Rehbergs Analyse: Nach Stromausfall und Systemabsturz...

Bedient: Torwart Loris Karius sowie seine Teamkollegen Leon Balogun, Yunus Malli und Pierre Bengtsson. Foto: Sascha Kopp

Latza verletzt. 0:1. Stromausfall. Systemabsturz, Festplatte gelöscht. 0:2, 0:3. So schnell kann´s gehen. Vor dem Pokalspiel am Dienstag muss 05-Trainer Martin Schmidt die...

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. An das sorgfältig geplante Verkehrschaos rund um Mainz und innerhalb dieser Stadt hat man sich gewöhnt. Geschenkt. Dass der örtliche Vorzeigefußballklub auf seiner Führungsebene Baustellen aufmacht, das ist neu. Mehr als zwei Jahrzehnte lang herrschte dort Ruhe und Ordnung. In dieser Atmosphäre haben sich alle sportlichen Krisen meistern lassen. Und diesmal? Mannschaft und Trainer stecken spätestens seit dem 1:3 in der Coface Arena gegen Werder Bremen, das war die zweite Heimniederlage hintereinander, in einer schwierigen Situation. Und schon haben Harald Strutz und Christian Heidel damit begonnen, sich wieder zusammenzuraufen.

Der Präsident hat – kaum dass zehn Tage vergangen sind nach seiner nicht autorisierten Bekanntmachung des Schalke-Angebots für den Manager – am Samstag vor der Sky-Kamera erstmals bekundet, dass er um einen Verbleib von Heidel zu kämpfen gedenkt. Der nun von zwei Seiten umworbene Macher und Entscheider auf dem Managerstuhl dürfte längst akzeptiert haben, dass sich der beabsichtigte Wechsel in den Ruhrpott gar nicht mehr organisieren lässt ohne Pulverdampf, ohne riesige Probleme und größere Schäden für alle Beteiligten.

Die neueste Prognose nach den Statements vom frühen Samstagabend: Das Verkehrschaos in Mainz hat Bestand – und am Bruchweg bleibt alles wie es ist. Wie hatte es der sicher besser informierte Trainer Martin Schmidt schon am Donnerstag formuliert: „Ein Sturm im Wasserglas.“ Ob sich im Klub in ein paar Wochen dennoch jemand an die nach wie vor überfälligen Strukturveränderungen auf der Führungsebene heranwagt? Spannend zu beobachten.

Vorerst wird es darum gehen, die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen. Das 1:3 gegen Werder Bremen - der angeschlagene Klub von der Weser wird die Coface Arena wahrscheinlich zu einer idealen Wiederauferstehungsstätte ausrufen - war ernüchternd. Die 05-Fans sind ruhig geblieben. Keine Pfiffe, keine Schmähgesänge. Aus dem Gästeblock tönte es laut und vernehmlich: „Ujah, Ujah, Ujah!“ An diesem herrlich sonnigen Nachmittag mit traditionellem Jodelchor, Alphornkunst und Kuhglockengeläut aus der Heimat des Trainers passte es zur gegenläufigen sportlichen Düsternis, dass die 05-Entdeckung Anthony Ujah mit zwei Treffern seinen Ex-Klub in die Hölle schickte.

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Trainer reagieren gerne antizyklisch

Trainer reagieren auf Ereignisse gerne antizyklisch. Nach der insgesamt ordentlichen Leistung seines Teams beim 0:2 gegen Borussia Dortmund übte Martin Schmidt Kritik. Die uninspirierte, matte, fehlerhafte Vorstellung gegen die Bremer bedachte der Schweizer mit dem ein oder anderen Lob. Verständlich. Denn schon am Dienstagabend stellt sich der sieglose Zweitligist 1860 München zum DFB-Pokalduell in der Mainzer Arena vor. Da redet man seine Spieler nicht in den Keller. Da sucht man nach den positiven Aspekten, die der Elf Halt geben können. Die Mannschaft habe nach der Pause Moral gezeigt und die zweite Halbzeit gewonnen, sagte Schmidt.

Und die ersten 35 Minuten seien auch nicht schlecht gewesen. Doch dann verletzte sich Danny Latza. Nach dessen Auswechslung sei die Mannschaft mit der Umstellung im Mittelfeld - Christoph Moritz rückte vom rechten Flügel auf die Sechserposition - nicht klar gekommen, und dann sei es eben passiert…

Vor dem Pausenpfiff zementiert

Das 0:1. Stromausfall. Systemabsturz, Festplatte gelöscht. 0:2, 0:3. Binnen neun Minuten (inklusive Nachspielzeit) war die Niederlage noch vor dem Pausensignal zementiert. Nahezu ohne Gegenwehr. Wir wollen die Ordnungsmängel und individuellen Fehler bei diesen drei Gegentoren gar nicht aufzählen, das würde den Rahmen sprengen. Da zog ein Sturm auf, die 05er rissen alle Fenster auf, im Wohnzimmer fielen die Blumentöpfe, die Stehlampen und die halbvollen Weinflaschen um und vom Tisch wirbelten die wohlgeordneten Papiere Richtung Decke. Chaos. Das glich auf dem Feld einem kollektiven Zusammenbruch. Keiner behielt den Überblick. Da war nicht die Spur von Widerstandsmentalität mehr erkennbar. Das Team ließ sich überlaufen. Von einem Gegner, der (nach fünf Niederlagen in Serie) bis zur 39. Minute nicht eine einzige torgefährliche Aktion vorzuweisen hatte.

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Tief und eng und vielbeinig hatten sich die Bremer verschanzt in ihrer 4-1-4-1-Ordnung gegen den Ball. Den 05ern fiel nicht viel ein gegen diese Werder-Wand aus Stahlbeton. Da brannte emotional kein Feuer, das Zweikampfverhalten war okay, aber nicht beeindruckend. Da waren keine Passmuster erkennbar, da gab es keine Tempoläufe, da fehlte die Durchsetzungsfähigkeit an den Seiten und in den torgefährlichen Räumen. Und da die Außenverteidigerposten mit Leon Balogun und Gonzalo Jara eher defensiv besetzt waren, entwickelte sich auch kein Druck, kein Tempo aus den hinteren Reihen. Das 0:1 fiel dennoch aus dem Nichts. Und als dann Yunus Malli, der in den ersten Minuten noch recht munter unterwegs war, im Bremer Strafraum nach einem Beinsteller von Philipp Bargfrede keinen Elfmeter zugesprochen bekam, ereignete sich im Konter direkt das 0:2. Der Anfang vom schnell folgenden Ende aller Ergebnishoffnungen.

Die 05er bäumten sich nach Wiederanpfiff auf. Mehr Zweikampfschärfe, mehr Dynamik, mehr Entschlossenheit. Drei vernünftige Chancen. 15 Minuten vor dem Ende scheiterte Pablo de Blasis frei vor dem Torhüter. Kurz vor dem Schlusssignal gelang Yoshinori Muto das 1:3. Zu spät.

Utopische Gegentore und wenig Druck nach vorne

Fazit: Die 05er kassieren seit einiger Zeit utopische Gegentore, die Balljagd im Mittelfeld und das Gegenpressing funktionieren nur ansatzweise, aufgezwungenes Ballbesitzspiel wird zur Belastung, an den Flügeln rennen die Dribbler Jairo und de Blasis viel, aber wirkungslos - und entsprechend dünn fällt dann auch die Präsenz im gegnerischen Strafraum aus, da kann man dem leicht überspielt wirkenden Mittelstürmer Muto gar keinen großen Vorwurf machen. Martin Schmidt muss mit seinen Spielern über die Bücher gehen. An diesem Tag mangelte es an Substanz, an Qualität, an sportlichem Fanatismus, an Willenskraft und auch an innerem Zusammenhalt.

Dieser Gemengelage sollten sich die 05er stellen. Mit offenem Visier und ausgefahrenen Antennen. Es ist früh in der Saison, da bleiben dem Trainer noch alle Regulierungsmöglichkeiten. Jetzt ausschließlich von einem unglücklichen Neun-Minuten-Blackout zu sprechen, das würde den aktuellen Zustand der Mannschaft verharmlosen.