Rehbergs Analyse: Der Profifußball auf Abwegen

Ralf Rangnick. Foto: dpa

Im deutschen Profifußball beginnen sich Kommerzialisierungsgegner zu organisieren. Was vor ein paar Jahren die TSG Hoffenheim war, das ist jetzt als Feindbild der aufstrebende...

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. Würden sich einige der reichsten Familien Deutschlands mit ihrem Kapital auf den Fußball stürzen, dann könnte eine Bundesliga im Verlauf der nächsten zehn Jahre in der oberen Tabellenhälfte zum Beispiel so aussehen:

1.Bayern München 2.VfL Wolfsburg 3.RB Leipzig 4.SpVgg Bad Homburg 5.Sportfreunde 1918 Altenessen 6.1. FC Mülheim 7.Neckarsulmer Sport-Union 8.1. FC Herzogenaurach 9.TSG Hoffenheim

Die zum Teil in Bad Homburg lebende Familie Quandt (BMW) steht in der Liste der reichsten Familien an der Spitze mit einem Vermögen von 31 Milliarden Euro. Die SpVgg Bad Homburg von der Kreisoberliga Hochtaunus in die Bundesliga zu hieven, dafür müssten die Quandts inklusive eines Stadionneubaus nur einen Bruchteil ihres Zasters in die Hand nehmen.

Sportfreunde Altenessen in die Champions League

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Karl Albrecht junior (Aldi Nord) wird taxiert auf 18,3 Milliarden. Der Aldi-Erbe, der zuletzt bei seinen Kunstkäufen so heftig über den Tisch gezogen worden ist, könnte umsatteln. Er könnte von seiner Villa in Altenessen aus die traditionsreichen Sportfreunde 1918 Altenessen von der Kreisliga A in die Champions League katapultieren. Dafür müsste Karl Albrecht vielleicht drei bis fünf Prozent seines Vermögens anfassen - und er könnte immer noch den ein oder anderen van Gogh kaufen. Theo Albrecht junior (Aldi Süd), taxiert auf 16,5 Milliarden, könnte von seinem Büro in Mülheim aus mühelos den 1. FC Mülheim (Kreisliga A) erstklassig machen.

Dieter Schwarz (Lidl), 14,5 Milliarden schwer, regiert sein Reich von Neckarsulm aus, die dortige Sport-Union kickt immerhin schon in der Verbandsliga Würtemberg. Das geht ruckzuck mit ein paar großen Scheinen.

Tradition? Kein Problem

Und dann gibt es da noch das Ehepaar Schaeffler (u.a. Continental Reifen) mit ihren 17,3 Milliarden und Firmensitz in Herzogenaurach. Die Patronin Maria Schaeffler hätte sicher wenig Mühe, das ein oder andere Aktienpaket zu verkaufen und damit den 1. FC Herzogenaurach aus der Bezirksliga Mittelfranken Nord ganz nach oben zu schießen. Tradition? Kein Problem. Dort kickte einst Lothar Matthäus. Und die Trainerliste der vergangenen 50 Jahre führt prominente Namen wie Franciszek Smuda (später polnischer Nationalcoach), Franz Brungs, Dieter Nüssing (früher Fußballstars beim 1. FC Nürnberg) oder auch Heiner Stuhlfauth, die einstige Torhüterlegende der Clubberer.

Dietmar Hopp hat es mit der TSG 1899 Hoffenheim vorgemacht, wie man als Privatkrösus einen Dorfklub in die Bundesliga hievt und dort in die Nähe der Europa-Plätze führt. Die Volkswagen AG hat es mit dem VfL Wolfsburg vorgemacht, wie man als Weltkonzern einen grauen Zweitligisten zum Meister macht und in die Champions League befördert.

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Aufstieg von RB ist nur aufgeschoben

Im Moment macht sich der Unwillen der Fußballpuristen an RB Leipzig fest. Da formiert sich gerade bundesweit ein organisierter Widerstand gegen die Leipzig-Kapitalisierung durch den österreichischen Brausemilliardär Dietrich Mateschitz. Jüngst belagerten pöbelnde Fans des Karlsruher SC das Auswärtshotel der Leipziger, nach dem Spiel wurde das Auto von Manager Ralf Rangnick von aufgebrachten KSC-Anhängern durchgerüttelt. Und ein Jugendcamp von RB in Halle stand kurz vor dem Rückzug wegen der anonymen Androhung von Randale; verschiedentlich sind schon RB-Freundschaftsspiele abgesagt worden aus ähnlichen Gründen. Dass da im Fußball nicht nur Kommerzialisierungsgegner mit nachvollziehbaren Protestgedanken unterwegs sind, das versteht sich von selbst.

Das Leipzig-Projekt wird in diesem Jahr wahrscheinlich nicht durch die Decke schießen. Aber der Aufstieg von RB ist nur aufgeschoben. Die Vorarbeit ist schon geleistet worden von Ralf Rangnick. Der immer etwas bieder wirkende Eiferer, der einst als Fußballprofessor verspottet wurde, nur weil er mal im ZDF-Sportstudio an der Taktiktafel Pressing und Raumdeckung erklärt hatte, kann seinen Ehrgeiz kaum noch zügeln. Nachdem er schon das Hopp-Spielzeug verantwortlich geleitet hatte - unter Rangnick stieg die TSG Hoffenheim in die Bundesliga auf -, kann es ihm nun mit dem Leipziger Retortenklub nicht schnell genug gehen. Dass der Osten Deutschlands ein geeigneter Standort ist, dass Leipzig eine Fußballstadt ist, das sei anerkannt. Doch dieses Projekt in diesen Ausmaßen und in diesem Tempo macht nicht sympathisch.

Keine gesellschaftliche oder sportliche Notwendigkeit

18 Zweitligisten haben im vergangenen Winter für insgesamt 12 Millionen Euro Ablöse 30 neue Spieler verpflichtet. Davon entfielen auf die Leipziger: 3,7 Mio. für den schwedischen Nationalstürmer Emil Forsberg (Malmö FF) und 6,5 Mio. für den israelischen Nationalstürmer Omer Damari (Austria Wien). Zusätzlich verschob Rangnick noch (kostenneutral) den erfahrenen Innenverteidiger Rodnei von RB Salzburg zu RB Leipzig; der Brasilianer, ein ehemaliger FCK-Profi, hat sicher auch einen Marktwert von zwei bis drei Millionen.

Der Bundesligist FSV Mainz 05 hält sich seit einem einzigen 5-Millionen-Transfer (Ja-Cheol Koo) mit Leihgeschäften über Wasser. Natürlich schießt da einer in Leipzig mit Kanonen auf Spatzen - im Moment schießt RB in der Zweiten Liga allerdings noch zu häufig am Tor vorbei.

Was wollen Mateschitz und Rangnick eigentlich beweisen? Dass man mit einer 200-bis-300-Millionen-Investition (inklusive Stadion) binnen zwei, drei Jahren einen Bundesligisten basteln kann? Geschenkt. Das geht mit der entsprechenden Fußballkompetenz, das wissen wir. Das würde der ausgewiesene Fach- und bienenfleißige Projektsteuermann Rangnick bis zu seiner Rente auch noch mal in Bad Homburg, Altenessen, Mülheim, Neckarsulm oder Herzogenaurach erfolgreich anschieben. Verboten ist das ja nicht auf einem freien Markt. Eine gesellschaftliche oder sportliche Notwendigkeit ist das nicht.

Der deutsche Fußball braucht kein Blockupy

Auf einem anderen Blatt stehen Drohungen, Beleidigungen, Anfeindungen, persönliche Übergriffe, Sachbeschädigung, Nötigung, Gewalt. Wenn Protest, dann intelligent und/oder witzig. Eine Blockupy-Bewegung braucht der deutsche Profifußball (noch) nicht.

P.S. Thomas Tuchel wird nicht Trainer bei RB Leipzig. Wie zu hören ist, hat der ehemalige 05-Coach, ein sehr eigenwilliger Charakter, keine Lust, sich vom Alphatier Rangnick in Aufstellungs- und Taktikfragen reinreden zu lassen. Tuchel zieht in diesem Monat mit seiner Familie um. Von Mainz nach München. Mit einer in diesem Frühjahr/Sommer anstehenden Jobentscheidung hat das sicher weniger zu tun. Aber sollte Pep Guardiola nach dem möglichen Gewinn der Champions League nicht verlängern beim FC Bayern, wer weiß… Rangnick umwirbt nun angeblich Markus Gisdol, den Trainer der TSG Hoffenheim. Wenn das stimmt, dann wäre das lustig. Der Geldadel beginnt dann schon, sich gegenseitig die Spitzenkräfte abzuwerben.