Rehberg: Was Jogi Löw in der Nationalmannschaft nun bevorsteht

Jogi Löw. Foto: dpa

Joachim Löw bleibt trotz der größten Enttäuschung in der deutschen WM-Geschichte Bundestrainer. „Tiefgreifende Änderungen“ wurden angekündigt. Darauf darf man gespannt...

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. Das Achtelfinale bei der WM in Russland ist ohne Deutschland gespielt worden. Aber: Joachim Löw macht weiter. Dem Bundestrainer sitzt die größte Enttäuschung in der deutschen WM-Geschichte noch in der Seele und in den Knochen. Dennoch, so hat es der immer sehr smart kommunizierende DFB-Generalmanager Oliver Bierhoff verlautbart: Löw sei nach dem Systemabsturz beim Weltturnier heiß auf den Neustart. Der Schwarzwälder hat „tiefgreifende Änderungen“ angekündigt.

In Ländern mit heißblütigeren Temperamenten wäre Löw nach dem Aus in der Gruppenphase medial geschreddert und anschließend vom Verband vom Hof gejagt worden. Grundsätzlich ist es beruhigend zu sehen, dass das auch anders geht. Vielleicht hätten sich die Verantwortlichen bei dieser Entscheidung etwas mehr Zeit lassen sollen. Man hätte schon gerne gewusst, wo genau das Führungsduo Bierhoff/Löw die Gründe für den Misserfolg in Russland sieht und wo genau der Neustart ansetzen soll. Geht es bei Letzterem in erster Linie um die Beseitigung organisatorischer Fehlentwicklungen? Oder hat die Nationalmannschaft tatsächlich ein grundlegendes fußballerisches Problem? Und ist der Cheftrainer bei der WM 2018 ein gewichtiger Teil dieses Problems gewesen? Unabhängig davon, dass der DFB den Vertrag mit Löw schon vor dem Turnier um zwei Jahre verlängert hatte und unabhängig davon, dass einem aktuell auch keine geeignete Option für Löw einfallen würde, hätte man diese Fragen zunächst einmal angemessen gründlich diskutieren sollen. Das kann in der Kürze der Zeit gar nicht geschehen sein.

Mit Leidenschaft und Herzblut, mit Arbeitsethos und Gruppendynamik hätte die deutsche Mannschaft bei diesem Turnier zweifellos spielerisch und taktisch ein höheres Niveau erreichen können als die Viertelfinal-Teilnehmer Russland und Schweden oder auch Uruguay und England. In erster Linie ist das Löw-Team gescheitert an mangelnder Bereitschaft, an fehlendem Zusammenhalt und an Selbstüberschätzung. Und wenn sich dann noch zeigt, dass es der Mannschaft auf hervorragend besetzten Positionen an Form und auf einigen Positionen generell an Weltklasse-Personal mangelt und der Trainer darauf nicht reagiert mit einer demütigeren, pragmatischeren, physischer geprägten Spielanlage, dann wird daraus ein Misserfolgs-Gemisch.

Was man Löw vorwerfen kann und was nicht

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Was man Löw nicht vorwerfen kann: Andere WM-Länder haben antrittsschnellere, dynamischere Außenverteidiger, laufstärkere und giftigere defensive Mittelfeldspieler sowie torgefährlichere Stürmer. Was man Löw vorwerfen kann: Andere WM-Teilnehmer gehen mit ihren personellen Möglichkeiten taktisch flexibler um. Da sei aber auch gesagt: Grundordnungen und spielerische/taktische Systeme sind bedeutungslos, wenn es einer Mannschaft an Teamfähigkeit, an Emotionalität und am bedingungslosen Willen in der Zielverfolgung mangelt. Und genau das ist eines der zentralen Arbeitsfelder des Trainers.

Einem Jürgen Klopp würde man mit seiner Begeisterungsfähigkeit einen radikalen Stimmungsumschwung zutrauen. Löw wird sich neu beweisen müssen. Der Heiligenstatus als Weltmeistertrainer hat gelitten. In Russland, das muss sich der einstige Erneuerer eingestehen, hat überhaupt nichts mehr gestimmt.

Was sich nun ändern muss

Was liegt nun an? Löw wird ab September die Atmosphäre in seinem Kader nachhaltig verbessern, neue Begeisterung wecken müssen. Löw wird seinen heiligen Anspruch auf Dominanz über eigenen Ballbesitz an seine - auf einigen Positionen durchschnittliche Qualität - anpassen müssen, das heißt, er wird einen flexibleren Spielstil akzeptieren müssen. So lange, bis jüngere Spieler sich auf das internationale Topniveau gehoben haben. Ob Löw diese entwicklungsfähigen Außenverteidiger, Mittelfeldarbeiter und Stürmer überhaupt findet, das ist eine ganz andere Frage. Groß ist die Auswahl nicht, schon gar nicht auf dem Mittelstürmerposten. Personell haben im Hinblick auf die EM 2020 Frankreich, Belgien oder England bessere Möglichkeiten, qualitativ eine breitere Basis, damit eine günstigere Perspektive.

Die Gefahr, dass viele Menschen der Nationalmannschaft überdrüssig werden, besteht. Was auch daran liegt, dass Oliver Bierhoff Marketing wichtiger ist als Fannähe. Was die anhaltende Kritik bedient, dass Profifußball inzwischen viel mehr Geschäft ist als Sport. Man könnte auf den Gedanken kommen, Löw und der Nationalmannschaft einen bodenständigeren Begleiter zur Seite zu stellen. Bierhoff ist DFB-Generaldirektor, er ist beim Verband der Personalchef von mehr als 100 Mitarbeitern, er treibt unerbittlich das Business voran, er ist der Planungschef für die Akademie auf der Frankfurter Radrennbahn, er ist verantwortlich für das Nachwuchssystem und für alle fachlichen Zukunftsplanungen. Muss und kann er dann auch noch zwingend der Chefplaner und Kommunikator auf Nationalmannschafts-Ebene sein? Zweifel sind angebracht.