Rehberg: Zwei unangenehm zu spielende Mannschaften

Kasper Hjulmand - in Paderborn geht es auch um das Vertrauen in seine Arbeit. Foto: Harald Kaster

Nach sieben Spieltagen ungeschlagen. Das hat es in den bisherigen acht Mainzer Bundesliga-Spielzeiten nur mal 2010/11 gegeben, als das damalige Sensationsteam um Thomas Tuchel...

Anzeige

. Das ist keine überaus gewagte These: Wenn wir mal von Pep Guardiola und dem FC Bayern München absehen, dann spielt kein Bundesligist ohne Magendrücken gegen den FC Augsburg und gegen den FSV Mainz 05. Warum? Weil das zwei klassisch unangenehm zu bespielende Mannschaften sind, stark im Kollektiv, klare Spielidee, leidenschaftlich in der physischen Herangehensweise, starke Laufleistungen, taktisch sehr gut geschult und mental immer bereit, von der ersten bis zur letzten Minute durchzuziehen. Wer die Augsburger und die Mainzer bezwingen will, der weiß, dass Arbeit auf ihn zukommt, der weiß, dass der Matchplan stimmen muss. An diesem Samstag empfängt der FSV Mainz 05 den FC Augsburg, da treffen diese beiden unbeugsamen und gefürchteten "ewigen Außenseiter" im direkten Duell aufeinander.

Über den Favoritenstatus muss man da nicht groß diskutieren. Da wird es um Kleinigkeiten gehen im Kampf um den möglicherweise entscheidenden Moment. Die 05er sind nach sieben Spieltagen noch ungeschlagen. Das hat es in den bisherigen acht Mainzer Bundesliga-Spielzeiten nur mal 2010/11 gegeben, als das damalige Sensationsteam um Thomas Tuchel einen neuen Ligastartrekord aufgestellt hat. Der FCA hat ebenso wie die Mainzer im Sommer drei wichtige Stammspieler verloren an zahlungskräftigere Konkurrenz, doch der interessante Trainer Markus Weinzierl geht seinen Weg unbeirrt und erfolgreich weiter: Neun Punkte, das ist gut. Die Augsburger haben zwar schon vier Spiele verloren, aber die Leistungen speziell beim 0:1 in Leverkusen und beim jüngsten 0:1 in Wolfsburg hätten gegen weniger gewichtige Gegner womöglich zu einem Punkteertrag ausgereicht.

05er sind schwer zu schlagen

Weinzierl trainiert die bayrischen Schwaben im dritten Jahr. Die Profis haben die Spielidee verinnerlicht. Das ist erkennbar. Der FCA ist und bleibt eine giftige Kampfmannschaft, die ihre Stärken in der offensiven Umschaltung hat, die aber auch mit einer konstruktiven Spieleröffnung und mit technisch gekonntem Aufbauspiel Vorteile machen kann. Das wirkt trotz der drei umbesetzten Positionen schon wieder sehr homogen. Kasper Hjulmand steht noch ganz am Anfang seiner Entwicklungsarbeit. Die 05er sind schwer zu schlagen, die Defensive steht, aber das Team hat noch Probleme, aus der qualitativ besser werdenden Ballbesitzstruktur heraus mehr als zwei, drei klare Torchancen zu erarbeiteten.

Anzeige

Man darf nie vergessen: Diese Phasen gab es auch unter Thomas Tuchel, und zwar immer dann, wenn der anspruchsvolle Vordenker die Dominanz im eigenen Ballbesitz betonte. Diese Versuche relativierte Tuchel dann häufig wieder, mit mehr Pressing- und Umschaltaktionen stellten sich dann meist auch wieder mehr Torgefahr und positive Ergebnisse ein. Dem nicht minder anspruchsvollen Hjulmand muss man die Zeit geben, herauszufinden, ob seine Strategie der dichten Zonenverteidigung und der situationsangemessenen Mischform aus ruhigem Aufbauspiel und schnellen Konterzügen konstant zieht mit dieser personellen Ausstattung. Positive Ansätze sind auszumachen. Was noch fehlt, das ist der direktere Weg zum gegnerischen Tor. Da mangelt es häufig noch an den adäquaten Passentscheidungen.

Breit Auswahl an Offensivkräften

Und natürlich ist das auch eine Frage von individueller Qualität und Form in der Offensivabteilung. Eine derart breite Auswahl hatte noch kein 05-Coach. Aber die Mehrzahl der angreifenden Kräfte ist noch nicht auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Die Tormaschine Shinji Okazaki ist bereit, aber der Japaner hat gerade im internationalen Auftrag viele Flugstunden hinter sich gebracht. Filip Djuricic und Jairo, die glänzenden Techniker, sind jung und neu im deutschen Fußball - an dessen Intensität und Wettkampfhärte man sich gewöhnen muss.

Jonas Hofmann steckt gerade in einem Entwicklungsprozess vom Einwechselspieler in Dortmund zum Startelfspieler in Mainz, das ist ein Unterschied. Pablo de Blasis, der Mann mit den unorthodoxen Bewegungen und Laufwegen, steckt in einem taktischen Anpassungsprozess. Ja-Cheol Koo, der in seiner Augsburger Zeit ein torgefährlicher Außenstürmer war, soll in Mainz mehr der zentrale Passgeber werden, aber der Südkoreaner kommt gerade erst zurück von einer Verletzungspause, der Techniker mit den flinken Drehungen muss sich wieder das nötige Selbstvertrauen beschaffen. Sami Allagui muss sich neu finden in Hjulmands Spielidee. Und Yunus Malli kämpft sich gerade heran als giftiger Einwechselspieler.

Hahn-Weggang tat weh

Anzeige

In diesem Pool steckt viel Potenzial. Individuelle Form, Laufwege, die Passauswahl, da lässt sich noch einiges verbessern. In der Augsburg-Partie wird nach der Länderspielpause und nur zwei Trainingseinheiten mit dem kompletten Kader zunächst einmal sehr viel entschieden über Laufbereitschaft, Kampfgeist und Willenskraft. Elemente, mit denen die Anhänger in der Coface Arena sehr gut leben können.

Den Augsburgern haben insbesondere der Verlust des kampf- und spielstarken Mittelfeldsechsers Kevin Vogt (zum 1. FC Köln) und des physisch präsenten Konterstürmers André Hahn (zu Borussia Mönchengladbach) weh getan. Im Mittelfeld schuftet nun neben Routinier Daniel Baier - das ist der Kopf der Mannschaft - der von Bayer Leverkusen ausgeliehene junge Dominik Kohr. Letzterer ist der Sohn des einstigen Lauterer Bundesligatorjägers Harald Kohr. Baier ist der Sohn des einstigen Außenverteidigers Jürgen Baier, der sich im Trikot von Fortuna Köln aufregende Duelle mit den 05ern lieferte zu alten Zweitligazeiten.

Phänomen Tobias Werner

Für den antrittsschnellen und abschlussstarken Hahn hat Weinzierl noch nicht den idealen Ersatz gefunden. Das sollte Shawn Parker sein, den die Augsburger für eine stramme Ablöse am Bruchweg abgeklemmt haben. Parker stagnierte in Mainz, im neuen Umfeld hat der ältere Bruder von 05-Talent Devante Parker auch noch nicht seinen Hang zur Lethargie und zur schnellen Zufriedenheit abgelegt. Der FCA-Trainer hat den gelernten Mittelstürmer Raoul Bobadilla zum Außenstürmer umgeschult, der bullige Argentinier ist da mit seinem Arbeitspensum auf einem guten Weg.

Ein Phänomen ist Tobias Werner. Ein Spätentwickler. Der 29-Jährige spielte schon für den Zweitligisten FC Jena gegen die 05er. 2008 wechselte der Dauerläufer, der als Linksaußen einen Gegner verrückt machen kann mit seinen Sprints und Tempodribblings, nach Augsburg. In der Zweiten Liga fiel Werner gar nicht mal dominant auf. Seit drei Jahren aber brummt der Routinier in der Bundesliga, der Mann sammelt konstant Bestnoten ein. Hervorragend unterstützt vom neuen Linksverteidiger Abdul Rahma Baba, der diese Rolle interpretiert wie ein Flügelstürmer.

Klar ist: Geschlagen sind diese Augsburger erst, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat. Das Team ist widerstandsfähig. Selbst beim 2:3 gegen Borussia Dortmund hätte die Elf fast noch das Comeback geschafft nach 0:3-Rückstand und einer 70-minütigen haushohen Unterlegenheit. Zu viel Kunst sollten die 05er nicht einstreuen in ihre Aktionen, der FCA freut sich über Pressingfutter. Was man gegen dieses Mannschaft braucht, das ist Tempo, Dynamik, schnörkellose Geradlinigkeit. Konsequenz in den defensiven und offensiven Zweikämpfen. Durchsetzungswillen, Durchschlagskraft. Hjulmand hat schon einen eher einfach gestrickten Matchplan angekündigt. Zeit für spielerische Weiterentwicklungen bietet danach wieder die lange Woche bis zum Sonntagspiel in Wolfsburg. Dass der Däne auch sehr pragmatische Ansätze wählen kann, das hat er bewiesen, nicht nur beim schwer erkämpften 1:1 in Mönchengladbach.

Zielstrebige Konter der Augsburger

Da steht ein Heimspiel ins Haus, das grundsätzlich nicht viel anders ablaufen wird als beim 0:0 gegen Hannover 96 und beim 0:0 gegen die TSG Hoffenheim. Mit dem Unterschied, dass die Augsburger ihre Konter sehr zielstrebig anlegen. Und es kann sein, dass sich die Entscheidung nach einem wilden Verdrängungskampf erst in der letzten halben Stunde anbahnt. Entsprechende Einwechselwaffen hat der 05-Trainer auf der Bank. Gut möglich, dass bei Ja-Cheol Koo die Kraft schon wieder ausreicht für 60 Minuten, dann könnte der Koreaner als Einfädler eine Option sein für die Startelf.

Hjulmand will Koo etablieren als Mittelfeldachter, der mit seiner Ballsicherheit und mit seinen schnellen Drehungen immer wieder neue offene Situationen schaffen kann. Gegen den stabil engen Defensivblock der Augsburger, die diese Verteidigungsart ähnlich gut beherrschen wie die Hannoveraner oder die Hoffenheimer, kann das ein Faktor sein. Da braucht es Geduld - und eine emotionalisierende Stadionatmosphäre.