Rehbergs Analyse: Nach starkem Auftritt in fulminanten Endspurt

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Die Mainzer waren dem Sieg am Ende der Partie beim VfL Wolfsburg sogar näher, meint nicht nur Reinhard Rehberg im Blog und geht die Schlüsselszenen des Spiels einzeln durch....

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. Neutrale Beobachter halten fünf Runden vor Saisonende ganz nüchtern die Fakten fest: Hertha BSC, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, der FSV Mainz 05 und der FC Schalke 04 bestreiten in der Bundesliga das Rennen um den dritten und vierten Champions-League-Platz. Drei international erfahrene Mannschaften, die ihre Pflichtziele verfolgen. Und zwei Überraschungsteams, bei denen kein mediales Unwetter aufzieht, wenn sie in der kommenden Saison „nur“ in der Europaliga antreten. Die 05er können sogar ganz cool bleiben: Europapokaldiskussionen bringen nicht einen Punkt mehr - der Weg ist das Ziel. Und dieser Weg kennt nur zwei Inhalte: Leistung und Ergebnisse. Beides hat gestimmt beim 1:1 am Samstagabend in der VW-Arena. Die Mainzer waren dem Sieg sogar näher als der im CL-Viertelfinale gefeierte Real-Madrid-Bezwinger VfL Wolfsburg.

Zum zweiten Mal hintereinander haben die 05er etwas geschafft, was ihnen in dieser Saison bis dahin überhaupt nicht gelingen wollte: Ein Ergebnis ziehen nach einem Rückstand. 0:1 hieß es im Heimspiel gegen den FC Augsburg. Am Ende stand ein 4:2-Sieg. 0:1 hieß es in Wolfsburg kurz nach der Pause nach einem phantastischen Tor des ehemaligen 05-Kollegen André Schürrle. Am Ende stand ein Remis, das die unter Siegzwang stehenden Gastgeber sogar noch als Erfolg verbuchen mussten. Torhüter Koen Casteels rettete dem Werksklub mit drei großen Paraden dieses schmeichelhafte 1:1. Unerschrocken, mit einer Mischung aus Leidenschaft und Abgeklärtheit, mit einem taktisch, spielerisch und in der Mentalität sehr reifen Auftritt hat die Mannschaft von Martin Schmidt den Wolfsburger Aufgaben gestellt, an denen der hohe Favorit beinahe komplett gescheitert wäre.

Werfen wir einen Blick auf die Schlüsselszenen.

27. MINUTE. Als Naldo als letzter Mann in der Wolfsburger Abwehr 05-Mittelstürmer Jhon Cordoba kurz vor Strafraum mit einem Griff an die Schulter zu Fall brachte, da hätte Günter Perl ohne Vergewaltigung des Regelwerks die Rote Karte ziehen können. Der Schiedsrichter aus München beließ es bei Gelb. Auch kein Skandal. Hätte sich für den Innenverteidigerkollegen Dante noch eine Eingriffsmöglichkeit ergeben? Hätte sich Cordoba eine glasklare Torchance eröffnet? Da gab es Interpretationsspielraum.

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53. MINUTE. Der 05-Trainer hatte überraschend Giulio Donati als linken Außenverteidiger aufgeboten für Gaetan Bussmann. Das hat Vorteile in der Spieleröffnung, denn da kann der Italiener mit seinem stärkeren rechten Fuß ins Zentrum passen. In dieser Szene vor dem 0:1 hätte Donati – schlecht angespielt im Halbraum - mit dem Gesicht zur Seitenauslinie seinen schwächeren linken Fuß benutzen müssen. Bis der Verteidiger diese Entscheidung gefällt hatte, stahl ihm Bruno Henrique die Kugel, Christian Träsch passte den Abpraller in die Tiefe. Der an diesem Tag starke André Schürrle vollendete mit einem technisch perfekten Chipball über Loris Karius hinweg. Vor Donatis Patzer war eine andere Aktion diskussionswürdig. Perl hatte Cordoba und Pablo de Blasis zuvor drei Szenen abgepfiffen, als die Stürmer mit dem Rücken zu ihrem Gegenspieler angeblich Foul gespielt hatten. Als sich der lange Bas Dost rücklings in Julian Baumgartlinger fallen ließ, mochte Perl kein Offensivfoul erkannt haben. In der Folge dieser Zweikampfauslegung geriet Donati in Unterzahlnot gegen Henrique und Träsch.

61. MINUTE. Die blendende Flanke von Christian Clemens nahm Yunus Malli mit der Innenseite des rechten Fußes an, mit dem Außenrist des selbigen Fußes schloss der 05-Zehner die Aktion aus kurzer Entfernung und unbehindert vor dem Wolfsburger Torhüter ab. Koordinativ und technisch ein Kunststück. Nur: Casteels bekam auf der Torlinie noch seine Stollen an die Kugel. Ein „fertiges Tor“ mündete in einen Eckball.

66. MINUTE. Überragender Diagonalpass von Stefan Bell in die Tiefe. Wie der gerade eingewechselte Jairo den Ball mit der Brust annahm, sich die Kugel vorlegte und dann mit dem Außenrist eiskalt ins lange Eck verwandelte, das war ein einziger harmonischer Bewegungsablauf. Das 1:1 war ein Klassetor.

68. MINUTE. Torhüter hassen es, wenn sie einen Ball im Rückwärtslauf parieren müssen. Casteels meisterte diese Prüfung sehenswert gegen den listigen Heber von Clemens.

76. MINUTE. Wieder ein präziser Schlag von Bell in die Tiefe. Malli war im richtigen Moment gestartet. Doch als er den Ball im Strafraum in einer halben Drehung verarbeitete, da brachte der präsente Casteels eine lange Hand ins Spiel. Gerettet.

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85. MINUTE. Ein unwiderstehlicher Sololauf von Jairo über 30 Meter. Der Winkel auf der halblinken Bahn wurde dann zu spitz für einen Querpass zum mittig frei stehenden Cordoba. Jairo scheiterte mit seinem Abschlussversuch am kurzen Eck, wieder stand der hoch konzentrierte Casteels im Weg.

Die 05er haben sich mit ihren Leistungen und Erfolgen Respekt erarbeitet. Auch Dieter Hecking hatte taktisch auf die Konterstärke des Gegners reagiert. Der VfL-Trainer verordnete seinem Team eine sehr kontrollierte Spielweise. Wenig Risikobereitschaft. Phasenweise wollten die in einem engen Block verteidigenden und auf Umschaltüberfälle sinnenden Wolfsburger ihren Gegner sogar locken. Real Madrid ist mit einer behäbigen Spielweise in diese Falle getappt. Die 05er nicht.

Selten präsentierte sich Schmidts Team derart clever

Selten hat sich die Schmidt-Elf im eigenen Ballbesitz gegen einen Topgegner derart clever verhalten. Eifrig und präzise wie ein Gleisarbeitertrupp legten sich die 05er ihre Schienen. Mal über geduldige Passstationen, mal über Sprints in die Tiefe. Und wenn mal etwas schief ging im Aufbau, dann behoben in der letzten Reihe die fehlerlosen Stoppersäulen Stefan Bell und Leon Balogun die entstandenen Probleme kompromisslos.

Am kommenden Sonntag bietet sich den 05ern im Heimspiel gegen den 1. FC Köln die Chance, das Zwischenziel von 48 Punkten zu erreichen. Eine prächtige Startrampe für einen von Leichtigkeit getragenen fulminanten Endspurt.