Rehbergs Analyse: Belanglose Vorstellung von Mainz 05

Joselu brachte die Eintracht in Führung, Stephan Bell hatte keinen guten Tag erwischt. Foto: dpa

Ein Tick mehr Wille zum Sieg bei Eintracht Frankfurt, eine weitgehend emotionslose und belanglose Vorstellung bei Mainz 05. So sah Reinhard Rehberg das Rhein-Main-Derby am...

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. Ein wenig aufregendes Derby. Eine belanglose Vorstellung des FSV Mainz 05. Und eine Frankfurter Eintracht, die sich mit einer defensivtaktischen Basisleistung die drei Punkte schnappte. 2:0 für die Gastgeber. Armin Veh entschuldigte sich fast ein wenig für seine schmuck- und risikolose Derbystrategie. Der Mainzer Trainerkollege wirkte nach dem Abpfiff ratlos. Und merkwürdig teilnahmslos. Dazu später. Die Mainzer strahlten in keiner Phase dieser nur sehr bedingt unterhaltsamen 90 Minuten aus, dass es auf der Zielgeraden dieser Saison um eine ganz besondere Platzierung geht für den Klub und für die Profis.

Rang sieben genügt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für die Europaliga-Qualifikation. Und ganz nebenbei wird den 05ern eine Topplatzierung eine fette Einnahmensteigerung bescheren bei der kommenden Verteilung der Fernsehgelder. Wir wissen aus Erfahrung, dass diese Themen bei Spielern keinen unmittelbaren Motivationsschub bewirken. Aber ein seelenloser Auftritt wie der in Frankfurt, das verwundert schon. Die 05-Profis präsentierten sich überhaupt nicht so, als befänden sie sich auf einer Mission.

Vorstellung ohne Emotionen

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Einen 3:0-Heimsieg gegen den direkten Europa-Konkurrenten FC Augsburg und fette 20 Auswärtspunkte im Rücken, die Europapokalchance vor Augen, das Rhein-Main-Derby als atmosphärische Verstärkung vor der Brust, dazu die eigenen Ansprüche, in dieser Rückrunde keinen Punkt mehr leichtfertig vom Teller rutschen zu lassen: Diese Faktoren hätten ausreichen sollen, die Antriebsriemen zu ölen. Wenn der 05-Trainer dann eingesteht, dass das eigene Spiel fast schon "dahingeplätschert" sei, dann muss bei der Emotionalisierung der 05-Elf an diesem Tag etwas schief gelaufen sein.

Mag sein, dass auch der Matchplan nicht perfekt gepasst hat zur überraschend zurückhaltenden, auf Sicherheit bedachten Spielanlage der Eintracht. Doch das hätte sich auf dem Feld regeln lassen. Auch mal rein intuitiv. Die 05-Profis spürten aber die Erfordernisse nicht. Im Gegenteil. Die Mainzer tappten den Frankfurtern extrem geduldig in die Falle. Mit einem trägen, schwerfälligen, uninspirierten, drucklosen, von Tempo befreiten Ballbesitzfußball, der dem massiert verteidigenden und fast ausschließlich auf Fehler lauernden Gegner überhaupt keine Aufgaben stellte.

Statt Derbyfeuer Sterben in Abgeklärtheit

Man kann in einem Derby emotional überziehen. Aber man kann auch in Abgeklärtheit sterben. Den 05ern passierte in der Commerzbank-Arena die zweite Variante. Die bei den Anhängern das ungute Gefühl hinterließ: Da war nicht mal der Ansatz von Derbyfeuer zu erkennen. Hätte Maxim Choupo-Moting kurz nach der Pause zum 1:0 getroffen, man hätte womöglich eine eiskalte, nervenstarke Leistung ausgemacht. Drei Minuten später ging die Eintracht in Führung. Da war bei den 05ern gar nichts mehr clever oder cool, sondern nur noch trostlos. In der ersten Nachspielminute, beim Stand von 0:2, zimmerte Geis einen 30-Meter-Freistoß an den Außenpfosten. Die vierte und letzte Torannäherung der 05er binnen 90 Minuten. Wenig. Sehr wenig sogar.

Da entwickelte sich ein Taktikspiel. Zwei identische Systeme - beide Mannschaften spielten im 4-4-2 mit Mittelfeldraute -, mit dem einzigen Unterschied, dass die Eintracht als Heimelf wesentlich tiefer verteidigte und im Vorwärtsgang jedes Risiko mied. Im Mittelfeld bildeten sich im Potenzial mehr oder weniger gleichwertige Pärchen, die sich gegenseitig kontrollierten. Johannes Geis hatte keine Probleme mit dem Frankfurter Zehner Tranquillo Barnetta - auf der anderen Seite machte Ja-Cheol Koo kaum einen Stich gegen den zweikampfstarken Sechser Marco Russ. Christoph Moritz duellierte sich mit Johannes Flum, Niki Zimling mit Martin Lanig. Keiner erarbeitete sich nennenswerte Vorteile. Die Eintracht war gar nicht darauf aus. Die 05er trauten sich nicht richtig. Weder in der aggressiven Nachvorneverteidigung, noch in einem mutigen Aufbau- und Angriffsspiel.

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Der Eintracht genügte ein Tick mehr Überzeugung

Da zeichnete sich früh ab: Diese Partie würde über die Frage entschieden, wer an diesem Tag mehr will. Die Eintracht im Abstiegskampf wollte ein wenig mehr. Mit einem Tick mehr Überzeugung, mit einem Tick mehr Entschlossenheit in den wenigen Strafraumszenen. Den 05ern fehlte diese Gier. Auch in der Abwehr, dokumentiert durch die Tatsache, dass die Gäste im eigenen Strafraum unerklärlich viele Kopfballduelle verloren - nach simplen hohen Flanken. Im Mittelfeld fehlte die Gier auf Tempo, auch die Wachheit, offene Räume zu erkennen und präzise, zielstrebig zu bespielen. Und vorne fehlte die Gier, offensive Zweikämpfe zu gewinnen oder Sprints in die Tiefe zu starten. Der eher steife und nicht überragend schnelle Eintracht-Innenverteidiger Madlung gewann alle seine Zweikämpfe, eine 100-Prozent-Quote. Das sagt viel aus, auch über die Durchsetzungskraft von Mittelstürmer Shinji Okazaki.

Als Tuchel nach knapp einer Stunde mit der Einwechslung von Shawn Parker auf das 4-2-3-1 umstellte, wurde nichts besser. Totale Flaute im Angriffsdrittel. Obwohl das größere spielerische Potenzial der 05er erkennbar war. Aber die Mannschaft bekam den Knopf nicht auf. Blieb die Erkenntnis, und die ergab sich auch schon beim 1:3 in Braunschweig: Ohne Mut, ohne Unternehmungsgeist, ohne Spiellust, ohne Gier und ohne Tempoläufe können die 05er einen Gegner, der sich in seinem defensiven Ansatz einrichtet und wohl fühlt, nicht ausspielen. Und Fehler in der Abwehrarbeit verzeiht dieser Ballbesitz ohne Eigenschaften überhaupt nicht.

Als Tuchel den Pressekonferenzraum betrat, da scherzte er lachend mit Armin Veh. Im Nachgespräch mit den heimischen Journalisten wirkte der 05-Coach seltsam emotionslos. Man kennt den 40-Jährigen ganz anders. Nach einem "Derby-Sarg" hätte man Tuchel übelst gelaunt, starrköpfig, unterdrückt aggressiv erwartet, hadernd und kämpfend mit sich und der Welt. Und man hätte dann das Gefühl gehabt: Okay, alles in bester Ordnung. Dieses Gefühl hatte man am Samstagabend kurz nach 18 Uhr nicht.