Rehbergs Analyse: Im Halbfinale ist mehr gefragt als beim Sieg...

Die DFB-Elf muss im Halbfinale mehr bieten als beim Spiel gegen Frankreich. Foto: dpa

Gut gespielt hat die Eliteauswahl des DFB nicht, sondern sich den Sieg gegen Frankreich hart erkämpft. Im Halbfinale gegen die Kampf- und Tempomaschine aus Brasilien aber ist...

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. "Halbfinale, Glückwunsch, ihr steht im Halbfinale, Glückwunsch, Halbfinale, Glückwunsch…!" Die ARD-Reporter haben sich am Freitagabend in einer Endlosschleife in den Staub geworfen vor den deutschen Nationalspielern und ihrem Trainer nach dem 1:0-Sieg gegen Frankreich. Per Mertesackers "Watt-wollt-ihr-dennn?-Gewitter" vor einem ZDF-Mikro nach dem Verlängerungserfolg gegen Algerien hat Wirkung gezeigt. Jetzt stehen die Unterhaltungsjournalisten vom Fernsehen wieder stramm. Selbst der bislang nur schwer einzufangende Experte Mehmet Scholl überschlug sich fast vor Ehrerbietung.

Was soll diese Schleimerei? Die deutsche Elf steht unter Joachim Löw nach 2008 (EM), 2010 (WM) und 2012 (EM) zum vierten Mal hintereinander bei einem großen Turnier im Halbfinale. Ein toller Erfolg. Eine deutsche Elf hat seit 2002 bei jeder WM das Halbfinale erreicht. Das spricht für eine bemerkenswerte Qualität im deutschen Fußball über mehr als ein Jahrzehnt. Zur WM 2014 ist der DFB-Tross angetreten mit der Ansage: Titelgewinn. Und wer den Pokal stemmen will in Brasilien, der kommt an einem Halbfinaleinzug nicht vorbei. Löw hat geliefert. Trotz einiger Ausfälle, Verletzungs- und Krankheitssorgen. Löw erfüllt auch den Auftrag, nicht nur nett anzuschauenden Offensivfußball abzuliefern, sondern - gespeist mit dem nötigen Pragmatismus und inspiriert vom nötigen Wettkampfinstinkt - Ergebnisse zu erzwingen. Also: Die deutsche Elf steht im Halbfinale, ein bemerkenswerter Zwischenerfolg bei diesem klimatisch problematischen Hochgeschwindigkeitsturnier.

Hart erkämpfter Sieg gegen die Franzosen

Gut gespielt hat die Eliteauswahl des DFB nicht. Der Sieg gegen Frankreich war erkämpft. Hart erkämpft. Mannschaftlich hart erkämpft. Mit einer hervorragenden Defensivleistung. Torhüter Manuel Neuer sowie die Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng boten Weltklasseleistungen. Die Außenverteidiger Philipp Lahm und Benedikt Höwedes behaupteten sich auf ihren Seiten gegen schnelle und technisch starke Angreifer, obwohl sie oft in gegnerische Überzahlsituationen gerieten. Die gesamte Mannschaft wehrte sich in engen Abständen zwischen den Linien gegen die anrennenden Franzosen, denen letztlich in der Offensive die überragende individuelle Qualität und damit die nötige Durchschlagskraft fehlte.

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Die DFB-Elf kontrollierte die Partie in der ersten halben Stunde, Mats Hummels glückte ein perfektes Standardkopfballtor zum wegweisenden 1:0. Im Verlauf der ersten Halbzeit brachten sich die Deutschen mit vielen leichten Ballverlusten im Mittelfeld aus dem Konzept. Der rote Faden verflüchtigte sich, das Team fand ihn auch nicht mehr in der Hitze des Maracana-Stadions.

Gegen Kampf- und Tempomaschine

Um es klar zu sagen: Die Leistung gegen Frankreich im eigenen Ballbesitz kann im Halbfinale gegen die Kampf- und Tempomaschine Brasilien nicht reichen. Da wird noch mal eine gewaltige Steigerung nötig sein. Das defensiv gut organisierte, aber nach wie vor im Zweikampf nicht überragend aggressive und in der offensiven Umschaltung umständliche, langsame Mittelfeld mit Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Toni Kroos baute physisch viel zu früh ab. Mesut Özil schafft es nicht, seine mentalen Grenzen zu erweitern. Miroslav Klose präsentierte sich als aufopferungsvoller Arbeitsmittelstürmer, verwertbare Bälle landeten selten beim Torjäger. Und Thomas Müller, der rannte wie ein Verrückter, fand erst in den letzten zehn Minuten bespielbare Räume. Müller eröffnete dem eingewechselten André Schürrle zwei Torchancen (82., 88.), mehr Torabschlüsse aus dem Spiel heraus gelangen der DFB-Elf in diesen spannenden 90 Minuten nicht.

Riesige Räume für Konterzüge ungenutzt

Räume waren da für entscheidende Konterzüge, riesige Räume sogar. Kein Vorwurf an den tapferen Zweikämpfer Höwedes, aber der linke Flügel, diese acht Meter breite und 50 Meter lange Rasenfläche in der gegnerischen Hälfte, lag da wie Brachland. Özil zog oft ins Zentrum, die Franzosen verschoben extrem zum Ball hin, die linke Seite war ständig eine offene Prärie, doch kein deutscher Spieler besetzte diesen Freiraum. Löw hatte intensive Seitenverlagerungen angeordnet, doch in eine vereinsamte Landschaft kann man nicht verlagern. Da fehlt der im Sprinttempo hinterlaufende Außenverteidiger oder Mittelfeldspieler.

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Mag sein, dass es die nicht gibt im deutschen Kader. Ein Manko. Das gegen Brasilien größere Auswirkungen haben kann. Denn dann werden die Deutschen gezwungen sein, über Umschaltüberfälle zum Erfolg zu kommen. Betrachtet man sich das Geschwindigkeitspotenzial von Schweinsteiger, Khedira und Kroos, dann weiß man, warum Löw bislang auf den flinken Lahm im Mittelfeld gesetzt hat. Doch der Kapitän ist als Außenverteidiger alternativlos. Dieses Mittelfeld hat keine andere Wahl, als im Passspiel die Kugel schneller zu machen. Und womöglich braucht es im Halbfinale auf der linken Seite den Sprinter Schürrle in der Startelf.

Athletik und Umschalttempo gefragt

Gemeinschaftssinn, Moral, Kampfgeist, Widerstandswillen und Erfahrung hat diese Mannschaft. Auch eine belastbare Defensivreihe vor dem Weltklassekeeper Manuel Neuer. Aber gegen Brasilien braucht es auch noch Athletik im Mittelfeld und Umschalttempo nach vorne. Keine einfache Aufgabe für den Bundestrainer. Die Möglichkeiten im Mittelfeld sind begrenzt. Eines steht fest: Der gesund durch die Saison gekommene Toni Kroos kann und muss seine Schlagzahl erhöhen. Das gilt auch für Mesut Özil.