Rehbergs Analyse: Mainz 05 macht Stadion zum Erlebnispark

Jonathan Tah zerrt an Jhon Cordoba. Foto: hbz / Stefan Sämmer

Die Mannschaft von Mainz 05 hat alles aus sich rausgeholt, doch am Ende hat es nicht gereicht. Enttäuschung bei den Fans, die zuvor mit ihrem Team ein wildes Auf und Ab erlebt...

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. Auf der Kirmes ist die Risikobereitschaft der Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der eine setzt sich gerne in den Autoscooter: Harte Crashs, aber doch noch viel eigene Kontrolle über das Geschehen. Der andere fährt gerne Riesenrad: Schwindelerregende Höhen bei gleichmäßig-gemütlicher Geschwindigkeit. Der andere liebt die Achterbahn: Steil nach oben und noch steiler nach unten in einem Höllentempo. Die 05er packen in ihre Bundesligaspiele schon zum Saisonstart alles hinein. Kontrolle, Geschwindigkeit und ein wildes Rauf und Runter. Wer Nervenkitzel liebt und den Kick braucht, der schaut sich diese 05er an. Aufregende Abenteuerreisen in fremde Stadien. Und die Opel Arena wird zum Erlebnispark.

In Bremen drehte die Mannschaft von Martin Schmidt einen 70-minütigen Rückstand in den letzten Minuten in einen 2:1-Sieg um. Im heimischen Stadion ging nur zweieinhalb Tage später eine 2:1-Halbzeitführung flöten. 2:3 gegen Bayer 04 Leverkusen. Die Entscheidung ereignete sich in der Nachspielzeit. Die Mainzer Zuschauer waren enttäuscht. Aber keiner war böse. Denn die 05-Profis haben dem Champions-League-Klub zum Ausgang der ersten englischen Woche einen großen Fight geliefert. Ab der 60. Minute zollte die personell dezimierte Schmidt-Elf den ungewohnten physischen und mentalen Anstrengungen in drei Wettbewerben Tribut. Dafür bringen die Anhänger Verständnis auf. Wenn die Mannschaft alles rausholt, was an diesem Tag im Körper drinsteckt. Das war deutlich erkennbar.

Defensives Mittelfeld abhanden gekommen

Martin Schmidt sind die defensiven Mittelfeldspieler abhanden gekommen. Erneut musste Daniel Brosinski in der Zentrale aushelfen. Der Außenverteidiger entpuppt sich als Anschieber, das ist ein willensstarker Umschaltsechser. Neben Fabian Frei, der sich zu einem leidenschaftlichen Zweikämpfer, Ballschlepper und Ballverteiler entwickelt hat. Doch in der zweiten Halbzeit wurde der Gegenpressingdruck der Leverkusener derart massiv, dass die 05er es nicht mehr schafften, diese Sperren mit einfachen Pässen in die Tiefe zu überwinden. Roger Schmidt hatte zur und im Verlauf der zweiten 45 Minuten Premiumqualität eingewechselt. Nationalspieler Jonathan Tah in der Innenverteidigung, Nationalspieler Kevin Volland auf Rechtsaußen, Ex-Nationalspieler Stefan Kießling in der Sturmmitte. Ein 2:2 wäre für die Mainzer ein verdientes Topergebnis gewesen. Das 2:3 in der ersten Nachspielminute war dann der unglückliche Höhepunkt eines unglücklichen Tages von Stefan Bell.

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Der verlässliche 05-Abwehrchef, die 1,92 Meter hohe Säule im Deckungszentrum, stand bei allen drei Gegentoren nicht gut im Raum. Beim 1:1 flog ein im Prinzip harmloser, ideenloser Chippball aus der Mitte des Feldes über den tief im Strafraum positionierten Bell hinweg. Chicharito holte die Kugel sechs Meter vor dem Kasten tot aus der Luft, eine Drehung, ein kurzer Abzug. Keine Chance für Keeper Jonas Lössl.

Ideenloser hoher Schlag in den Strafraum

Dem 2:2 ging ein ähnlich ideenloser hoher Schlag in den Mainzer Strafraum voraus. Bell verlor das Kopfballduell gegen Kießling, Chicharito verwertete die Vorlage mit mehr Glück als Können; Alexander Hack fälschte den Schuss beim Blockversuch ab, dabei entstand eine Flugkurve, gegen die Lössl abermals keine Chance hatte.

Vor dem 2:3, wieder segelte ein ideenloser Mondball Richtung 16er, traf Bell nur eine halbe Entscheidung. Er sah den sich halblinks frei schleichenden Chicharito, aber der Kapitän beobachtete auch den auf der Strafraumlinie lauernden Zielstürmer Kießling. Der 05-Stopper machte zwei, drei Schritte nach vorne, der Ball flog über die Köpfe von Bell und Kießling hinweg, Chicharito stand im Rücken ohne Gegenspieler da (Giulio Donati war zudem zu spät eingerückt) – und der Torjäger aus Mexiko köpfelte die Kugel an Lössl vorbei ins lange Eck.

Kein Druck auf die Passgeber

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Fehlerketten. Die 05er übten keinen Druck auf die Passgeber aus, die Luftduelle gingen verloren. Der Rest hatte zu tun mit individueller Klasse beim Gegner: Chicharito, das einstmals stagnierende Talent im Trikot von Manchester United, braucht heute nicht mehr viele Chancen, um Tore am Fließband zu produzieren. Der an diesem Tag auch kämpferisch aufgeladene Techniker traf beim Stand von 2:2 zudem noch den Pfosten.

Bis zum Pausenpfiff hatten die 05er die Partie mit einer leidenschaftlichen, stabilen Defensivleistung kontrolliert. Vielleicht hätte das Team den Gegner in dieser Phase in der offensiven Umschaltung noch härter bestrafen müssen. Bayer rannte an mit zwei brutal nach vorn orientierten Außenverteidigern und mit vier - in den Halbräumen und in der Spitze verteilten - Stürmern. Die standen sich oft gegenseitig im Weg. Zur Absicherung parkten hinten meist nur die beiden Innenverteidiger. Ohne ein wirksames Gegenpressing war das ein Hochrisiko-Ansatz. Das nutzten die 05er beim von Levin Öztunali glänzend vorbereiteten und von Yunus Malli sicher abgeschlossenen 1:0 überragend gut aus. Ein von Brosinski eingeleiteter Bilderbuchkonter. Unzählige weitere Balleroberungen spielten die 05er in den Folgeaktionen nicht mehr konsequent aus.

Ringer und Catcher gegen Cordoba

Eines muss man aber auch feststellen: Die Ringkampf- und Catchereinlagen, mit denen die gegnerischen Innenverteidiger den robusten, schnellen und ballsicheren 05-Mittelstürmer Jhon Cordoba inzwischen bearbeiten, werden von den Schiedsrichtern nicht konsequent genug unterbunden. Der Kolumbianer muss sich nach dem Abpfiff fühlen, als käme er aus einer Schlacht.

Auch in den Zweikämpfen mit Ömer Toprak, Aleksandr Dragovic und nach der Pause Jonathan Tah wurde Cordoba gehalten, am Hemd gerissen und von hinten malträtiert, er wurde in den Luftkämpfen gestoßen und nach unten gedrückt. Erstaunlich, mit welcher Mischung aus Gelassenheit und Widerstandshärte der 23-Jährige diese brachialen, wenig regelkonformen Kampfmethoden über 90 Minuten erträgt.