltklassespielern auf dem Platz.

Mainz 05 nicht mit Tuchel-Elf vergleichen

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Gegen eine Defensivfestung, wie sie die Darmstädter in Dortmund präsentierten, kann man sich schon mal die Nase blutig passen. Im Signal-Iduna-Park stand die Viererkette als Innenverteidigerverbund auf der Strafraumlinie, ein die mittigen Lücken vernagelndes Deckungsbollwerk. Die seitlichen Räume blockierten die beiden äußeren Mittelfeldspieler. Vor dieser Sechs-Mann-Wand verschoben und grätschten drei zentrale Mittelfeldspieler. Und davor rannte die Kilometer fressende Sturmspitze Sandro Wagner die Passwege zu. Genügend Chancen für einen netten 4:2-Sieg hatte die Borussia dennoch.

Die 05er sind im eigenen Ballbesitz nicht vergleichbar mit der technischen Qualität der Tuchel-Elf. Die Chancen der 05er liegen auf einem anderen Gebiet: Konter konsequent abfangen und in die geöffneten Räume die Gegenkonter platzieren. Mehr zu den kauzigen Typen in Darmstadt und dem möglichen Matchplan der Mainzer in den Blogs am Mittwoch und Donnerstag.