Rehberg: Trainerwechsel eröffnet Chance auf aufregenderen...

Martin Schmidt ist nicht mehr Trainer von Mainz 05. Wer seinen Platz einnehmen wird, steht noch nicht fest. Foto: Sascha Kopp

Mainz 05 und Martin Schmidt gehen getrennte Wege: Es war eine Scheidung mit Stil. Nun beginnt die Sondierungsphase: Wer kommt als Nachfolger in Frage? Die Chance, die sich mit...

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. Der erste Gewinner in dieser Trainergeschichte ist Rouven Schröder. Der 05-Sportdirektor hat zum Ende seines ersten Jahres am Bruchweg sehr strukturiert und unaufgeregt eine heikle Angelegenheit ins Ziel gebracht. Sechs Spieltage vor Saisonschluss in einer sportlich kritischen Situation die Nerven bewahrt, dem amtierenden Trainer das Vertrauen ausgesprochen und ein analytisches Gespräch mit Martin Schmidt nach dem letzten Spieltag angekündigt. Nach der geglückten Rettung im Abstiegskampf keine Wasserstandsmeldungen veröffentlicht, sondern am Sonntagabend mit dem Schweizer die Dinge besprochen, eine Entscheidung gefällt und am Montagmittag ohne negativen Beigeschmack ruhig und sachlich verkündet. Und nun beginnt die Sondierungsphase, wer als Nachfolger für Martin Schmidt in Betracht kommt. Ablauf und Darstellung entsprechen den seriösen Gepflogenheiten in Mainz.

Vor vielen Jahren hatte Christian Heidel mal früh in der Folgesaison den gefeierten Abstiegsretter Horst Franz beurlaubt. In einem kurzen Gespräch auf dem damaligen Trainingsgelände in Mombach. Der Trainerveteran verließ das Gebäude, trat vor seine Spieler und sprach: „Das war's, die Amateure haben mich entlassen!“ Dann stieg er in seinen Dienstwagen und brauste davon. Den BMW musste Heidel Wochen später per Abschleppdienst in Solingen, dem Wohnort des „Sonnenkönigs“, zurückerobern.

Scheidung mit Stil

Die Scheidung zwischen Schmidt und Schröder ist mit Stil abgelaufen. Der Schweizer wollte über das Jahr 2018 hinaus nicht mehr verlängern, der Verein bestand auf einer längerfristigen Perspektive auf dem Trainerstuhl. Also die Trennung. Das ist die offizielle Lesart. Dass es zwischen den beiden Protagonisten fachlich und menschlich nie so richtig gefunkt hat, das ist die Innensicht. Von Schröder kam am Montag nicht ein einziges negatives Wort. Schmidt ist natürlich angesäuert; sein guter Ruf hat gelitten durch die zuletzt kritischer gewordene Berichterstattung in den regionalen Medien und durch die Trennung. Diese Haltung des sympathischen, bodenständigen und redseligen Schweizers ist nachvollziehbar.

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Die Arbeit von Martin Schmidt muss man nicht herabwürdigen. Er übernahm das Bundesliga-Team im Februar 2015 von Kasper Hjulmand. Tabellenstand nach jenem 21. Spieltag: Rang 14, nur einen Punkt entfernt vom Relegationsrang und vom ersten direkten Abstiegsplatz. Endergebnis: Frühzeitige Rettung, am Ende 40 Punkte. Dann kam in der Saison darauf die glorreiche Qualifikation für den Europapokal mit starken 50 Zählern. Und in der abgelaufenen Saison schaffte Schmidt die Mission Klassenverbleib auf den Felgen. Ein Vorsprung von acht Toren. Das Endturnier mit den letzten sechs Spielen war eine sehr gute Trainerleistung. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass da längst auch die Nerven der Profis eine wichtige Rolle gespielt haben. Warum das Team nach einer ordentlichen Hinrunde nebst ein paar guten Spielen in der Europaliga in einer Rückrunde ohne zusätzliche Belastungen dramatisch abgestürzt ist, das ist eine andere Frage.

Installierung eines aufregenderen Spielstils

Die Chance, die sich mit diesem Trainerwechsel eröffnet, ist die Installierung eines aufregenderen Spielstils. Dem ergebnis-orientierten Ansatz des Messdatenpredigers Martin Schmidt, im Privatleben ein wilder Abenteurer, als Fußballfachmann ein Sicherheitsfanatiker, fehlte auf Dauer die Phantasie. Was den 05-Fußball laut Klub-Agenda prägen soll, das ist eine aggressive Nachvorneverteidigung, Pressing und Gegenpressing, Wucht und Tempo. Das kam in Schmidts Umschaltfußball zu kurz.

In den fünf Jahren mit dem taktisch sehr flexiblen Thomas Tuchel hatte sich die 05-Spielkultur erhöht. Kasper Hjulmand verließ sich danach fast ausschließlich auf das geduldige Passspiel, da fehlten die Beschleunigungselemente. Unter Schmidt („Ich brauche keinen Ballbesitz“) hatte die Elf fast gar keine verlässlichen Passmuster mehr - und von daher auch keine spielerischen Lösungen für Torchancen gegen massiert und eng stehende Defensivblöcke. In der abgelaufenen Saison war es dann so, dass die Mannschaft nach Rückständen nur ganz selten noch mal zurückkam. Nur Konterspiel, ohne Risikoelemente, das kann in der Bundesliga schnell zu wenig sein – und das verströmt auch keinen Abenteurergeist.

Werden sich Schröder und Schwarz einig?

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Das wird die Aufgabe des Nachfolgers sein: Die Symbiose aus Umschalt- und Ballbesitzfußball, die Zusammenführung von Kampfbereitschaft, Pressing und Technik und von Sicherheitsbedürfnis, Ergebnis-Orientierung und Risikobereitschaft. Dass die 05er einen Trainer mit diesen Ideen bereits auf dem Hof haben, das hat auch der Leipziger Fußballprofessor Ralf Rangnick schon mal erkannt. Nun muss man abwarten, ob sich Rouven Schröder und der bisherige U23-Coach Sandro Schwarz einig werden. Der Sportdirektor arbeitet die Aufgaben nach einer sehr geradlinigen Strategie ab. Immer ein Schritt nach dem anderen.