Rehberg: Transferaktivitäten in Zeiten der Europameisterschaft

Mario Götze im Zweikampf mit Marek Hamsik während der 1:3-Niederlage im testspiel gegen die Slowakei in Augsburg. Foto: dpa

Und jetzt freuen wir uns auf die EM in Frankreich. Wer wird Europameister? Wer sind die Geheimfavoriten? Schwerpunktthemen in diesem Blog in den nächsten fünf Wochen. Und dann...

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. Und jetzt freuen wir uns auf die EM in Frankreich. Wer wird Europameister? Wer sind die Geheimfavoriten? Wie stehen die Chancen der deutschen Mannschaft? Wie kommt die Elf von Jogi Löw rein in das Turnier in Frankreich? Schwerpunktthemen in diesem Blog in den nächsten fünf Wochen. Das Wasserballspiel in Augsburg lassen wir mal außen vor. Da haben die DFB-Buben zu Beginn der zweiten Halbzeit fast 20 Minuten benötigt, um zu erkennen, dass man im Sumpf und in Wasserlachen mit Flachpässen nicht weit kommt. Mehr an Erkenntnissen wollen wir diesem Gewitterkick gegen die Slowakei nicht abringen. Und dann wird es interessant sein, parallel zur EM die Transferaktivitäten der 05er im Auge zu behalten.

Müßig sind die moralischen Aspekte, die gerade wieder bundesweit hoch kochen. Wie bindend sind Verträge in diesem Fußballbusiness? Das Geschäft hat sich dahin entwickelt, dass diese Arbeitspapiere als Absichtserklärungen zu verstehen sind. Immer dann, wenn beide Vertragsparteien Vorteile erkennen in der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses, dann wird es dazu kommen. Und wenn in den Kontrakten mögliche Ausstiegsoptionen zu fest vereinbarten Konditionen verankert sind, dann ist das überhaupt kein Problem. Ob man diese Entwicklung gut findet, das steht auf einem anderen Blatt. Die Realität lässt sich aber nicht umdeuten. Spieler wollen die best möglichen sportlichen Chancen wahrnehmen und möglichst viel Geld verdienen. Klubs brauchen sportlich Planungssicherheit, wenn diese ausgehöhlt ist durch Optionen, dann ist es wünschenswert, dass entsprechende Ablösesummen fließen und die Basis schaffen für die Neubesetzung dieser Positionen.

Beispiel Mario Götze

Streit kann es geben, wenn sich eine sportliche Hoffnung nicht erfüllt hat, der Vertrag aber noch läuft. Das sind die unangenehmen Situationen. Da greift dann gerne die Ansage des Vereins: Wir planen sportlich nicht mehr mit dir, wäre nett, du würdest uns einen neuen Arbeitsgeber präsentieren… Aber auch in diesen Fällen weiß der Spieler: Das Vertragsverhältnis ist juristisch wasserdicht, unter Druck setzen lassen muss er sich nicht. Schicksale werden da nicht produziert. Nehmen wir das aktuell diskutierte Beispiel Mario Götze.

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Der FC Bayern hat 37 Millionen Ablöse in den Weltmeister investiert, dazu 12 Millionen Jahresgehalt. Macht nach zwei Jahren einen Gesamtinvest von 61 Millionen, ohne Prämien. 2017 läuft Götzes Vertrag aus, dann kann sich der reich gewordene Techniker, der sportlich nur sehr bedingt gezogen hat unter Pep Guardiola, ablösefrei verändern. Und dann müssten die Bayern 73 Millionen abschreiben. Also geht es in diesem Moment darum: Wenn der neue Trainer Carlo Ancelotti den Spieler nicht dringend gebrauchen kann, dann ist die Klubführung darauf aus, jetzt noch eine nennenswerte Transferentschädigung zu erzielen und die 12 Millionen Gehalt für das letzte Vertragsjahr einzusparen. Das würde den Verlust um 30 bis 35 Millionen reduzieren. Den Spieler muss das nicht kümmern. Wenn er seinen Vertrag absitzen will, dann wird er das tun, im Sommer 2017 womöglich wechseln – und vom neuen Klub ein fettes Handgeld für seine Ablösefreiheit kassieren. Moralisch anfechtbar ist keine der beiden Positionen. So funktioniert dieses – von in einem Fall deckungsgleichen, im anderen Fall sehr unterschiedlichen Interessen gesteuerte – Geschäftsmodell Profifußball.

Mainz 05 hat 9,5 Millionen um Lücken zu schließen

Die 05er hätten das Abenteuer Europaliga gerne mit einer eingespielten Mannschaft bestritten. Vertragsoptionen haben dem überragenden Torhüter Loris Karius sowie Kapitän Julian Baumgartlinger den Ausstieg gestattet. Die Ablösesummen sind für die heutigen Zeiten überschaubar. Aber es sind im Paket rund 9,5 Millionen. Damit muss Sportdirektor Rouven Schröder die Lücken schließen. Hilfreich ist es, jetzt nicht darauf zu bauen, da müssten ein neuer Karius und neuer Baumgartlinger gefunden werden. Das geht nicht. Schlüssiger ist diese Herangehensweise: Da sind zwei Stellen frei geworden in der Startelf – welche Profile braucht Trainer Martin Schmidt für seinen fußballerischen Ansatz?

Über die Torhüterposition muss man da nicht groß diskutieren. Der neue Mann sollte sämtliche Torwarttechniken beherrschen, er sollte mit den Füßen einen Rückpass annehmen und sicher weiterleiten können, er sollte Ruhe, Souveränität ausstrahlen. Erfahrung? Kann hilfreich sein, gerade im Hinblick auf die internationalen Aufgaben. Es gibt aber auch genügend Torhüter in der Bundesliga, die sich als junge Nummer eins zwischen den Pfosten die nötige Erfahrung geholt haben.

Im defensiven Mittelfeld hätte natürlich jeder Trainer gerne eine Mischung aus dem wilden Gennaro Gattuso und dem filigranen Toni Kroos. Kilometerfresser, Zerstörer und Balleroberer plus Passsicherheit und strategische Fähigkeiten in einer Person. Für den Mainzer Umschaltansatz war Baumgartlinger der ideale lauffreudige, antrittsschnelle und aggressive Pressingmalocher, aber das Kombinationsspiel auf engeren Räumen sowie die Verlagerungs-/Tiefenpässe gehörten nicht zur Kernkompetenz des Österreichers. Mag merkwürdig klingen, aber da besteht jetzt die Chance, einen Mann zu finden, der Bälle jagen kann und der darüber hinaus im eigenen Ballbesitz eine bessere Passquote verspricht.

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Macht Serdar den nächsten Entwicklungsschritt?

Sollte der neue Mann, der sicher nicht als Stammspieler von einem Champions-League-Klub kommen wird, Eingewöhnungszeit benötigen, dann kann Schmidt auch mit der Kombination Danny Latza/Fabian Frei Spiele gewinnen. Auch das kämpferisch und spielerisch hoch veranlagte Talent Suat Serdar ist in der Lage, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.

Frei hat den Sprung in den EM-Kader der Schweizer geschafft. Das mag dem zum Phlegma neigenden Strategen Auftrieb geben. Große Namen mit Garantie auf sofortige Topqualität geben das Mainzer Ablösebudget und vor allem die Mainzer Gehaltsstruktur nicht her. Das wird sich auch in diesem Transfersommer nicht ändern. Rouven Schröder ist gezwungen, Marktnischen auszuleuchten und schlau einzukaufen.