Rehberg: War Berggreen für Mainz 05 eine Risikoverpflichtung?

Emil Berggreen

Emil Berggreen ist schon wieder verletzt. Kreuzbandriss. Der Stürmer mit dem Profil „langer kopfballstarker Strafraumspieler“ fällt mindestens ein halbes Jahr aus. Unser...

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. 05-Trainingslager sind für Journalisten auch Bildungs- und Erlebnisreisen. Man kommt in Gegenden, die man ohne den Fußballhintergrund wahrscheinlich nie zu sehen bekommen hätte. Nun ist es das Aostatal. Norditalien. Eine phänomenale Gebirgslandschaft. Ein Gipfelpanorama jagt das nächste. Tosende Gebirgswasserfälle, romantische Bach- und Flussläufe, malerische Täler. In den Seitentälern ist es teilweise so eng, dass zwischen die steilen Felswände und den Fluss nicht mal mehr eine Straße passt. Landstraße oder Autobahn müssen in dieser Gegend dann schon mal in den Fels gesprengt werden. Im Sommer ist das Aostatal ein wunderbares Naturrevier für Wanderer, im Winter öffnet sich hier ein spannendes Skigebiet.

Wir sind über die alte Passstrasse des San Berdanino gekommen. Atemberaubende Rundblicke. Vier Viertausender überragen das im Südwesten an Frankreich und im Norden an die Schweiz angrenzende Aostatal: der Mont Blanc, mit 4807 Metern der höchste Berg Europas; das Matterhorn mit seinen 4478 Metern, die beiden Hauptgipfel des Monte-Rosa-Massivs (der höchste Punkt ist die Dufourspitze mit 4634 Metern) und der Gran Paradiso (4061 Meter). Da kann man sich schon mal eingeengt fühlen.

Stadion wurde für Juventus Turin gebaut

Saint-Vincent, in diesem 4700-Seelen-Dorf campieren die 05er, liegt in bester Südhanglage direkt unter dem Gipfel des Zerbion (2722 Meter). Der Ort ist keine Schönheit. Bauliche Sehenswürdigkeiten? Reste einer römischen Straßenbrücke aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. (das Bauwerk war mal Teil der römischen Konsularstraße nach Gallien), die auf den Fundamenten einer römischen Villa erbaute Kirche San Vincenzo, eine über dem Dorf thronende Therme und ein Spielcasino, in dessen großflächig verglaster Fassade sich das gegenüberliegende Gebirgspanorama spiegelt. Das ist nett. Das gilt auch für die Fußgängerzone: Modegeschäfte, Pizzamacher und Cafés mit soliden Preisen, dazu eine ausladend bestuhlte Versammlungsecke nebst kleinen Bühne für Konzerte. Leicht verblasster Kur-Charme auf 550 Metern über dem Meeresspiegel.

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Für einen Fußballfreak zählt grundsätzlich auch das örtliche Fußballstadion zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten. Da ist dieses kleine Saint-Vincent erstaunlich gut ausgestattet. Ein massives Bauwerk. Mit einer mächtigen Haupttribüne, in deren Katakomben die Kabinen stecken nebst Funktionsräumen, Bar und Presseraum. Da sollte doch zumindest ein Viertligist zu Hause sein. Und dann erfahren wir: Der örtliche Klub Monte Cervino Calcio hat überhaupt keine Männermannschaft. Sondern nur einige wenige Jugendteams. Der Hintergrund: Das von einer stattlichen Mauer umschlossene Stadion wurde vor etwa 15 Jahren gebaut für Juventus Turin, das hier einige Zeit Trainingslager abgehalten und Testspiele absolviert hat. Daher der stabile Zaun rund um das Spielfeld. Und daher auch die durchdachte Aufteilung der perfekt gepflegten Grünanlage: Jenseits der Gegengeraden tut sich noch ein komfortables Nebenfeld auf für separate Athletikeinheiten. Und hinten und vorne und links und rechts türmen sich die Bergriesen auf. Da fühlt sich der aus dem nahen Wallis stammende Martin Schmidt „wie in einem Kessel“, was perfekt passe zu der anstehenden wilden Pressingarbeit hier auf engen Räumen mit giftigen Zweikämpfen und einem Höllentempo.

Cordoba ist unersetzlich

Aber man muss nicht überragend sensibel sein, um zu spüren, dass den Schweizer Lehrmeister auch Sorgen drücken. Da sind zum Beispiel die Unwägbarkeiten auf der Mittelstürmerposition. Schmidt will in dieser Saison viel rotieren. Doch aktuell zuckt der Trainer bei jeder Grätsche gegen Jhon Cordoba. Der Kolumbianer ist unersetzlich. Yoshinori Muto benötigt nach seiner Knie-Reha noch Zeit; heute musste der Japaner die Einheit am Vormittag abbrechen. Und dann ist da Emil Berggreen. Kreuzbandriss.

Der Däne, der das Profil „langer kopfballstarker Strafraumspieler“ verkörpern sollte, wird mindestens bis zum Frühjahr 2017 ausfallen, wahrscheinlich sogar für die komplette Saison. Schwer zu fassen: Berggreen hat sich unmittelbar vor der Abreise ins Aostatal das wichtige Band im Knie gerissen bei einem simplen Pass im Alltagsspielchen fünf gegen zwei. Wir wollen nicht spekulieren. Aber da muss etwas gründlich schief gelaufen sein.

Das Profil „Kopfball-Brecher“ fehlt nun

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Rückrunde der Saison 2014/15: 13 Einsätze/fünf Tore für Eintracht Braunschweig. Vorrunde 15/16: 13 Einsätze/fünf Tore für das Team von Torsten Lieberknecht. Knie-Operation. Reha in Dänemark. Währenddessen im Januar der Wechsel an den Bruchweg. Seitdem hat der 23-Jährige kein Spiel mehr bestritten - und keine drei Tage am Stück am Mannschaftstraining teilgenommen. Im März musste der Däne nachoperiert werden. Drei Wochen Pause, hieß es. Versuche, ins reguläre Training einzusteigen, sind danach aber immer wieder gescheitert. Schmerzen. Jetzt ein Kreuzbandriss. In Folge eines ganz simplen Passes ohne gegnerische Einwirkung. Wegen einer möglichen Vorschädigung? Oder nur die Aneinanderreihung unglücklicher Umstände?

„Wir waren uns des Risikos bewusst bei seiner Verpflichtung“, sagt Martin Schmidt in Saint-Vincent. Haben die 05er da einen vorgeschädigten Spieler geholt, als die Ablösevorstellungen der Braunschweiger stark gefallen waren nach der OP im Dezember? Wie lief die Reha in Dänemark? Welches Risiko-Bulletin hatten die Mainzer Ärzte bei der Eingangsuntersuchung im Januar formuliert? Wie sah das Knie aus nach der OP im März in Augsburg? Antworten wird man da nicht bekommen. Die Ärzte pochen auf ihre Schweigepflicht. Spieler und Berater äußern sich zu medizinischen Fragen nur noch dann, wenn es ihnen nutzt. Die Klubs halten sich gegenüber der Öffentlichkeit knapp und bündig an die Oberflächenfakten und verweisen auf die Schweigepflicht der Ärzte und das „Aussageverweigerungsrecht“ der Spieler. Und die für die Fußballer zuständige Berufsgenossenschaft, die ab der 6. Ausfallwoche das Gehalt übernehmen muss, beobachtet das alles mit höchster Konzentration.

Was bedeutet Berggreens Aus für den Kader? Ein bisheriger Startelfspieler und/oder Leistungsträger war der Däne nicht, klar. Aber er wurde geholt, weil Schmidt einen langen, physisch präsenten, kopfballstarken Mittelstürmer haben wollte in einem Rotationspaket mit dem flotten Reißer Cordoba und dem wuseligen Sprinter Muto. Das Profil „Kopfball-Brecher“ fehlt nun. Man könne Flügelstürmer Karim Onisiwo für das Zentrum umschulen, man könne den groß gewachsenen Aron Seydel aus der U23 stärker fördern, sagt Schmidt. Klingt immer gut. Aber es geht ja darum, ob das tatsächlich binnen zwei, drei Wochen und über einen längeren Zeitraum vollwertige Rotationskandidaten sein können - in der Bundesliga und in der Europaliga. Eher nicht. Die Lösung könnte auf dem Transfermarkt liegen. Der Gehaltsposten kann besetzt werden. Eine hohe Ablösesumme wird sich der Klub aber nicht mehr leisten können. Bestenfalls ein Ausleihgeschäft. Das nur Sinn macht, wenn sich verlässliche Bundesligaqualität auftreiben lässt.