Rehberg: Von wegen „Jugend forscht“

Bundestrainer Joachim Löw (r-l) spricht zu Timo Werner und Nico Schulz. Foto: dpa

Rücktritte, schwache Leistungen, keine Alternativen: Im Testspiel gegen Russland schickte Joachim Löw eine junge Elf auf das Feld. Der Bundestrainer braucht nach der desolaten...

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. Ein TV-Journalist verstieg sich am Donnerstagabend zu der Behauptung, Joachim Löw stelle sein Tun inzwischen unter das Motto: „Jugend forscht“. Man möchte den Kopf schütteln. Als ob da beim 3:0-Testspielsieg in Leipzig in der deutschen Nationalmannschaft Küken herumgelaufen wären, die gerade der U17 entwachsen sind. Der Bundestrainer sieht sich vor der Aufgabe, den Weltmeisterkader von 2014 nachhaltig umzubauen und eine Auswahl zu entwickeln, die bei der EM 2020 die realistische Perspektive hat, das Halbfinale anzugreifen. Das ist alles.

Nach dem WM-Desaster von 2018 hat es weitere Rücktritte gegeben, einige der Stammspieler spüren, dass der Körper nach Erholungspausen schreit, der ein oder andere Etablierte ringt um seine Form. Dass Löw die kommende EM aber deshalb mit einem Küken-Team bestreitet, das ist unwahrscheinlich. Und würde er das machen, dann würde man ihm im Falle des Misserfolgs vorwerfen: Dieser Mannschaft mangelt es an Korsettstangen, an Führungsspielern, an erfahrenen Leistungsträgern.

Reus und Havertz passen zusammen ins Team

Auf einigen Positionen hat Löw auch gar keine andere Wahl, als zu experimentieren. Schauen wir uns die Offensive an. Will der Bundestrainer ein System spielen, das einen klassischen Zehner vorsieht, dann hat er nach dem Rücktritt von Mesut Özil keine große Auswahl. In der Bundesliga und international wird im Klubfußball im Moment das 4-3-3 favorisiert. Da gibt es keine Zehnerposition. Da kann sich also auch kein „neuer“ Spieler hervortun. Marco Reus kommt gerne aus diesem Raum. Aber das ist ein ganz anderer Typ als Özil. Der Dortmunder ist kein Passgeber oder Rhythmus-Bestimmer, er ist ein Torjäger, der sich gerne aus der zweiten Reihe in den Strafraum schleicht.

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Kai Havertz hat beim 3:0 gegen Russland angedeutet, dass er, gleich in welcher Grundordnung, im Zehnerraum auf andere Art und Weise Wirkung erzeugen kann. Der 19-Jährige hat die Technik, den Überblick, das Gefühl für den letzten, den torvorbereitenden Pass. Der Leverkusener ist ein hoch talentierter junger Kerl, der aber auch kein Grünschnabel mehr ist. Er spielt seit der U16 für den DFB, er erlebt schon seine dritte Bundesligasaison, er ist beim Europapokal-Teilnehmer Bayer 04 ein das Spiel bestimmender Leistungsträger. Und er ist im Mittelfeld flexibel einsetzbar. Löw kann Reus und Havertz auch gemeinsam in sein „neues“ Team einbauen.

Im Sturm stehen schon die Besten auf dem Feld

Auch in der Sturmreihe hat Löw keine andere Wahl, als jüngere Leute einzusetzen. Abgesehen von Reus, der natürlich auch ganz vorne angreifen kann, gibt es gar keine älteren deutschen Stürmer mehr, die mit ihren Leistungen DFB-Ansprüche anmelden könnten. Da forscht der Bundestrainer also nicht mit Jugendlichen. Sondern er stellt aktuell die Besten auf: Timo Werner (22), Leroy Sané (22), Serge Gnabry (23).

Werner hat mit der Nationalmannschaft bereits ein EM- und ein WM-Turnier gespielt. Sané gehört zur Startelf bei Manchester City: Englischer Meister, aktuell wieder Tabellenführer in der Premier League, einer der Champions-League-Favoriten, angeleitet vom großen Pep Guardiola. Und dann noch Serge Gnabry: Mit 16 vom VfB Stuttgart zu Arsenal London und dort ausgebildet von Arsene Wenger, mal ausgeliehen an West Bromwich Albion, Tore geschossen in der Bundesliga für Werder Bremen und die TSG Hoffenheim, jetzt in der Startelf beim FC Bayern München und Torschütze in der Champions League – Silbermedaille mit dem deutschen Team bei den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien (mit sechs Treffern gemeinsam mit Nils Petersen der beste Torschütze des Turniers), U21-Europameister 2017 in Italien (vier Tore im Turnier).

Ein Kindergarten springt da nicht umher

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Das alles hat mit „Jugend forscht“ nichts mehr zu tun. Das sind schnelle, technisch gute, flexibel einsetzbare, international nicht unerfahrene Spieler, die jetzt im DFB-Team die letzten Schritte machen auf die ganz große Bühne. Das braucht noch etwas Zeit und Geduld. Aber ein Kindergarten springt da nicht umher beim DFB.