Rehberg: Von Schwellen- und Schlüsselspielen bei Mainz 05

Szene aus dem Hinspiel: Levin Öztunali und Konstantinos Stafylidis im Zweikampf, beobachtet von Stefan Bell. Archivfoto: dpa

Nicht grübeln, nicht in düstere Gedanken versinken. Sondern mal die Fehler der vergangenen Wochen vergessen, mit klarem Blick und Willen auf den Rasen kommen. Das empfiehlt...

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. Wie oft hat man diese Floskel im Fußball schon gehört: Das ist für uns ein wichtiges Spiel, wirklich keine leichte Aufgabe. Im Umkehrschluss müsste dann ja irgendwann ein Trainer auch mal sagen: Das ist für uns ein weniger wichtiges Spiel, eine relativ einfache Aufgabe. Niemals würde ein Trainer diese Botschaft hinausposaunen. Vielleicht versuchen wir es mal mit einer anderen Unterscheidung zwischen sehr wichtig und wichtig: Es gibt Entscheidungsspiele, Schlüsselspiele und Schwellenspiele. Dann nennen wir die Heimpartie der 05er an diesem Freitagabend gegen den FC Augsburg ein Schwellenspiel.

Bei einem Sieg halten die Mainzer das Thema Abstiegskampf auf Distanz. Bei einer Niederlage gegen die Augsburger wird das folgende Heimspiel gegen Werder Bremen schon zum Schlüsselspiel. Und wer weiß, ob dann nicht im Mai plötzlich ein Entscheidungsspiel auf dem Programm steht. Soll heißen: Die Augsburg-Partie ist für die 05er die Schwelle, auf der die Überschrift für die nächsten Wochen geschrieben wird.

Erfolgserlebnis dringend gesucht

Im Moment sitzt das Team von Martin Schmidt noch immer mit den Gefühlen zwischen den Stühlen. Das jüngste 0:4 in Hoffenheim hat die Tendenz in Richtung Sorgenfalten verstärkt. Den 05ern fehlen gerade die bahnbrechenden Erfolgserlebnisse. Das menschliche Belohnungssystem braucht Futter. Wenn gute Vorsätze und große Anstrengungen wenig bis keinen Ertrag bringen, dann schleichen sich düstere Gedanken und negative Gefühle ein. Und diese Konstellation ist nicht nur der größte Feind in einem Diätprojekt, sondern auch und erst recht im Leistungssport. Und wenn sich dieser Zustand mal eingenistet hat, dann verbaut das den Zugang zum eigentlichen Willens- und Leistungsvermögen. Das einzige Schutzprogramm heißt: Grenzen sprengen und gewinnen.

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Analysiert wird im Fußball nach jedem Spiel. Da werden die Messdaten auf den Tisch geknallt und hin und her gewälzt, da werden Abstände zwischen den Linien, Laufwege, entscheidende Zweikämpfe und verschlampte letzte Pässe bewertet. Diese Sitzungen sind nicht immer hilfreich. Manchmal ist es besser, im Hier und Jetzt zu bleiben. Jedes Spiel schreibt eine neue Geschichte. Nicht zu viel nachdenken. Rausfeuern. Den Gegner bekämpfen, beeindrucken, mit geballter Energie in die Knie zwingen. Man sieht einer Mannschaft oft schon nach wenigen Spielminuten an, ob sie die Intensität, die Bereitschaft, die Klarheit hat, an diesem Tag und an diesem Ort neue Fakten zu schaffen. Die Zuschauer spüren das. Und dann gehen die Leute mit.

Ziel: Humba nach dem Schlusspfiff

Nach dem Treffer zum 1:1 gegen Borussia Dortmund herrschte diese Atmosphäre in der Opel Arena. In der Schlussphase wurde es laut. Und den 05-Profis eröffnete sich plötzlich sogar noch die Siegchance. Der FC Augsburg ist individuell ganz anders zu bewerten als das Spitzenteam aus dem Ruhrpott. Das macht die Aufgabe nicht einfacher. Aber die 05er wissen, dass sie mit einer über 90 Minuten willensstarken, leidenschaftlichen, kämpferischen und tempogeladenen Vorstellung eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit haben. Darum geht es.

Der Matchplan? Die Startaufstellung? Bojan Krkic auf dem Feld oder als Joker auf der Bank? Die wacklige Form der Offensivspieler? Die jüngsten Abwehrfehler? Die technischen Unsicherheiten? Man könnte in diesen Themen baden. Lassen wir das. Wenn die 05er an diesem Freitagabend als Kollektiv 90 Minuten an der Kurbel drehen, kompromisslos verteidigen, Zweikämpfe gewinnen und nicht nur dosiert, sondern mit Lust am Gelingen ihre Angriffe fahren, dann sind die – zweifellos sehr lebendigen und widerstandsfähigen - Augsburger zu knacken.

Das schafft das 05-Team dann, wenn die Spieler möglichst wenig darüber grübeln, welche Auswirkungen das Endergebnis haben kann. Nach dem Abpfiff die „Humba“ feiern, mit den Fans auf der Stehtribüne, das genügt in diesem Schwellenspiel als Zielvorstellung. Der erste Sieg im Jahr 2017 kann der Zugang sein zu einem weniger steinigen und weniger steilen Rückrundenpfad.