Rehbergs Analyse: Bayers Talente-Philosophie

Leverkusens Trainer Sami Hyypiä. Foto: dpa

Desaster in der Champions League für Bayer Leverkusen und Schalke 04. Die dramatische Unterlegenheit, die Chancenlosigkeit, auch eine Form von Wehrlosigkeit stachen hervor. S04...

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. Ein 0:0 gegen Mainz 05 ergibt in der Champions League ein 1:6 gegen Real Madrid. So in etwa. Ein Schalke-Richtwert, mehr nicht. Da klage noch jemand darüber, dass der FC Bayern München national so überlegen ist. Wenn ein deutscher Klub den Henkeltopf gewinnen soll, dann geht das nicht mit einer Mannschaft, die sich in der Bundesliga nach einem dramatisch engen Dreikampf am letzten Spieltag mit ein, zwei Punkten Vorsprung zum Titel mogelt. Eine Schulbubenelf wie die des FC Schalke 04 etwa steht national auf Rang vier und hat viel Talent, aber das reicht auf der großen europäischen Bühne nicht für das Viertelfinale. Der Bundesligazweite Bayer 04 Leverkusen hat diese Erfahrung auch schon hinter sich. 0:4 in der Champions League gegen Paris St. Germain. Auch das im eigenen Stadion.

Gegner sind glänzend geschulte Weltklasseteams

Nicht das bevorstehende Ausscheiden der beiden deutschen Spitzenklubs im CL-Achtelfinale ist das Besondere - die Gegner sind tatsächlich von seriösen Toptrainern glänzend geschulte Weltklasseteams. Die dramatische Unterlegenheit, die Chancenlosigkeit, auch eine Form von Wehrlosigkeit stechen hervor. S04 bekam seine aktuellen Grenzen schon von den taktisch hervorragend operierenden Mainzern aufgezeigt. Ein Signal war das für Trainer Jens Keller nicht. An diesem Samstag empfängt Bayer 04 die aufmüpfigen 05er. Spannend.

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Die Rückrundentabelle weist aus: Mainz 05 ist Sechster mit zehn Punkten, Leverkusen ist Elfter mit sechs Punkten. Bayer 04 hat gerade zweimal hintereinander verloren: 1:2 zu Hause gegen das Real-Opfer Schalke 04, 1:3 in Wolfsburg. Was schließen wir daraus? Nicht mehr, als dass es ungünstigere Zeitpunkte gibt, gegen Sami Hyypiäs Konterspezialisten antreten zu müssen. Die Werkself hatte in beiden Spielen nach starken ersten 30 Minuten fette Chancen, klar in Führung zu liegen. Die Leistungen haben gestimmt, die Ergebnisse nicht. Die 05-Profis werden es mit einem sehr aggressiven Gegner zu tun bekommen, der stark ist im Pressing, in der engen Blockverteidigung, im eigenen Ballbesitz und vor allem in der schnellen offensiven Umschaltung. Aber der Gegner hat gerade nicht seine beste Phase.

Rolfes und Co. bringen Erfahrung ein

Bayer 04 hat eine klare Philosophie. Sportdirektor Rudi Völler kauft regelmäßig die talentiertesten deutschen U21-Nationalspieler ein, dazu noch ein paar 17 bis 20 Jahre alte Hochbegabte. In der Konsequenz des eingeschlagenen Weges erinnert das an FCK-Manager Stefan Kuntz, der keinen Stürmer jenseits der 30 auf dem Markt herumstehen sehen kann, ohne zuzugreifen. In Leverkusen sollen ältere Kräfte wie Emir Spahic, Gonzalo Castro (beide fehlen am Samstag Gelb-gesperrt), Simon Rolfes oder Stefan Kießling die nötige Erfahrung einbringen. Das reicht für Spitzenplatzierungen. Nicht für Titel. Der als Spieler international gestählte Hyypiä soll dem "Kindergarten" Siegermentalität vermitteln. Der Finne ist auf einem guten Weg, Rückschläge inbegriffen.

Hyypiä, der noch an seiner Uefa Pro Lizenz bastelt, hat als langjähriger England-Profi beim FC Liverpool von seinen Lehrmeistern Gerard Houllier und Rafael Benitez (unter dem spanischen Organisationsfanatiker gewann der Stopperhüne 2005 das legendäre CL-Endspiel gegen den vom heutigen Real-Vordenker Carlo Ancelotti trainierten AC Mailand, nach 0:3-Rückstand zur Pause) offenbar sehr viel mitgenommen. Übrigens: Als junger Spieler war Hyypiä, - dessen Vater ebenfalls Innenverteidiger war, die Mutter war Torhüterin - mal im Probetraining bei Werder Bremen durchgefallen. Seine erste Auslandsstation hieß dann Willem II Tilburg. Auch eine Talentschmiede ohne Titel.

Bayers Ausgaben/Einnahmen-Verhältnis ist in Ordnung

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Zwei Millionen Jahresgehalt sind für den Werksklub kein Problem. Die Toptalente müssen ja auch irgendwie geködert werden. Die Ablösesummen sind teilweise immens, aber das Ausgaben/Einnahmen-Verhältnis ist in Ordnung. Laut "kicker" hat Bayer seit 2008 ein Transferminus von lediglich fünf Millionen Euro (82,355 Ausgaben gegen 77,59 Einnahmen). In diesem Zeitraum soll der Werksklub VfL Wolfsburg ein Transferminus von 120 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Mit deutlich schlechteren Platzierungen seit der Deutschen Meisterschaft 2009. Was man festhalten kann: Die Leverkusener haben auf ihrem nicht eben preiswerten Jugendlichkeitsweg nur sehr wenige deutsche Nationalspieler produziert. Oder anders ausgedrückt: In der eher gemütlichen Atmosphäre in Leverkusen stagnierten die Toptalente. Das galt unterm Strich auch für den Ex-Mainzer André Schürrle. Unter Hyypiä wird das gerade etwas besser.

Nahezu alle der heutigen deutschen Toptalente stammen aus Nachwuchsleistungszentren. Die Spieler sind physisch, spielerisch und taktisch hervorragend ausgebildet. Zuweilen mangelt es an der wilden Wettkampfmentalität. Sehr viele junge NLZ-Kicker in einer Mannschaft, das kann zum Problem werden. Das sieht man auch beim VfB Stuttgart.

Nur ein Beispiel aus dem Leverkusener Kader. Emre Can. Der stammt aus der Jugend von Blau-Gelb Frankfurt, er wechselte früh ins NLZ der Eintracht und in der U17 ins NLZ des FC Bayern. Der 20-Jährige hat als Junioren- und U21-Nationalspieler schon WM- und EM-Turniere gespielt, für die Bayern hatte er mit 19 seine ersten vier Bundesligaeinsätze. Der Allrounder Can, ein brillanter Techniker, kann alles. Aber er hat Mühe, sich 90 Minuten konsequent in ein Spiel hineinzubeißen und hohes Tempo zu gehen. Spannend zu beobachten, ob Hyypiä ihm das beibringen kann. Viele andere haben in Leverkusen nicht den ganz großen Schritt nach vorne gemacht.