Rehbergs Analyse: Mario Götze und ein Moment für die Ewigkeit

Ein Traum wurde wahr: Mario Götze mit dem Pokal. Foto: dpa

Weltmeister. Viel mehr gibt es am Tag danach nicht zu sagen. Vielleicht noch, dass in der 113. Minute des WM-Finales zwischen Deutschland und Argentinien Mario Götze dem...

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. Von Reinhard Rehberg

Mario Götze. Millionen kleiner Buben in viel zu großen Fußballhemdchen träumen davon, wahrscheinlich haben wir alle diese Szene schon mal im Zeitlupentempo durchgespielt in unserem kindlichen Kopfkino: WM-Finale, ein voll besetztes Stadion, knisternde Spannung, kurz vor Schluss, die Kugel schwebt in den Strafraum, Annahme, Drehung, das Siegtor, eine Jubelorgie, dem Fernsehkommentator verschlägt es die Stimme, der in den Konfettiregen gereckte Pokal - und das Gesicht des gefeierten Helden kommt einem irgendwie bekannt vor aus dem häuslichen Badezimmerspiegel.

Mario Götze hat den Traum erlebt

Der kleine und pausbäckige Mario Götze sieht heute noch so aus wie einer dieser verträumten Buben, aber er hat es erlebt. Im berühmtesten Stadion auf diesem Erdball, im von Legenden umwehten Maracana in Rio de Janeiro hat der Hochbegabte sieben Minuten vor dem Ende der Verlängerung Deutschland zum Weltmeistertitel geschossen, der 22-Jährige hat dem DFB den vierten Stern aufs Trikot genagelt. Helmut Rahn, Gerd Müller, Andreas Brehme, Mario Götze. Vielleicht geht es ihnen ähnlich: Irgendwie muss man sich an den letzten Namen in dieser deutschen WM-Siegschützengalerie erst noch gewöhnen.

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13. Juni 2014. Deutschland gegen Argentinien. Die 113. Minute. Das erlösende 1:0. Mario Götze. Ein Moment für die Ewigkeit. Warum gerade Mario Götze? Warum nicht der großartige Anführer Bastian Schweinsteiger, der nach dem Abpfiff aussah, als hätte er gerade mit viel Glück eine Massenschlägerei lebend überstanden? Warum nicht der die Kilometer fressende Mannschaftskämpfer Thomas Müller? Warum nicht der überragende Abwehrhüne Jerome Boateng, der seinem mit dem letzten Tropfen Sprit über den Platz wankenden Nebenmann Mats Hummels in der Verlängerung die Arbeit abnahm?

Warum nicht der 120 Minuten nahezu fehlerfrei passende und unermüdlich ankurbelnde Kapitän Philipp Lahm? Warum nicht der so hart kritisierte, in diesem Finale aber über sich hinaus gewachsene Benedikt Höwedes? Warum nicht der sein letztes Hemd gebende WM-Rekordtorschütze, der 36 Jahre alte Miroslav Klose? Warum nicht der beste Joker dieser WM, Götzes Vorlagengeber André Schürrle? Warum nicht eher noch der ebenso coole wie unbezwingbare Welttorwart, der "falsche Fünfer" Manuel Neuer?

Eine launische und unberechenbare Instanz

Nein, der Fußballgott, diese launische, diese unberechenbare Instanz im neutralen Trikot hat sich den eingewechselten Mario Götze herausgepickt. Den gehypten Jungstar, der bei diesem Turnier bis dahin wenig bis nichts aus seinen riesigen fußballerischen Möglichkeiten gemacht, mit seiner unnahbaren Art und floskelhaften Sprache eher genervt hatte. Nicht alles im Fußball ist erklärbar. Egal. Götze stand zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und er war in der Lage, in einem entscheidenden Moment seine überragende Technik perfekt einzusetzen. Die deutsche Mannschaft hatte es verdient, vom nicht mehr fernen Elfmeterschießen verschont zu werden. Götze sei Dank.

Dieses Finale war ein beinharter Fight. Die Argentinier lieferten ihre beste Turnierleistung ab. Der bis dahin in den K.o.-Spielen blasse viermalige Weltfußballer Lionel Messi lieferte seine beste Turnierleistung ab, auch wenn er in der Verlängerung unsichtbar war. Die DFB-Elf hatte Mühe, ins Spiel zu finden gegen die ebenso harte wie intelligente argentinische Verteidigungskunst und gegen das bei diesem Turnier in dieser klugen, schnellen und präzisen Form noch nicht gesehene argentinische Konterspiel. Das Aus von Mittelfeldmatador Sami Khedira eine Viertelstunde vor dem Anpfiff, das frühe Ausscheiden seines bis dahin famosen Vertreters Christoph Kramer, die Einwechslung von Schürrle und Joachim Löws Entscheidung, die Struktur zu ändern und auf ein 4-2-3-1 umzustellen mit den beiden Sechsern Schweinsteiger und Toni Kroos sowie mit Mesut Özil auf der Zehnerposition, der viel zu großzügige Schiedsrichter aus Italien, der knüppelharte Attacken der Gauchos nicht ahndete - all diese unvorhersehbaren Gegebenheiten das haben den Argentiniern in ihrem kühl berechnenden Defensivansatz in die Karten gespielt.

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DFB-Elf hat nie den Kopf verloren

Aber die deutsche Mannschaft hat nie den Kopf verloren. Die leidenschaftlich standhafte Löw-Elf hat schwierige Phasen überstanden, sie hat nie an Überzeugung, an Entschlossenheit eingebüßt. Und am Ende entschieden die bessere Physis und die größere Willenskraft. Das war ein Beispiel dafür, welche Kraft die kollektive Energie einer missionarisch geschlossenen und entschlossenen Gemeinschaft entwickeln kann. Die beste Mannschaft dieses Turniers ist Weltmeister geworden. Angeführt von einem intelligenten Trainer, der bei seinem vierten großen Turnier mit fast allen seinen Entscheidungen richtig gelegen, der in den entscheidenden Momenten diesmal auch den unabdingbaren Wettkampfinstinkt bewiesen hat. Und ohne das nötige Spielglück wird man niemals einen Titel holen.