Rehberg: Wer erreicht das WM-Endspiel?

Belgiens Fußball-Nationaltrainer Roberto Martínez auf einer Pressekonferenz. Foto: dpa

Die Südamerikaner sind raus. Wir erleben bei der WM 2018 ein rein europäisches Halbfinale. Unser Kolumnist Reinhard Rehberg wirft einen Blick auf die Partien Frankreich gegen...

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. Die Südamerikaner sind raus. Wir erleben bei der WM 2018 ein rein europäisches Halbfinale. Frankreich gegen Belgien und England gegen Kroatien. Die großen Verlierer im Viertelfinale: Brasilien und Neymar.

Einer der großen Gewinner in Russland ist Roberto Martinez. Der belgische Nationaltrainer hatte bis zu diesem Turnier keinen hohen Bekanntheitsgrad. Der 44-Jährige hat in England mal mit dem FC Wigan sensationell den FA-Cup gewonnen, in jener Saison stieg der Klub unter dem von Pep Guardiola inspirierten Spanier aber auch aus der Premier League ab. Jetzt ist Martinez auf der Weltbühne eine Nummer. Die Belgier haben die favorisierten Brasilianer taktisch überrascht.

Bislang hatte Martinez sein Team in der Abwehr mit drei Innenverteidigern und zwei offensiv ausgerichteten Außenverteidigern zum Sieg geführt. Im Viertelfinale formierte der belgische Vordenker, der als nicht minder intellektuell gilt wie der Kollege Tite, eine tiefer gestaffelte Viererkette. Die Variante ergab einen Mann mehr für das zentrale Mittelfeld. Das war der eigentlich entscheidende Schachzug: Axel Witsel hatte nun mit Marouane Fellaini einen defensiv denkenden Mann an der Seite, was den bislang defensiv gefesselten Kevin de Bruyne frei machte für die Zehnerposition. Gegen das brillante belgische Konter-Dreieck mit dem ManCity-Star, Eden Hazard und Romelu Lukaku sahen die Brasilianer in der ersten Halbzeit richtig schlecht aus. Nach de Bruynes großartigem Umschalttor zum 2:0 hatte man für einige Minuten das Gefühl, die Brasilianer könnten ähnlich zusammenbrechen wie vor vier Jahren im eigenen Land beim legendären 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland.

Courtois rettet wankende Belgiert

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Das ist nicht passiert. Die Brasilianer haben nach der Pause gekämpft. Die Wende lag in der Luft. Der großartige Torhüter Thibaut Courtois hat die im Abwehrzentrum wankenden Belgier gerettet. Der Schiedsrichter hat den Brasilianern einen Strafstoß verwehrt. Und: Neymar, der schnelle und technisch perfekte Linksaußen, hat auf eigene Rechnung gearbeitet. Sinnlose Dribblings gegen zwei, drei Gegenspieler, Faller, Gejaule, kein Pressing-Verhalten - das hat die brasilianischen Comeback-Bemühungen immer wieder behindert. Der gehypte Neymar ist kein seriöser Mannschaftsspieler. Und es scheint, als sei er dem Druck, der als Superstar auf ihm lastet, nervlich überhaupt nicht gewachsen. Womöglich rühren daher seine schauspielerischen Einlagen, wenn seine Übersteiger- und Hackentrickorgien von den Gegenspielern mit hartem Körpereinsatz gestoppt werden.

Frankreich gegen Belgien, das wird eine Halbfinal-Auseinandersetzung, die nach den aktuellen Eindrücken ein vorweggenommenes Endspiel ist. Die Franzosen haben Uruguay souverän bezwungen. Ohne spielerische Höhepunkte, ganz pragmatisch. Das Ecken-Kopfballtor von Raphael Varane ebnete den Weg. Der Innenverteidiger von Real Madrid war jener Mann, der vor vier Jahren im WM-Viertelfinale bei der 0:1-Niederlage gegen Deutschland den Siegschützen Mats Hummels bei dessen Ecken-Kopfballtor aus den Augen verloren hatte. Frankreich gegen Belgien, das kann eine zähe, eine taktisch geprägte Geschichte werden. Wenn wir Glück haben, dann entwickelt sich ein Konter- und Gegenkonter-Spektakel. Die Belgier haben mehr Erfahrung auf dem Platz, die Franzosen sind von hinten bis vorne etwas dichter besetzt mit Weltklassespielern.

Erfahrung spricht für Kroatien

Der Endspielgegner? England und Kroatien nehmen sich kämpferisch, spielerisch und taktisch nicht viel. Die Kroaten haben jetzt zweimal das Elfmeterschießen benötigt zum Einzug in die nächste Runde. Das Drama gegen den tapferen Gastgeber Russland hat sehr viel Kraft und mentale Energie gekostet.

Die Engländer hatten mit den Schweden weniger Mühe. Die Elf von Gary Southgate gestattete dem biederen Gegner exakt drei Torchancen, dreimal reagierte Torhüter Jordan Pickford vom FC Everton überragend. Dass die junge englische Mannschaft auf einen sehr guten Keeper bauen kann, der sich gerade ein enormes Selbstvertrauen erarbeitet, das ist ein wichtiger Mosaikstein.

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Die Erfahrung spricht für Kroatien um den perfekten Mittelfeldspieler Luka Modric, der sich als Kapitän an der Seite von Ivan Rakitic läuferisch aufopfert für sein Kampfteam. Die Engländer haben die Talente: Jesse Lingard und Dele Alli, defensiv abgesichert durch den leidenschaftlich schuftenden Jordan Henderson, können an einem Toptag aus dem Zentrum heraus torgefährlicher werden als Modric und Rakitic. Und selten hatten die Engländer drei derart souveräne, auch im Passspiel begabte Innenverteidiger wie John Stones, Harry McGuire und Kyle Walker. Prognose: Diese Halbfinalpartie wird entschieden durch ein Standardtor – und auch da sind die baumlangen Stones und McGuire in einem Pulk mit Torjäger Harry Kane eine Waffe.