Rehberg: Tuchel wird Tempo verordnen

Thomas Tuchel. Foto: dpa

Auf geht es in die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Mainz 05 tritt bei Borussia Dortmund an. Bei dem Verein, der mit Ex-05-Trainer Thomas Tuchel wieder angreift – mit viel...

Anzeige

. Was erwartet die 05er am Samstag in der Dortmunder Kultarena? Zweimal haben wir die Borussia in dieser langen Sommerzeit am Bildschirm verfolgen können. Da war das Supercupfinale gegen den FC Bayern im Signal Iduna Park. Thomas Tuchel ließ einen wilden Pistolerofußball aufführen. Die Dortmunder traten in der ersten halben Stunde auf, als wollten sie zunächst mal die Lampen von der Decke schießen und dann den Deutschen Meister in der Dunkelheit überrennen. Angriffspressing im Sprinttempo. Ein Anlaufverhalten und eine Gegenpressingwucht in der gesamten gegnerischen Hälfte mit der Wucht und Präzision eines Überfallkommandos. Nach einer halben Stunde ebbte dieser - die Bayern durchaus irritierende und einbremsende - Krawallfußball ab. Der FC Bayern ging in Führung. Danach war der BVB mehr oder weniger raus aus der Partie. Sieg für den pragmatisch denkenden Carlo Ancelotti. Tuchels Ansatz wirkte an jenem Abend ein wenig überladen.

Ballbesitzspiel der Borussia - Trier überfordert

Am vergangenen Montagabend haben wir die Dortmunder im DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Trier gesehen. Gegen das scharfe, schnelle, präzise und flexible Ballbesitzspiel der Borussia war der ambitionierte Regionalligist hemmungslos überfordert. Tuchels Mannschaft erledigte diese Aufgabe hoch konzentriert, energiegeladen, kaltschnäuzig. Den Trierern blieb mit Ball und ohne Ball keine Luft zum Atmen. Die Partie hätte statt 3:0 auch 5:0, 6:0 oder 7:0 enden können. Da hatten der Cheftrainer und sein Stab um Arno Michels, Rainer Schrey und Benni Weber – die komplette ehemalige Mainzer Combo – nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen.

André Schürrle, der gegen die Bayern nur eingewechselt worden war, stand in Trier in der Startelf. Als der am Bruchweg ausgebildete Sprintstürmer nach einem heftigen Zusammenprall mit dem gegnerischen Torhüter ausgewechselt wurde, da hatte er viel Spaß mit seinem alten und nun wieder neuen Lehrmeister. Vor sieben Jahren sind Tuchel und Schürrle mit der 05-U19 Deutscher Meister geworden nach einem 2:1-Finalsieg gegen Borussia Dortmund. Die beiden verstehen sich. Tuchel weiß, wie er den zu gedanklichen Höhenflügen neigenden Nationalspieler zu packen hat. Zuckerbrot und Peitsche.

Anzeige

Schürrle wohl in der Startelf

So funktionierte das schon am Bruchweg: Wenn das Talent in seinen Sprintleistungen mit Ball und gegen den Ball nachließ, dann setzte der junge Trainer seinen Lieblingsschüler einfach mal auf die Bank. Vor dem Hintergrund, dass der verletzte Marco Reus noch einige Wochen fehlen wird, darf man von Schürrles Startelfeinsatz gegen die 05er ausgehen. In Trier vermittelte der - in London und in Wolfsburg stagnierende - Weltmeister neue Lust daran, Fußball wieder freudvoll zu arbeiten. Kumpel Mario Götze, der in Dortmund ebenso behutsam wie fordernd-zielgerichtet aufgebaut wird, dürfte nur auf der Bank sitzen.

Lustig wurde es, als ARD-Moderator Matthias Opdenhövel im Moselstadion dem BVB-Coach unterstellte, er stehe vor der schwierigsten Saison seiner bisherigen Karriere. Das wies Tuchel umgehend von sich. Wer drei werthaltige Spieler abgibt, dafür aber für 120 Millionen Euro acht Spieler kaufen darf, die alle in ihrer Altersklasse zu den besonders Begabten auf diesem Erdball zählen, der führt nicht unbedingt ein Leben auf der Schattenseite des Fußballs.

Drei Toptalente verpflichtet

Zwei Weltmeister, von denen der eine im WM-Finale 2014 in Brasilien das Siegtor vorbereitet und der andere vollendet hat: André Schürrle und Mario Götze. Ein Europameister von 2016, der am Ende im All-Star-Team des Turniers in Frankreich gelandet ist: der portugiesische Linksverteidiger Raphael Guerrero. Ein passsicherer und aggressiver Innenverteidiger, der im spanischen EM-Kader stand und der mit dem FC Barcelona einige Titel geholt hat als Ergänzungsspieler: Marc Bartra. Ein harter Mittelfeldarbeiter, der beim FC Bayern einer der Lieblinge von Pep Guardiola war: Sebastian Rode. Und dazu drei Toptalente, die sich im Transfersommer ihren neuen Klub aussuchen konnten: der Franzose Ousmane Dembelé, der Spanier Mikel Merino, der Türke Emre Mor. Und dazu bekommt jetzt noch ein gerade 18 Jahre alt gewordener Rechtsverteidiger aus der eigenen Jugend Einsatzzeiten, der als Stürmer mit der Dortmunder U17 und U19 Deutscher Meister war und der zweimal zum besten Nachwuchskicker Deutschlands gekürt worden ist: Felix Passlack. Damit lässt sich arbeiten. 95 Prozent aller Trainer in Europa würden morgen mit Tuchel tauschen.

Anzeige

Dass der kreative BVB-Vordenker nach den Abgängen von Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan für seine Mannschaft eine neue Statik entwerfen muss, das ist klar. Der Fundus aber, aus dem der Chefcoach schöpfen darf, sprudelt über vor Können und zu hebendem Potenzial. Auch in dieser Saison werden die Dortmunder eine Mischung aus Ballbesitz- und Umschaltfußball anbieten. Je nach Situation auf dem Spielfeld. Tuchel wird Tempo verordnen über schnelles und flexibles Passspiel, er wird viele Sprinter auf den Platz schicken, er wird an den Seitenlinien offensive Außenverteidiger Druck machen lassen - und er wird dem Gegner zusetzen mit am Reißbrett entworfenen, auf den Zentimeter gezeichneten Pressing- und Gegenpressingattacken. Thomas Tuchel wird alles in sein Paket packen, was der Fußball läuferisch, kämpferisch, spielerisch und taktisch zu bieten hat.

Das ist der ultimative Anspruch dieses eigenwillig-störrischen Geistes, der in der vergangenen Saison beeindruckende 78 Punkte eingesammelt hat. An manchen Tagen überzieht der ruhelose Tüftler. Günstig für die 05er: Sie treffen am ersten Spieltag auf die Dortmunder – bis ins letzte Detail können die komplexen Abläufe beim Gegner zu diesem Zeitpunkt noch nicht sitzen. Ob sich daraus für die Elf von Martin Schmidt eine Ergebnischance ableiten lässt, das lesen Sie im Freitag-Blog.