Rehberg: Was bringen plakativ verkündete Ergebnisziele?

Julian Nagelsmann.  Foto: dpa

Zu Beginn der aktuellen Saison hat Julian Nagelsmann klar und deutlich formuliert, wo er sich am Ende der Saison mit einem guten Team sieht: an der Spitze der Tabelle. Zwei Tage...

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. Julian Nagelsmann hat vor dieser Saison nassforsch verkündet: Wenn er mit einer guten Mannschaft antrete, dann wolle er auch Meister werden. Dafür ist der Trainer der TSG Hoffenheim in den Medien und von TV-Experten umgehend gefeiert worden. Super, hieß es, frech, ehrgeizig. Bekennermut statt dem üblichen langweiligen Understatement.

Nun steht die TSG zwei Spieltage vor Schluss auf dem achten Platz. 23 Punkte hinter dem Tabellenführer aus München. Aber: Nur ein Punkt Rückstand auf einen Europaliga-Rang und nur drei Zähler Rückstand auf den vierten Champions-League-Platz. Was machen wir nun damit? Nagelsmann hat nach dem jüngsten 2:2 in Gladbach ausgeführt: Er könne etwa zehn Spiele aufzählen, in denen sein Team die Möglichkeit gehabt habe, hoch in Führung zu gehen, bevor es sich noch Punktverluste eingehandelt habe. Sein Fazit: Hätte seine Elf all diese Torchancen genutzt, dann stünde jetzt die TSG Hoffenheim ganz oben, „dann können die Bayern oder Dortmund machen, was wie wollen“.

Künftig drei Klubs mit ultimativen Ergebniszielen?

Lassen wir Milde walten. Der junge Mann trainiert künftig den aktuellen Dritten RB Leipzig. Die Anspruchshaltung, mit dem Brauseklub Meister werden zu wollen, ist sicher realistischer. Und dann werden wir drei Klubs in der Bundesliga haben, die sich über ultimative Ergebnisziele definieren: Bayern München will immer Meister werden, der Nagelsmann-RB will Meister werden – und Borussia Dortmund will in einer guten Saison in die CL und in einer sehr guten Saison Meister werden. Wunderbar. Das sorgt im Erfolg wie im Misserfolg für aufregende und aufgeregte Diskussionen.

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Die Bayern sind den Titel-Druck gewohnt. Wahrscheinlich haben sie in dieser für den Klub schwierigen Saison nur deshalb einen Neun-Punkte-Rückstand binnen zwei Monaten in einen Vier-Punkte-Vorsprung umgewandelt. Das Selbstverständnis ist danach ausgerichtet. Die Spieler haben diese Haltung inhaliert. Ergebnisdruck sorgt für Leistungsmobilisierung. Nagelsmann muss das den Leipzigern in einem etwaigen Titelkampf erst noch beibringen. Nette Sprüche helfen da wenig.

Dem Ergebnisziel hat sich diesmal auch Werder Bremen verschrieben. Angeblich haben die Profis in der Sommervorbereitung dem Trainer angetragen, sie würden gerne in dieser Saison unter dem Ziel „Europaliga“ segeln. Florian Kohfeldt und Sportdirektor Frank Baumann fanden das gut. Nun steht Werder auf dem 9. Platz. Fünf Punkte Rückstand auf den letzten Europapokalrang sind zwei Runden vor Schluss zu viel. Ziel verfehlt. Nun muss Kohfeldt nach einer guten Saison eine Enttäuschung moderieren. Hat sich die öffentliche Formulierung des Ergebnisziels gelohnt? Hat darin ein Mehrwert gesteckt?

Werder hat phasenweise begeisternden, extrem zielstrebigen Fußball gespielt. War das nur möglich vor dem Hintergrund der neuen Anspruchshaltung? Oder war am Ende der Ergebnisdruck für diese Mittelfeld-Elf auch eine mentale Belastung? Wahrscheinlich stimmt beides. Und man wird erst in der nächsten Saison ablesen können, ob Werder diese Erfahrung, sich unter Druck gesetzt zu haben, mittelfristig einen Nutzen bringt. Ein Jahr Erfolgsdruck und Stress geübt, im zweiten Jahr die Ernte einfahren… Wir wollen das nicht ausschließen.

Andernorts stehen Handlungsziele im Vordergrund

Klubs wie der SC Freiburg, der FC Augsburg, Fortuna Düsseldorf oder der FSV Mainz 05 werden das nicht tun. Dort stehen Handlungsziele im Vordergrund. Jede Bundesligapartie ist eine Herausforderung. Über Sieg und Niederlage entscheiden Woche für Woche Kleinigkeiten. An manchen Tagen und gegen bestimmte Gegner reicht zuweilen auch eine sehr gute Leistung nicht aus für ein gutes Ergebnis. Das Motivations-Motiv bleibt die nachhaltig gute Leistung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Von August bis Ende Mai ein Platzierungsziel außerhalb des Klassenverbleibs zu verfolgen, das macht für diese Mannschaften keinen Sinn. Denn dann wird man nach jeder Niederlage am plakativ verkündeten Anspruchsdenken gemessen. Und damit kann unterm Strich nur der FC Bayern überzeugend umgehen.