Rehberg: Sieg dank Zweikampfgift in den Mittelfeldzonen

Die Choreo der 05-Fans vor dem Spiel. Foto: dpa

1:0 gegen Hertha BSC. Aufatmen bei Mainz 05. Die Bewegung #Mainzbleibt1 ist auf Betriebstemperatur gekommen. Doch das war nur der erste Schritt. Was dabei schon besonders gut...

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. In der Opel Arena haben die Wände gewackelt. So laut war es in diesem Bauwerk lange nicht mehr. Die wilden Fans auf der Stehtribüne haben den Takt vorgegeben, alle anderen haben mitgemacht. Ein sportliches Hochamt am Ostersamstag. In dieser Atmosphäre haben die 05er nach fünf Niederlagen hintereinander Auferstehung gefeiert. 1:0 gegen Hertha BSC Berlin. Ein Überlegenheitssieg. Bei dem alle Beteiligten bangen und zittern mussten bis zum Abpfiff – und noch zwei, drei Sekunden darüber hinaus.

Denn wer vor Aufregung nicht richtig aufgepasst hatte, dem stockte am Ende der Atem: Als Sami Allaguis Gewaltschuss im Mainzer Kasten einschlug, da war sich für einen kurzen Schreckmoment nicht jeder Arena-Besucher sicher, ob er ein paar Zehntelsekunden zuvor tatsächlich den letzten Pfiff des Tages vernommen hatte. 1:1, das wäre ein tragischer Schlussakkord gewesen. Dann hätte die Mannschaft von Martin Schmidt die Osterfeiertage auf dem drittletzten Platz verbracht, schon mit zwei Punkten Rückstand zum gelobten Land. Und der nächste Pilgerort auf diesem Mainzer Missionsweg im Frühjahr 2017 ist die Münchner Allianz Arena. Die bekanntlich bespielt wird vom übermächtigen FC Bayern.

Abstiegskampf bleibt eng

Dieses Abstiegskampfturnier wird bis zum Schlussgong dramatisch eng bleiben, das zeichnet sich ab. Die 05-Profis haben sich mit dem Heimsieg gegen die Hertha bewiesen, dass sie in dieser Drucksituation nicht nur Widerstandsgeist und Leistung, sondern auch Ergebnisse produzieren können. Dieser Beleg war wichtig. Die Mannschaft lief danach eine Ehrenrunde, die Gegengerade macht die Welle - und die Humba vor der Stehtribüne tanzte sogar der Trainer mit. Sportdirektor Rouven Schröder reckte im Hintergrund die Fäuste gen Himmel. Die Bewegung #Mainzbleibt1 ist auf Betriebstemperatur gekommen. Und jeder weiß: Für die Rettung braucht es an den folgenden fünf Spieltagen noch wenigstens zwei weitere dieser Erweckungserlebnisse - vielleicht sogar drei.

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Die 05er haben gegen die Hertha ihr bestes Ballbesitzspiel hingelegt in dieser Saison. Die Berliner taten bis zur Pause wenig außerhalb ihrer Wagenburgstellung. Die Mainzer erzeugten Druck, sie organisierten aus einer flexiblen Spieleröffnung heraus flüssige Aufbau- und Angriffszüge, und wenn der lange Diagonalschlag gefordert war, dann schnappten sich die Offensivkräfte viele der zweiten Bälle. Hinter den Sturmspitzen Jhon Cordoba und Yoshinori Muto besetzten Jairo und Robin Quaison oft die Halbräume, an den Seitenplanken brachen die offensiven Außenverteidiger Giulio Donati und Daniel Brosinski durch. Die müden Gegenstoßversuche der Berliner klemmten die Mittelfeldherrscher Danny Latza und Fabian Frei oft schon im Ansatz ab. Für manchen dieser „Steals“, die dem Publikum vom Feld aus maximale Bereitschaft, Leidenschaft, Entschlossenheit signalisierten, gab es Szenenapplaus. Das ist das entscheidende neue Element im 05-Spiel: Zweikampfgift in den Mittelfeldzonen.

Starke Innenverteidiger

Als die Berliner nach der Pause etwas munterer auf Ergebniskorrektur aus waren, da stand die Innenverteidigung mit Stefan Bell und Alexander Hack (nur ein einziger Stellungsfehler) in den Luft- und Bodenkämpfen wie eine Festung. Und der mit Sprechchören gefeierte Torhüter Jannick Huth bewies an seinem 23. Geburtstag mit souveräner Ausstrahlung, technischem Können am Ball und zwei Klasseparaden, dass er Stammkeeper Jonas Lössl sehr direkt im Nacken sitzt.

Dass den auswärtsschwachen Berlinern bis zum Ende die Ergebnischance blieb, das hatte zu tun mit einem Doppelmanko, an dem die 05er weiter hart arbeiten müssen: Chancen-Erarbeitung und Chancen-Verwertung. Für den Siegtreffer brauchte es einen Glücksmoment: Danny Latza zielte aus 18 Metern Entfernung aufs rechte Toreck, der kahle Schädel des riesigen Hertha-Stoppers John Anthony Brooks manövrierte die Kugel - unhaltbar für Keeper Rune Jarstein - ins linke Eck. Insgesamt brachten das deutlich verbesserte Passverhalten und die abgestimmteren Laufwege im Angriffsdrittel noch zu wenig Ertrag.

Cordoba setzte nach einer Flanke von Jairo einen Kopfball zu hoch an, Quaison scheiterte in zwei günstigen Strafraumszenen am fehlerhaften Annahmekontakt, Jairos gefährlicher Schrägschuss flog übers Tor, Jarstein parierte einen Kopfball des eingewechselten Leon Balogun, Muto verfehlte mit einer Direktabnahme nach Vorlage von Pablo de Blasis das kurze Eck. Die 05er betrieben sehr viel Aufwand, sie überspielten immer wieder mit flotten Kombinationen die gegnerischen Linien, auch die Umschaltimpulse waren da. Aber die Präzision, die Zielstrebigkeit und die Durchschlagskraft in den torgefährlichen Räumen bleiben ausbaufähig.

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Cordoba wird von den Gegnern nach wie vor knüppelhart bekämpft. Muto wird immer besser, manchmal fehlt dem Japaner der Überblick. Jairo macht (noch) nur kleine Schritte Richtung Formsteigerung. Quaison deutet sehr viel an mit seiner Physis und seinem Willen, die letzte Sicherheit am und im gegnerischen Strafraum fehlt dem dynamischen Schweden noch. Die besten 05er standen an diesem Tag im Zentrum: Dauerläufer Danny Latza und der immer kämpferischer auftretende Stratege Fabian Frei.