Rehbergs Analyse: Derbysieg, Jubelfeier, Humba - ein Anfang...

Johannes Geist nach seinem Kunstschuss zum 2:1 kurz nach der Halbzeit. Foto: dpa

Kampfgeist, Siegeswille und ein enormer körperlicher Einsatz haben Mainz 05 den Derbysieg über Eintracht Frankfurt beschert. Ein guter Start für den neuen Trainer Martin...

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. Man bewegt sich da auf einem schmalen Grat. Passt man nicht auf, kippt man ab ins Klischee. Der neue Trainer kommt wieder aus dem eigenen Haus, Rückbesinnung auf die unter dem (an Fastnacht beurlaubten) Vorgänger in Vergessenheit geratenen 10 Gebote des Klubs, eine feurige Ansprache: Eine wildere Mannschaft, ein bebendes Stadion - Derbysieg, Jubelfeier, Humba-Hüpfspiel! Glückselige Fans, ein tief erleichterter Vorstand.

Drehbuch für Heimatfußballfilm

Nimmt man dazu die Berichterstattung über den neuen Vordenker, ein gelernter Bergführer, Autoschrauber und Bekleidungsunternehmer, der noch vor der wichtigen Partie im Abstiegskampf mit (und wegen) seiner attraktiven Partnerin vom Boulevardblatt direkt mit Riesenfoto auf die Titelseite gehievt wird, dazu die mit großen und lauten Kuhlglocken und mit Wallis-Fahne in die Fastnachtsstadt angereiste Verwandtschaft aus der Schweiz, dann steht das Drehbuch fast schon für einen wunderbar kitschigen Heimatfußballfilm.

Manchmal ist Fußball tatsächlich relativ banal. Martin Schmidt ist ein kluger Mann. Der Fußballlehrer aus der Schweiz machte aus diesem 3:1 gegen die Frankfurter Eintracht weder einen persönlichen Triumphzug noch eine Wissenschaft. Was hat der neue 05-Chefcoach getan? Er hat die Gewichtung der Basiselemente für erfolgreichen 05-Fußball vom Kopf auf die Füße gestellt. Kasper Hjulmand hatte gesagt: Wir wollen alles andere auch, aber unser Fundament ist das Passspiel… Schmidt sagt: Wir wollen alles andere auch, aber unser Fundament, das ist Laufbereitschaft, das ist Pressingwucht, das ist Umschalttempo...

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Weniger konstruktiv zwischen den Strafräumen

Das Ergebnis: Zwischen den beiden Strafräumen haben die Mainzer weit weniger konstruktiv gespielt als zuvor, aber die kämpferische Defensive gestattete dem Gegner bestenfalls drei Torchancen in diesen aufregenden 90 Minuten - und in der Offensive führten zwei klassische Umschalttore zum Erfolg. Die Grundlage für diese drei enorm wichtigen Punkte: Mehr kollektive Energie und mehr Physis (in den Zweikämpfen und in den schnellen Läufen).

Und dazu kam das nötige Matchglück, das dem Vorgänger nach seiner starken Anfangsphase in dieser Saison komplett abhanden gekommen war. Da ereigneten sich diesmal zwei Schlüsselmomente. Als die Eintracht wie aus dem Nichts gegen nervöse 05er mit ihrer ersten Torchance in Führung ging, als es im Stadion still wurde und sich erste ungute Vorahnungen ausbreiteten, da schlugen die Gastgeber schon drei Minuten später zurück. Ein meisterhafter Tiefenpass von Yunus Malli hebelte die aufgerückte Frankfurter Abwehr aus, Shinji Oakazaki und Christian Clemens vollendeten die brillante Vorlage zum 1:1.

Aigner sucht und findet Lücken

Das war in einer Phase, als die Eintracht gerade auf dem Weg war, die defensiven Probleme der 05er zu entdecken und zu nutzen. Der Gegner bespielte die Halbräume und suchte von dort aus mit Pässen und Laufwegen die Lücken zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger. Im Rücken von Pierre Bengtsson entwischte drei Mal der schnelle Stefan Aigner. Das Manko: Die 05-Außenspieler Pablo de Blasis und Clemens schalteten nicht schnell und nicht aggressiv genug ihren Rückwärtsgang ein, dadurch gerieten die Sechser Johannes Geis und Julian Baumgartlinger sowie beide Außenverteidiger zuweilen in Unterzahl. Der Ausgleichstreffer stoppte den Frankfurter Elan - und verlieh der Schmidt-Elf neue Zuversicht.

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Und dann kam direkt nach Wiederanpfiff dieser Doppelschlag. Johannes Geis ließ mit seinem trickreichen Freistoß aus spitzem Winkel ins kurze Eck Eintracht-Torhüter Kevin Trapp sehr schlecht aussehen. Das war für die 05er der innerlich befreiende Büchsenöffner. Dem folgte ein weiteres Kontertor: Ein überragender Außenristpass von Geis, ein Dribbelkunststück des unberechenbaren Hakenspezialisten de Blasis, ein perfekter Abschluss des unter Strom stehenden Malli. 2:1 und 3:1 binnen drei Minuten.

Hoch und weit über den ersten Pressingwall

Ab diesem Zeitpunkt genügte eine leidenschaftliche und konzentrierte Abwehrleistung, dann stand das frisch frisierte Auto in der Garage. Die zahlreichen Kontermöglichkeiten gegen die bemüht, aber ohne Durchsetzungskraft anrennenden Frankfurter gerieten etwas zu hastig und zu gierig. Das war verschmerzbar.

Auffallend war, dass Schmidt sehr bewusst auf die beste Errungenschaft aus der Hjulmand-Zeit verzichtete. Sein Team übte sich nicht in einer konstruktiven, passintensiven Spieleröffnung. Schmidt hatte bei der Gegneranalyse erkannt, dass die Eintracht mit ihrer ersten Reihe ein intensives Anlaufverhalten pflegt, teilweise mit drei bis vier Mann. Diesen ersten Pressingwall wollte der 05-Coach einfach, direkt und risikolos überwinden. Geis betätigte sich diesmal nicht als Ballabholer in der Mitte zwischen zwei breit angeordneten Innenverteidigern. Die Alternative: Keeper Loris Karius wählte schlicht und einfach die Hoch-weit-Abschläge, und dann startete im Mittelfeld der Kampf um die zweiten Bälle.

Das werde nicht gegen jeden Gegner die passende Antwort sein, sagte Schmidt später. Und auch nicht jeder Gegner werde sich "nur" mit Umschaltüberfällen aushebeln lassen. Aber an diesem Tag, in dieser angespannten Situation, gegen diese defensiv anfällige Eintracht und nach nur wenigen gemeinsamen Trainingseinheiten mit dem neuen Team hatte Schmidt mit diesem weniger komplizierten, dafür wesentlich kämpferischeren und dynamischeren Spielstil das richtige Rezept am Start. Die Topleistung in den gelaufenen Kilometern sowie die Bestleistung in den Sprintmessdaten war für die Spieler ein Anker. Wer sich körperlich verausgabt, der hat keine Zeit für belastende Grübeleien. Wer einen Pass nicht an den Mann bringt, der holt sich emotional zurück ins Spiel über Balljagd (siehe Baumgartlinger).

Aufbruchstimmung? Plan ist aufgegangen

Der Plan, mit dem neuen Trainer und für den neuen Trainer eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, ist aufgegangen. Der erste Schritt ist getan. Ob der geringen Punkteabstände in der unteren Tabellenhälfte bleibt die Angelegenheit kitzlig. Doch daraus sollte sich die Motivation der Mannschaft nicht speisen. Es geht darum, diesen physisch geprägten Fußball in Details zu vereinen mit den spielerisch intelligenten Ansätzen von Kasper Hjulmand.

Das Lob von Martin Schmidt für die Arbeit seines Vorgängers war eine große Geste. Hätte sich der Däne nur ein wenig auf die 10 Gebote des Klubs eingelassen, dann wäre dieser Trainerwechsel wahrscheinlich nie vollzogen worden. Kasper Hjulmand hat sich bei 05-Präsident Harald Strutz verabschiedet mit den Worten: "Ich bin, wie ich bin!" Nun belebt die "Hausmarke" Martin Schmidt die fußballerischen Grundwerte des Klubs. Der Anfang ist geglückt.