Rehberg: Polen ist die Herausforderung nach Starterfolg ohne...

Der polnische Stürmer Arkadiusz Milik feiert sein Tor zum 1:0 gegen Nordirland. Foto: dpa

Das zweite Turnierspiel ist für die Deutschen von jeher eine besondere Herausforderung nach einem mehr oder weniger mühelosen Starterfolg, weiß Reinhard Rehberg. Da sind die...

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. Einen begeisterten Fußballgesprächspartner habe ich hier noch nicht gefunden. In der Bretagne ist die EM nicht der Bringer. Zumindest nicht in unserer Region, dem Finistère. Nach wie vor keine Fahnen, keine Autowimpel, kaum mal eine wilde Diskussion beim Bäcker, in der Brasserie, in der Crèperie oder auf dem kleinen Wochenmarkt in unserem Dorf Plomodiern. EM ja, ab und zu mal. Aber dann ist das Topthema nicht die Leistung der französischen Nationalmannschaft. Sondern die Sicherheit. Die Leute ärgern sich darüber, dass sich in diesem Land, in dem wegen der Terroranschläge in St. Denis seit Monaten ein dauerhafter Alarmzustand herrscht, Fußballhooligans Straßenschlachten liefern dürfen. Und dass in den Stadien Böllerschläge donnern, was zeige, wie einfach es wahrscheinlich sei, zu den Spielen Sprengmaterial einzuschleusen.

Die Deutschen hatten mit der WM 2006 ihr „Sommermärchen“, das der Weltöffentlichkeit ein entspanntes, fröhliches, feierfreudiges Germany zeigte. Die seelisch angeschlagenen Franzosen sind genügsamer, sie wünschen sich nur eines: Bitte keine Gewalt, bitte keine Terroranschläge bei dieser EM 2016.

Am Donnerstagabend kehrt die deutsche Nationalmannschaft zurück an den Ort des 13. November 2015. Das Stadion in St. Denis. Ich könnte nachvollziehen, wenn da manchem Spieler, der damals fast die ganze Nacht in den Arenakatakomben verbracht hat, nachdem in diesem Pariser Stadtteil die Sprenggürtel explodiert waren, das Herz pocht beim Einlaufen. Und wenn dann noch polnische oder deutsche Hohlköpfe auf den Tribünen Böller abschießen sollten … Die Wahrscheinlichkeit, dass ein paar Glatzenhools das durchziehen und wahnsinnig lustig finden, ist groß.

Über den Auftaktsieg der DFB-Elf gegen die Ukraine ist viel diskutiert worden. Zu viel. Viel zu viel. Aber die spielfreien Tage müssen ja gefüllt werden. Etwa mit „Packing“. Das neue Messdatensystem, das den bekannten Ballbesitzwerten eine Qualitätskomponente hinzufügt. Kurz gesagt: Es wird eine Aussage getroffen darüber, wie viel gegnerisches Personal ein Spieler mit seinen Pässen überspielt. Und dann gerät ARD-Experte Mehmet Scholl nahezu in Verzückung, wenn ein Innenverteidiger mit einem einzigen langen Ball zehn gegnerische Feldspieler überwindet. Das nannte man früher Hoch-weit-Gebolze. Kick and rush. Die Engländer wurden dafür jahrelang von der Fachpresse geschlachtet. Sollte das nun noch mal modern werden?

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So wie die Dreierkette, die ZDF-Experte Oliver Kahn für so wahnsinnig modern hält, dass er Jogi Löw ständig dazu rät, drei Innenverteidiger aufs Feld zu schicken. Hatten wir schon. In den 80er- und 90er-Jahren. Als so ganz allmählich der offensiv denkende Libero abgeschafft wurde. Kann man machen. Aber überragend innovativ ist das nicht. Und auch die Italiener werden sich mit ihrer glänzend funktionierenden Dreierabwehrreihe nicht direkt ins Finale verteidigen.

Probleme bei der Abwehr gegnerischer Standards

Fest steht, dass die DFB-Elf am Donnerstagabend gegen die Polen in der Defensivarbeit stabiler auftreten muss als gegen die Ukraine. Da hatten die Deutschen in einer Phase kurz vor der Halbzeit Probleme bei der Abwehr gegnerischer Standards und bei der Verteidigung von Konterzügen über die Flügel. Aber das ist keine Frage der Grundaufstellung. Konter frühzeitig abzugreifen, das ist im ersten Schritt eine Aufgabe der Offensivabteilung. Da waren insbesondere Mario Götze, Mesut Özil und Julian Draxler nicht aktiv genug im Gegenpressing. Und wenn der kopfballstarke und stellungssichere Mats Hummels wieder neben Jerome Boateng im Abwehrzentrum steht, dann werden auch die Standardbälle besser verteidigt.

Im Angriffsdrittel noch viel Steigerungspotenzial

Das zweite Turnierspiel ist für die Deutschen von jeher eine besondere Herausforderung nach einem mehr oder weniger mühelosen Starterfolg. Da sind die Polen ein interessanter Gegner. Weil sie mit Robert Lewandowski und Arkadiusz Milik zwei starke Zentrumsstürmer haben, weil sie mit Grzegorz Krychowiak vom FC Sevilla einen in der Spielorganisation begabten zentralen Mittelfeldspieler haben und weil sie mit Lukas Piszcek und Jakub Blasczikowski eine enorm schnelle und zielstrebige rechte Flügelzange aufbieten. Das wird eine Prüfung für das Löw-Team, die Arbeitseifer, Konzentration und Konsequenz im Spiel gegen den Ball verlangt.

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Im Angriffsdrittel hat „La Mannschaft“ noch sehr viel Steigerungspotenzial. Die deutsche Spieleröffnung und die Mittelfeldüberbrückung gehören zum Besten, was diese EM bislang zu bieten hatte. Im letzten Drittel des Spielfeldes mangelt es noch an den Laufwegen in die Lücken und in die Tiefe. Und an der Präsenz von Zehner Mesut Özil. Sollte sich der Techniker von Arsenal London nicht alsbald wesentlich munterer, aggressiver und kreativer einbringen, dann dürfte ihm spätestens mit Beginn der K.O.-Spiele der – Tag für Tag fitter werdende – Bastian Schweinsteiger im Nacken sitzen. Der Kapitän hat mächtig Auftrieb bekommen durch seinen technisch fabelhaften Treffer zum 2:0 gegen die Ukraine. Und auch der WM-Siegschütze Mario Götze dürfte Mühe haben, sich den wuchtigen Strafraumexperten Mario Gomes vom Leib zu halten.