Rehberg: Sofort wieder aufstehen und den Frust vertreiben

Hängende Köpfe bei Malli, Donati, Gbamin und Bell nach dem Debakel in Anderlecht. Und nun? Abhaken, aufstehen, kämpfen. Foto: rscp / René Vigneron

Sofort wieder aufstehen, mit Kampflust und Widerstandswillen die schlechten Bilder vertreiben. Auf diese Reaktion des Teams von Mainz 05 setzt Reinhard Rehberg an diesem Sonntag...

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. Dem ersten Spiel nach einem nahezu traumatischen Erlebnis wie dem in Anderlecht kommt eine besondere Bedeutung zu. Nach einem 1:6 im Europapokal kann man gefrustet am Boden liegen bleiben – oder sofort wieder aufstehen und mit Kampflust und Widerstandswillen die schlechten Bilder aus dem Kopf vertreiben. Die 05-Profis haben diese Stehaufmännchen-Mentalität in dieser Saison schon gezeigt. An diesem Sonntag geht es in der Bundesliga zum Rasenballsportklub Leipzig. Fehler am Fließband wie in der belgischen Hauptstadt können sich die Mainzer gegen diese österreichisch-sächsische Pressingmaschine nicht leisten. In Anderlecht haben die 05er in einigen Szenen verteidigt, als seien ihnen zwei Meter hohe Gruselclowns begegnet.

Martin Schmidt wird sicher wieder die Rotationswelle anwerfen. Möglicherweise feiert Ramalho sein Saisondebüt. Im defensiven Mittelfeld. Der lange verletzte Brasilianer stammt aus dem RB-Fußballkonzern.

Die Terminhatz erlaubt es leider nicht, all die schönen Geschichten zu erzählen, die Mainzer Zweitligafußballer bei Gastspielen in Leipzig erlebt haben. Nur kurz. Zur Erbauung nach der düsteren Anderlecht-Nacht. Auf der Zielgeraden der Abstiegsrunde 1992 traten die 05er mal im alten, tatsächlich riesigen Zentralstadion gegen den VfB Leipzig an. In diese unwirtliche graue, verrostete und teilweise bemooste Betonschüssel passten 100.000 Leute. An diesem nasskalten Tag verloren sich 3.000 in dem musealen Stadion. Strömender Regen, Sturm, Nebelschwaden. Ein unansehnlicher Grottenkick. Ohne Torschüsse. Und dann hielt in der 89. Minute Fabrizio Hayer aus einiger Entfernung einfach mal drauf. Der Leipziger Torhüter Peter Disztl, ein in die Jahre gekommener ungarischer Nationalkeeper, senkte sich ab in der trägen Geschwindigkeit einer Bahnschranke. Die wild eiernde Kugel flog ins Netz. Die 05er gewannen mit 1:0 und stiegen nicht ab. Das zusammengefaltete Zeitungsfoto von jenem erlösenden Siegtor trug 05-Vize Peter Arens monatelang in seiner Geldbörse mit sich herum. Als Glücksbringer.

Torhüter-Freundschaft hält bis heute

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Im Mainzer Kasten stand damals Stephan Kuhnert. Der hat eine enge Beziehung zu einem heutigen Leipziger Profi. 1998, Kuhnert fungierte mit seinen beiden wackligen Kniegelenken nur noch als Stand-by-Keeper, holte der Klub als Vertreter von Dimo Wache den routinierten Österreicher Herbert Ilsanker. Der hatte am Ende zwar nur fünf Zweitligaeinsätze. Aber er blieb fast drei Jahre in Mainz. Seine beiden Söhne steckte der ausgesprochen humorvolle Austria-Torwart in die 05-Jugend. An den damals neun Jahre alten Stefan Ilsanker erinnert sich Volker Kersting noch. „Das war ein Bewegungstalent“, sagt Kersting, bis heute der Nachwuchs-Chef am Bruchweg. „Aber mehr konnte man in diesem Alter noch nicht sehen.“ 2001 kehrte die - mit Kuhnert bis heute eng befreundete - Familie Ilsanker ins heimatliche Hallein nahe Salzburg zurück. Sohn Stefan ist heute 26 Jahre alt, österreichischer Nationalspieler und defensiver Mittelfeldspieler beim Bundesliga-Überraschungszweiten RB Leipzig. Der Vater trainiert die Torhüter von RB Salzburg. Der alte Kumpel Stephan Kuhnert schindet am Bruchweg die Profikeeper.

Stefan Ilsanker wird an diesem Sonntag gegen die Mainzer wahrscheinlich als rechter Verteidiger auflaufen müssen. Heiko Klostermann und dessen Vertreter, der Brasilianer Bernardo (der Sohn des einstigen Bayern-Profis Bernardo), sind verletzt. Die Sechserpositionen wird Hasenhüttl nun wohl besetzen mit dem gnadenlosen Balljäger Diego Demme und dem großartigen Techniker Naby Keita. Letzterer ist ein Nationalspieler aus Guinea, der im Sommer für 15 Millionen Euro konzern-intern von Salzburg nach Leizpig verschoben worden ist. Dieser leichtfüßige Instinktfußballer macht auch Tore.

Glänzende Techniker vor den Defensivreihen

Davor spielt der RB mit zwei seitlichen Zehnern. Das sind der österreichische Nationalspieler Marcel Sabitzer und der schwedische Nationalspieler Emil Forsberg. Beide sind glänzende Techniker, beide sind torgefährlich. Und in der Spitze darf man rechnen mit dem deutschen Talent Timo Werner und dem dänischen Nationalstürmer Yussuf Poulsen. Zwei begnadete Tempodribbler mit enormer Antrittsschnelligkeit. Das brutale Angriffspressing mit drei Mann auf einer Linie aus seiner Zeit in Ingolstadt hat Ralph Hasenhüttl in Leipzig relativiert.

Beim Dosenbrauseklub ist die fußballerische Qualität ungleich höher anzusetzen. Da setzt der Trainer darauf, dass Balleroberungen in den Mittelfeldzonen genügen, um von dort aus mit Tempo- und Kombinationsumschaltzügen offensive Wirkung zu erzielen. Aber situativ stürzen sich die beiden Angreifer immer noch mal gerne auf die gegnerische Innenverteidigung.

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Die Aufgabe der 05er ist einfach zu beschreiben. Unsaubere Aktionen in der Spieleröffnung können tödlich sein. Leichte Ballverluste in den Mittelfeldzonen ebenfalls. Die Absicherung gegen überfallartige Umschaltzüge der Leipziger muss gut organisiert sein. Da muss die 05-Defensive in Breite und Tiefe wesentlich enger und besser gestaffelt auftreten als in Anderlecht. Und wenn die Mainzer den ersten gegnerischen Pressingwall überwunden haben, dann geht es um Geschwindigkeit. Kurze Ballontaktzeiten, schnelle Verlagerungen auf die Flügel, Sprints in die Tiefe. Damit kann man die Innenverteidiger Marvin Compper und Willi Orban aushebeln.