Rehberg: Schwerfällig, konzeptlos, glücklos - Mainz 05 hat...

Auch das noch: der Mainzer Pierre Bengtsson musste mit Rot vom Platz. Foto: dpa

In der Coface-Arena herrscht Alarmstimmung. Nach der Pokal-Niederlage gegen den Tabellenvorletzten der Zweiten Liga sind die 05er an einem vorläufigen Tiefpunkt angekommen....

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. Man weiß, wie Mannschaften manchmal wirken, wenn sich eine Krise eingenistet hat. Schwerfällig, fahrig, sorglos, leblos, konzeptlos, glücklos. Dann wird in der Regel in der Öffentlichkeit an der Einstellung der Spieler gezweifelt, an der Zusammenstellung des Kaders, an der grundsätzlichen Qualität der Mannschaft und an den Matchplänen des Trainers. Dann werden Charakterfragen diskutiert, es wird vergeblich nach Führungspersönlichkeiten gefahndet, selbst für Verletzungspech werden Verantwortliche gesucht - und der Chefstratege gerät medial derart unter Druck, dass im Inneren des wackligen Gesamtsystems alsbald gar nichts mehr zusammenpasst.

Zwei Niederlagen gehen in Ordnung, zwei säen Zweifel

Die 05-Profis haben die Tür zu diesem übelsten Krisenszenario, das man im Profifußball kennt, am Dienstagabend weit aufgerissen. Aus in der zweiten Runde des DFB-Pokals. In einem Heimspiel gegen den Tabellenvorletzten der Zweiten Liga, der nach 12 Spieltagen noch nicht eine einzige Ligapartie gewonnen hat. Vier Heimspiele hintereinander haben die 05er nun verloren. 0:3 gegen den FC Bayern, okay, das geht im Moment nicht besser gegen Pep Guardiolas Ballbesitz-Exorzisten. 0:2 gegen Borussia Dortmund, okay, das passiert gegen die Passmaschine von Thomas Tuchel. 1:3 gegen Werder Bremen, das mit fünf Niederlagen und einer Trainerdiskussion im Rucksack nach Mainz angereist war, das hat Zweifel gesät.

Und nun noch dieses trostlose 1:2 gegen die in der Liga permanent gedemütigten „Löwen“ vom TSV 1860 München, die in der Coface Arena gecoacht worden sind von ihrem Co-Trainer Kurt Kowarz, weil der unendlich erfahrene Chefcoach Benno Möhlmann aktuell nach einer Gallenoperation im Krankenhaus liegt. Die 05er sind an einem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Und am Samstag geht es zum Bundesligaletzten FC Augsburg. Das Wasser im Kessel kocht und brodelt und oben drauf klappert der Deckel. Alarmstimmung.

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Verletzungen, fehlendes Glück und eine angeknackste Psyche

Natürlich fehlen Martin Schmidt in diesem Moment Spieler wie der Mittelfeldstratege Fabian Frei, Flügelsprinter Christian Clemens oder die Mittelstürmeralternative Jhon Cordoba. Natürlich hat diese Mannschaft in diesem Moment auch überhaupt kein Glück: Gegen die 60er musste nach 35 Minuten der am Fuß verletzte Daniel Brosinski das Feld verlassen, Sekunden vor dem Halbzeitpfiff kassierte Linksverteidiger Pierre Bengtsson eine (nach Studium der TV-Bilder zweifelhafte) Rote Karte - und in den letzten Minuten dieser merkwürdigen Partie klärten die Löwen mit zwei Rettungstaten auf der Torlinie zwei riesige Ausgleichschancen der sich in Unterzahl aufbäumenden Mainzer. Und natürlich ist das Seelenkorsett der Spieler angeknackst seit der Bremen-Partie: Da signalisiert die Psyche, dass Erfolge gerade meilenweit entfernt sind, simple Fehler, die zu Gegentoren führen, spuken aber als sehr nahe empfundene Gefahr in den Köpfen herum.

Doch mehr lässt sich nicht anführen als relativierende Erklärung für diese unzureichende Vorstellung gegen den Zweitligavorletzten. Der sich diesen Erfolg sogar verdient hat. Das 1:0 für die 05er entsprang einem Eigentor nach einem Standardball. Dann hatte der Unglücksrabe Niko Bungert, der später vor dem Ausgleichstreffer beim Rettungsversuch über die Kugel trat, nach einem weiteren Standard noch die Chance zum 2:0, mehr ließen die 60er aber in ihrem verriegelten Strafraum nicht zu. Was man den Löwen anrechnen muss: Nach der Pause steigerten die Gäste ihren Mut, ihr Zutrauen, sie pressten ihren Gegner in Überzahl auf dem gesamten Platz, sie rannten und sprinteten, als ginge es um ihr Leben, sie zogen Tempo auf, sie zeigten Willen und Comeback-Mentalität. All das, was die 05er in der ersten Halbzeit vermissen ließen - und was zu mobilisieren nach der Pause in Unterzahl und mit angeschlagener Psyche wahrscheinlich gar nicht mehr möglich war.

Konfus, ungefährlich, instabil

Dennoch, das war schon konfus, wie das 05-Team in einer ungeordneten Mischung aus 3-4-2 und 4-4-1 die nicht übermäßig gefährlichen Angriffsversuche der Münchner, die in 12 Zweitligaspielen gerade mal sieben Tore geschossen haben, verteidigte. Stabilität? Nicht erkennbar. Kollektiver Widerstandsgeist? Der war nur in den letzten zehn Minuten erkennbar. Taktische und spielerische Basisprinzipien, die den anfänglich gehemmt sich verschanzenden und später von Minute zu Minute munterer und selbstsicherer werdenden Gegner konsequenter bedrängt und später eingebremst hätten? Kaum bis gar nicht erkennbar.

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Diese Mannschaft liegt in diesem Moment am Boden. Die Verunsicherung der Innenverteidigersäulen Niko Bungert und Stefan Bell ist unübersehbar. Mangelnde Ordnung, fehlende Aggressivität und verloren gegangene Überzeugung in den Mittelfeldzonen, gegen den Ball und im eigenen Ballbesitz, wachsen sich zum Problem aus. Und die Offensive strahlt weder Durchsetzungswillen noch Torgefahr aus. Florian Niederlechner als Mittelstürmer ist ein Kämpfer, aber mehr (noch) nicht. Jairo ist komplett außer Form. Yunus Malli, der von Joachim Löw beobachtet worden ist und der wohl lieber türkischer Nationalspieler wird: Der begnadete Techniker und Tempodribbler taucht ab, wenn es kompliziert wird.

Startelfnominierungen und Auswechslungen funktionieren nicht

Martin Schmidt, dessen Spielidee, dessen Matchpläne, dessen Startelfnominierungen und Auswechslungen aktuell nicht funktionieren, steht vor einem Problemberg. Aber, das kennt man im Fußball: Ein Erfolg in Augsburg – und diese Mannschaft und diese Spieler sehen von einem auf den anderen Tag wieder ganz anders aus.