Rehberg: Zaster-Zirkus auf dem Transfermarkt

Paul Pogba. Foto: dpa

Reiche Clubs gegen arme Clubs? Paul Pogba wechselt für eine Rekordsumme den Verein - und befeuert damit einmal mehr die Kritik an den finanziellen Auswüchsen auf dem...

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. An diesem Donnerstag testen die 05-Profis ihre Form gegen den Ligarivalen 1. FC Köln. Am Bruchweg. Mehr oder weniger ohne Zuschauer. Überragend neue sportliche Aspekte werden wir dieser Partie im Vorfeld nicht entlocken. Also beschäftigen wir uns mit einer Aussage, die Peter Stöger getätigt hat. Der Kölner Trainer unterstellte vor ein paar Tagen seinen Kollegen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel: „Scheinheiligkeit“. Der Grund: Beide Trainer würden öffentlich die Explosion der Ablösegelder anprangern, tatsächlich aber mit ihren Klubs FC Liverpool und Borussia Dortmund das Monopoly-Game auf dem Transfermarkt mit gewaltigen Summen munter mitspielen. Stöger: „Wir machen da nicht mit.“

Logisch. Wie etwa der Hälfte aller Bundesligaklubs fehlt den Geißböcken das nötige Spielgeld. Man könnte allerdings durchaus die Frage stellen: Wo fangen die unvernünftigen Summen den überhaupt an? Sind es die 110 bis 120 Millionen Euro, die Manchester United bereit ist, für Paul Pogba an Juventus Turin zu überweisen? Oder sind es nicht auch schon die 13 Mio., die der 1. FC Köln für sein zum VfL Wolfsburg gewechseltes Durchschnittstalent Yannick Gerhardt kassiert hat? Da fängt die Diskussion an. Auch die 05er mussten irgendetwas zwischen 16 und 18 Millionen investieren für die Übernahme von Stammkräften wie Jhon Cordoba und Christian Clemens und für die Verpflichtung von relativ unbeschrieben Blättern wie Jonas Lössl, José Rodriguez, Jean-Philippe Gbamin und Gerrit Holtmann. Ist das viel? Oder sind das heute eher schon Schnäppchen im Sommereinkauf? Da gibt es zwei Sichtweisen.

Nur ein symbolischer Wert?

Erstens: Wenn die Klubs die Kohle haben – soll heißen: da wird nicht auf Pump eingekauft, da wird keine Überschuldung aufgebaut -, dann haben diese Summen letztlich nur einen symbolischen Wert. Dann wird in einem sportlichen Wirtschaftskreislauf der zur Verfügung stehende Zaster lediglich von A nach B verschoben. Ein Euro, eine Million Euro, zehn Millionen Euro, hundert Millionen Euro, demnächst 200 Millionen Euro. Das ist dann fast schon egal. Fernseh- und andere Wirtschaftskonzerne spülen diese großen Scheine offenbar hinein in dieses Big Business.

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Die zweite Sichtweise beschäftigt sich mit dem gesellschaftlichen Aspekt dieser Moneten-Drehscheibe: Ist der Profifußball gerade dabei, sich in ein Parallel-Universum zu verabschieden, zu dem Fans, Anhänger und Liebhaber dieser Sportart irgendwann gedanklich und emotional keinen Zugang mehr finden? 110 bis 120 Mio. Ablöse für einen bei der EM 2016 mal besseren, mal relativ unsichtbaren Edelkicker wie Pogba, dazu noch 25 Mio., die sich seine Familie und sein gewiefter Berater Mino Raiola angeblich teilen, dazu ein Salär für den Spieler in Höhe von 330.000 Euro (pro Woche) – das sind zweifellos Summen, die für einen normalen Arbeitnehmer an Irrationalität nicht mehr zu überbieten sind.

Ab dem Tag, an dem die Zuschauer in den Stadien und am TV-Schirm nicht mehr Fußballer bewerten, sondern das, was diese an Kohle bewegen und einstecken, kann es problematisch werden für diesen Zaster-Zirkus. Noch steht die Akzeptanz des Spiels wie in Beton gegossen. Aber was passiert, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die sogenannten Zivil-Gesellschaften mal schlechter werden? Dann könnte das Parallel-Universum auch schnell mal abgekoppelt werden von den desillusionierten Interessenten.

Eine Wette auf die Zukunft

Diesem Thema müssen sich alle Klubs stellen. Da macht es keinen Sinn, angeblich genügsame Trainer/Manager zu trennen von angeblich gierig abgreifenden und wild investierenden Trainern/Managern. Alle bedienen diesen aktuell tobenden Kreislauf. Die einen mehr, die anderen weniger, andere noch weniger. Riesensummen sind das allemal und überall in den europäischen Eliteligen. Und wenn das prominente Verantwortliche zumindest einmal anprangern, dann sollte da Solidarität herrschen unter den Fußballmachern. Die Kölner überweisen für den französisch-ivorischen Stürmer Sehrou Guirassy rund vier Millionen an den OSC Lille. Bei einem 20 Jahre alten Talent, das neun U20-Länderspiele stehen hat, ist das womöglich eine gewagtere Wette als bei Paul Pogba.

Noch komplizierter wird die Angelegenheit, wenn die Leistungen auf dem Platz nicht mehr diesen gewaltigen Geldströmen entsprechen. Besser werden die Darbietungen in den Stadien ja nur sehr bedingt durch dieses Transfer- und Gehalts-Monopoly. Die Dortmunder haben Spieler im Wert von 110 Millionen abgegeben - und sie haben 120 Millionen investiert in die Kompensation der Verluste. Unterm Strich wird Thomas Tuchel froh sein, wenn er das Qualitäts- und Punkteniveau aus der Vorsaison halten kann. Und das gilt ein paar Stufen tiefer auch für die Kölner und für die Mainzer.

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Wie man den aktuellen Auswüchsen entgegen wirken kann? Keine Ahnung. Das hat sich verselbstständigt. Die Einführung von Ablöse- und Gehalts-Obergrenzen? Das könnte einen Gedanken wert sein. Fest steht: Die halbwegs solidarische Verteilung der Fernsehgelder sollte niemand mehr in Frage stellen. Ansonsten wird die Kluft zwischen den reichen und den wohlhabenden und den ums Überleben kämpfenden Marktteilnehmern nur noch größer. Und das macht den sportlichen Wettbewerb auf keinen Fall spannender.