Rehberg: VfL Wolfsburg - das merkwürdige Fußballkonstrukt

Diskussionsbedarf in Wolfsburg: VfL-Spieler nach dem 1:3 gegen den HSV bei den Fans. Foto: dpa

Sportfremde Entscheider in den Führungsetagen vieler Klubs in der Fußball-Bundesliga. Das führt ins Chaos. Aktuelles Beispiel: VfL Wolfsburg. Aber auch bei Hannover 96 läuft...

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. Heribert Bruchhagen hat das neulich in einer Fernsehsendung gesagt: Der Einfluss von Machern und Entscheidern aus der Wirtschaft, die wenig vom Fußball verstehen, nehme auf den Führungsetagen der Bundesligaklubs immer mehr zu, und das sei sehr bedenklich. Der 67-Jährige bezog sich mit dieser Aussage nicht nur auf den Hamburger SV. Dort war der Altmeister unter den deutschen Managern und Sportvorständen vor ein paar Wochen entlassen worden.

Wenn zu viele Figuren ohne Fußballkompetenz hineinregieren

Bruchhagen hat sich nicht davor gedrückt, die Verantwortung für das sportliche Desaster beim HSV zu übernehmen. Aber er wollte doch noch mal hinterlegen: Auch beim HSV haben zu viele Figuren ohne Fußballkompetenz hineinregiert in die sportlichen Entscheidungen. Ein krasses Beispiel für das Missverhältnis zwischen wirtschaftlicher und fußballerischer Sachkenntnis ist auch der VfL Wolfsburg. Die 100-Prozent-Tochter des Volkswagen-Konzerns hatte sich in der vergangenen Saison über die Relegation in der Liga gehalten. 2018 ist der direkte Abstieg denkbar.

Dieses merkwürdige Fußballkonstrukt arbeitet mit einem Personaletat von 75 bis 80 Millionen Euro. Ablösezahlungen für einen neuen Spieler zwischen 10 und 20 Millionen sind kein Problem, 30 bis 40 Millionen wären auch zu stemmen. Zum Vergleich: Der SC Freiburg und Mainz 05 kommen in diesem Bereich auf 32 beziehungsweise 33 Millionen Euro; die Ablöse-Höchstgrenze pro Spieler liegt bei rund fünf Millionen. Da ist es kaum nachvollziehbar, dass die Wolfsburger zwei Jahre hintereinander bis zur letzten Saisonminute um den Klassenerhalt zittern müssen. Woran das liegt? Mangelnde Sportkompetenz.

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Der wenig erfolgreiche Kaderplaner Olaf Rebbe ist in der vergangenen Woche entsorgt worden. Der junge Mann war mal die rechte Hand seines Vorgängers Klaus Allofs. Von dem hat Rebbe viel gelernt. Insbesondere die Abwicklung von Transfers. Aber ursprünglich arbeitete Rebbe in der Marketingabteilung von Werder Bremen. Ein Fußballsachverständiger von Haus aus ist Rebbe nicht. Das erkennt man auch an seiner wilden Trainerauswahl.

Wilde Auswahl bei Trainern

In die Saison startete der VfL mit Andries Jonker. Der Holländer ist ein bekennender Anhänger des Ballbesitzfußballs – und danach wurden im vergangenen Transfersommer auch die Zugänge ausgewählt. Auf Jonker folgte Martin Schmidt. Der Schweizer will mit seinen Mannschaften die Kugel überhaupt nicht haben, der Ex-Mainzer ist bekennender Fan tiefer Verteidigungsreihen und überfallartiger Umschaltzüge. Zu dieser Spielanlage passte der Kader nicht. Als Schmidt hinwarf, da fiel Rebbe nur noch ein Rettungsspezialist ein: Bruno Labbadia. Der muss nun ausbaden, was die sportliche Leitung verbockt hat.

Zusammenhalt im Kader? Existiert nicht zwischen Profis, die sich von jeher nur der satten Gehaltszahlungen wegen nach Wolfsburg verirren. Ein kompetenter Mann, der eine Idee entwickeln könnte, wie Fußball in Wolfsburg funktionieren kann, existiert nicht in diesem ausschließlich von Wirtschaftsleuten gelenkten Fußballunternehmen.

Der neue Sportvorstand, natürlich ein Manager aus dem VW-Konzern, hat sich daraufhin in den Kopf gesetzt, den Fußballmanager Horst Heldt von Hannover 96 abzuwerben. Das ist öffentlich geworden. Hannover-Boss Martin Kind, der Hörgeräte-Unternehmer, hat die Manager vom Weltkonzern am Nasenring durch die Manege geführt. Für fünf Millionen Ablöse lässt Kind seinen Sportdirektor nebst Kaderplaner und Scoutingexperten nicht ziehen. Nicht ausgeschlossen, dass Heldt nach der Saison für eine Entschädigung von zehn Millionen doch noch nach Wolfsburg umzieht.

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Heldt will weg

Peinlich ist das für alle Seiten. Auch für Heldt, der kürzlich erst mit seinem Versuch gescheitert war, sich zum 1. FC Köln abzusetzen. Heldt will weg. Auch, weil der egozentrische Wirtschaftsentscheider Kind es nicht schafft, Fußballexperten in seinem Klub eine tragfähige Plattform zu bieten für sportfachliche Entscheidungen. Die Atmosphäre in Hannover ist vergiftet. Viele Anhänger haben keine Lust auf das Geld von Kind und dessen steinreichen Freunden, die gemeinsam den Klub in ihren Besitz bringen wollen mit einer Mehrheit auf der Entscheidungsebene. Hätten die 96er nur ein Spiel weniger gewonnen in dieser Saison, dann würde der so glänzend gestartete Aufsteiger jetzt ebenfalls mitten im Abstiegskampf stecken.

Bruchhagens Warnung vor dem ungezügelten Einfluss von sportfremden Führungsmännern in den Bundesligaklubs ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Fußballkompetenz gepaart mit der Fähigkeit, plausible und uneitle Situationsbewertungen an den Start zu bringen und danach zu handeln, das ist und bleibt das entscheidende Gut in diesem Millionen-Business.