Rehberg: Was Dardai mit Favre gemeinsam hat

Pal Dardai. Foto: dpa

Trainerentlassung - nicht selten ist der Coach das Opfer überzogener Ansprüche. Aktuelles Beispiel in der Bundesliga: Hertha BSC.

Anzeige

. Vor exakt zehn Jahren sorgte die Hertha für fette Schlagzeilen. Der Hauptstadtklub, man erinnert sich kaum mehr daran, hatte damals in der Bundesliga eine realistische Titelchance. 2008/09. Die Tabelle nach dem 32. Spieltag: 1. VfL Wolfsburg 63 Punkte, 2. Bayern München 63, 3. Hertha BSC 62. Die Berliner bekamen auf den letzten Metern der Zielgeraden zittrige Beine. 0:0 zu Hause gegen Schalke 04 und am letzten Spieltag ein 0:4 beim Absteiger Karlsruher SC.

Was blieb? Der 4. Platz. Immerhin. Uefa-Pokal. Und doch waberte lange die Geschichte durch Berlin: Der grüblerisch veranlagte Trainer habe nicht die Nerven gehabt, die historische Chance zu nutzen. Sensationsmeister wurden die Wolfsburger unter dem Schleifer Felix Magath.

Der damalige Hertha-Chefcoach? Lucien Favre. Jener Taktiktüftler, den in diesen Tagen wieder Zweifel umwehen: Kann der ebenso feinfühlige wie gerne kompliziert denkende Schweizer die Dortmunder Borussia als Meister über die Ziellinie führen? Doch das soll hier gar nicht das Thema sein.

Favre hatte damals in Berlin mit Arne Friedrich und Josip Simunic ein starkes Innenverteidigerpaar und mit Raffael, Marko Pantelic und dem vom FC Liverpool ausgeliehenen Andrej Voronin eine der besten Sturmreihen der Liga. Der Chef im Mittelfeld hieß: Pal Dardei. Das ist der heutige Hertha-Cheftrainer. Nicht mehr lange, so wird gemunkelt. Michael Preetz suche bereits nach einem Nachfolger, berichtet der „kicker“. Weil der Manager unzufrieden sei mit der Entwicklung der Mannschaft. Diese Geschichte reiht sich in diesen Wochen ein in eine Serie von Trainer-Entlassungen, deren Hintergründe sich nicht jedem erschließen. Die neue Floskelformel lautet: „Strategische Neuausrichtung.“

Anzeige

Man hat den Eindruck, dass Dardai in Berlin das Opfer seiner überdurchschnittlich erfolgreichen ersten beiden Spielzeiten wird. Rang sechs. Danach Rang sieben. Mit einem mittelprächtig begabten Kader. Aktuell hängt die Hertha im grauen Mittelfeld fest. 35 Punkte nach 29 Spieltagen, Platz 11. Weit entfernt vom Abstiegsgetöse. Aber auch weit entfernt von den hell leuchtenden Europapokal-Scheinwerfern. Letzteres passt der Klubführung nicht. Man dachte, nach zwei netten Jahren sei der nächste nötige und mögliche Schritt die Etablierung im oberen Tabellendrittel. Der zuweilen etwas altklug und breitbeinig daherkommende Dardai hat nicht geliefert. Ende.

In England, Spanien, Frankreich oder Italien gehören die Hauptstadtklubs zu den Vorzeigegrößen. Titelaspiranten. In Deutschland ist das anders. Die Hertha würde das gerne ändern. Aber dafür braucht es Geld. Sehr viel Geld. Das der Klub - der sich noch vor wenigen Jahren nur mit Hilfe einer amerikanischen Fondsgesellschaft seiner immensen Schulden erwehren konnte - nicht hat. Und außerordentliche Transfereinnahmen erzielt der Manager bislang auch nicht.

Und so wird der Trainer, der ganz nebenbei noch drei, vier Talente aus dem eigenen Nachwuchs in die Startelf einbauen soll (und das getan hat), schnell auch das Opfer überzogener Ansprüche. Letztlich gehört die Hertha mit ihrem wirtschaftlichen Potenzial zu jenen vier bis sechs Mittelklasseklubs, die in einer Topsaison mal den Europapokal erreichen können, die in problematischeren Zeiten aber auch froh sein dürfen, wenn sie nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

Übrigens: Als Lucien Favre damals in Berlin in seiner dritten Saison gleich zu Beginn sechs Niederlagen aneinanderreihte, da flog er schon im September raus. Favre rettete alsbald die Gladbacher vor dem Abstieg - und führte den Klub in den Europapokal.