Rehberg: Strutz hat sich angreifbar gemacht

Harald Strutz. Archivfoto: Sascha Kopp

Der Präsident ist der Meinung, die Höhe seiner Direktorenvergütung sei Privatsache: 280.000 Euro im Jahr. Das ist es nicht, findet unser Experte Reinhard Rehberg. Die...

Anzeige

. Harald Strutz hat sich angreifbar gemacht. Und diese Angelegenheit ist für den gesamten Vorstand kein Ruhmesblatt. 2005 haben sich die Funktionäre auf einer Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung absegnen lassen. Ab diesem Zeitpunkt war es dem Verein erlaubt, seinen ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Die Idee: Bezinkosten, Telefonkosten, sonstige Reisekosten, natürlich auch mögliche Verdienstausfälle im Beruf sollten den Vorstandsmitgliedern erstattet werden können. In jener Mitgliederversammlung des jungen Bundesligisten wurde auch beschlossen, dass Christian Heidel der erste hauptamtliche Manager des Klubs wird. Also ein festangestellter Verantwortlicher für die Kaderplanung - der weiterhin einen Sitz im Vorstand haben darf.

Notwendige Professionalisierung oder Versorgungsmentalität?

Knapp elf Jahre später erfährt die Öffentlichkeit, dass im Zuge dieser notwendigen Professionalisierung der Klub nicht mehr von einem ehrenamtlichen Präsidenten geführt wird, sondern von einem Repräsentanten, der mit rund 280.000 Euro im Jahr eine Direktorenvergütung bezieht. 2005 drehte es sich noch um eine nachvollziehbare Aufwandsentschädigung. Später wurde aufgestockt. Die Begründung, der Präsident habe sich gezwungen gesehen, ab einem bestimmten Zeitpunkt seine berufliche Tätigkeit als Anwalt wegen der zeitaufwendigen Termine für den Klub erheblich, nahezu vollständig zurückzufahren, wurde innerhalb des Vorstandsgremiums mehrheitlich akzeptiert. Also wurde dem nun ebenfalls hauptamtlich tätigen Präsidenten für den Verdienstausfall eine Aufwandsentschädigung zugesprochen nebst einem entsprechend gut dotierten Beratervertrag für die Vertretung des Klubs in juristischen Angelegenheiten.

Das war handwerklich nicht gut gemacht. Man hätte die Mitglieder darüber informieren müssen, dass das Präsidentenamt kein Ehrenamt mehr ist. Man hätte die Mitglieder darüber informieren müssen, warum der Präsidentenjob Hauptamtlichkeit verlangt. Vielleicht hätte man die Mitglieder sogar über beide Sachverhalte abstimmen lassen sollen. Warum tat man das beim Manager – aber nicht beim Präsidenten? Und die Höhe der Zuwendungen hätte jeweils durch ein Kontrollgremium abgesegnet werden müssen. Denn dass seit vielen Jahren miteinander befreundete Vorstandsmitglieder untereinander ihre Aufwandsentschädigungen aushandeln, das lässt immer Spielraum für den Vorwurf, da handele es sich um einen überhaupt nicht mehr transparenten Selbstbedienungsladen.

Anzeige

Anwaltliche Tätigkeiten für den Verein

Zum Organigramm des Klubs. Christian Heidel ist als Manager der Klubführer, der den vier Geschäftsführern vorsteht – in diesen fünf Händen liegt das operative Geschäft. Darüber schwebt der neunköpfige Vorstand, der Entscheidungen der operativen Ebene in seinen vierzehntägig stattfindenden Sitzungen bestenfalls noch absegnet. Der Vorstandschef Harald Strutz war und ist in dieser Struktur der Repräsentant des Klubs. Anwaltliche Tätigkeiten für den Verein hätte sich der Präsident auch über die Gebührenordnung für Rechtsanwälte vergüten lassen können, das wäre transparenter gewesen.

Das über eine Beraterpauschale zu regeln, die in Verbindung mit einer Aufwandsentschädigung einen Vollzeitjob konstruiert, mag formaljuristisch in Ordnung sein, unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten hätte man das sauberer, klüger, nachvollziehbarer regeln können und sollen. Auch in Verbindung mit einer Jobbeschreibung. 280.000 Euro im Jahr verlangen eine nachvollziehbare Arbeitsleistung – und die liegt in diesem Fall, abgesehen von juristischen Angelegenheiten, außerhalb des operativen Geschäfts.

Der Präsident ist der Meinung, die Höhe seiner Vergütung sei Privatsache. Das ist es nicht. Die Mitglieder haben – abgesehen vom Manager - Ehrenamtler in den Vorstand gewählt. Wenn sich daran etwas ändert, dann sollte das öffentlich gemacht werden. Und wenn der Präsidentenjob derart zeitaufwendig sein sollte, dass daneben eine berufliche Tätigkeit nicht mehr möglich ist, dann sollte auch das offen kommuniziert werden. Und spätestens dann hätte der Klub Strukturveränderungen einleiten müssen, um Führungskräften begründete, klar nachvollziehbare Vollzeitstellen schaffen zu können.

Für Harald Strutz bitter, aber notwendig

Anzeige

Für Harald Strutz mag diese notwendige Diskussion bitter sein nach 28 Jahren im Amt. Das sind unangenehme Themen in einem Klub, der nicht am Rande des wirtschaftlichen Ruins wandelt und der sich auch sportlich nicht in der Abstiegsregion abrackern muss. Im Gegenteil. Mainz 05 befindet sich seit 2002 auf einem nahezu vorbildlichen Erfolgsweg. Und daran haben alle Beteiligten, die dafür Freizeit, Energie und Nerven geopfert haben, ihren Anteil. Der soll nicht geschmälert werden. Aber dem entstandenen Eindruck, dass da eine – in der Politik nicht unübliche – Versorgungsmentalität für verdiente Führungskräfte Einzug gehalten haben könnte, müssen sich der Präsident und der Vorstand nun stellen. Vorgänge offen legen, bei Bedarf Änderungen herbeiführen, Transparenz schaffen. Und das gilt auch und noch viel mehr für die anstehende neue Zeitrechnung am Bruchweg – ohne den Vordenker, Entscheider und Macher Christian Heidel.