Rehberg: „Nervenzusammenbruch“ in Anderlecht

Leon Balogun. Foto: rscp/René Vigneron

1:6 beim RSC Anderlecht. Das war eine Abreibung für Mainz 05. Die allerdings überhaupt nichts zu tun hatte mit einem toll aufspielenden Sieger. Sondern in erster Linie mit...

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. Was den Mainzer Profis besonders weh tun wird, das sind die Kurzberichte im Fernsehen. Bei Sky etwa fasste ein Reporter am nächsten Morgen die 90 Minuten im halbleeren Stadion Constant vanden Stock in diesem Satz zusammen: „Die Mainzer konnten in keiner Phase den starken Belgiern Paroli bieten.“ Und wenn man dann komprimiert auf 90 Sekunden noch mal die sechs Gegentreffer vorgeführt bekommt, dann ist man fast bereit, die Eigenwahrnehmung noch mal zu überdenken: War das Spitzenspiel in der Gruppe C der Europaliga nicht vielleicht doch ein von einem turmhoch überlegenen Gastgeber veranstaltetes Schlachtfest? Nein. Das war es nicht. 1:6 beim RSC Anderlecht. Das war eine Abreibung. Die allerdings überhaupt nichts zu tun hatte mit einem toll aufspielenden Sieger. Sondern in erster Linie mit einem selten erlebten Mainzer Fehlerfestival.

Einige Spieler mit Zitterfuß

Auch wenn das kurios klingen mag: Prinzipiell war das eine Unentschieden-Partie. Beim Schach würde man urteilen: Da hat ein Spieler mit eklatanten Fehlentscheidungen gegen einen kaum besseren Gegner eine Remis-Stellung in eine erdrutschartige Niederlage münden lassen. An diesem Donnerstagabend im Brüsseler Stadtteil Anderlecht sind die international überwiegend unerfahrenen 05-Profis an Grenzen gestoßen: Erstmals war ob der engen Tabellensituation Druck auf dem Kessel – und diesen Druck haben die Mainzer nicht in positive Energie umgesetzt bekommen. Im Gegenteil. Da hatten einige Spieler den Zitterfuß. Das war erkennbar im Abwehrverhalten, das war zu sehen in der Passauswahl und in der Passpräzision, das war zu sehen in den günstigen Abschlussmomenten vor dem gegnerischen Tor. Der physisch etwas frischer wirkende RSC Anderlecht überließ den 05ern den Ballbesitz - und mit dieser nüchternen Herangehensweise landeten die in der letzten Reihe nicht minder wackligen Belgier in Abstaubermanier einen Konterkantersieg.

Die 05er dürfen sich ärgern. Und sie müssen sich ärgern. Aber sie werden auch lernen aus diesem Ergebnis-Desaster. Absehbar ist: Will die Mannschaft in diesem Wettbewerb überwintern, dann braucht es jetzt als Grundlage in den beiden letzten Gruppenspielen in Saint-Étienne und zu Hause gegen den FK Qäbälä jeweils einen Drei-Punkte-Erfolg. Ausgeschlossen ist das nicht. Nur schwer vorstellbar nach dem „Nervenzusammenbruch“ in Anderlecht.

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Lössl lässt sich überraschen

Zum Fehlerkonto. Beim 0:1 deckte Jonas Lössl seinen Kasten unzureichend ab. Ein Treffer ins kurze Eck aus dieser Entfernung und aus diesem Winkel, das ist - bei aller Schusskunst des Rumänen Nicolae Stanciu – vermeidbar. Der 05-Keeper hat sich überraschen lassen. Das 1:2 kurz vor der Pause leitete Suat Serdar ein mit einem unzureichenden Diagonalball tief in der eigenen Hälfte. Das machte aus einer günstigen eigenen Umschaltchance eine Gegenkontergelegenheit für die Belgier. Und dann sprintete fast die gesamte Mainzer Abwehr mit dem Gesicht zum eigenen Tor bis in den eigenen Fünfmeterraum. An der 16-Meter-Linie durfte Stanciu einen Rückpass unbedrängt annehmen (in einem freien Radius von mehreren Metern), der Techniker durfte noch einen Schritt machen, hochschauen und flach einschießen. Das war in einer Phase, als die Mainzer das Spielgeschehen kontrollierten.

Beim 1:3 wehrte Giulio Donati einen Flipperball im eigenen Strafraum ohne Bedrängnis zur Mitte ab. Wieder war der Rückraum überhaupt nicht abgedeckt. Juri Tielemans schlenzte die Kugel seelenruhig aus mehr als 20 Metern Entfernung exakt ins Eck. Zehn Minuten zuvor hatte Pablo de Blasis die Riesenchance zum 2:2 frei vor dem sehr gut reagierenden Torhüter Davy Roef vergeigt. Unkonzentriert verballerten die 05er nach dem 1:3 die Chancen zum direkten Anschlusstreffer. Zweimal Yunus Malli. Der Höhepunkt war Jhon Cordobas Aktion einen Meter vor dem gegnerischen Gehäuse, als der Kolumbianer die Kugel dem eigentlich wehrlosen Keeper in die Hände schaufelte. Da verpassten die unermüdlich nach vorn arbeitenden 05er den möglichen Wendemoment.

Naiv in den letzten Spielminuten

Auffällig war, und das spricht für die These von der nervlichen Überbeanspruchung: Erst als das Team bei einem Rückstand von zwei Toren vom Gefühl her nichts mehr zu verlieren hatte, wurde das Kombinationsspiel sicherer, flüssiger und das offensive Eins-gegen-Eins-Verhalten dynamischer, mutiger, zielstrebiger.

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Die letzten Spielminuten muss man nicht überbewerten. Beim Kopfball von Lukasz Teodorczyk zum 1:4 hätte ein Bundesliga-Schiri auf Offensivfoul entschieden; da stieß der Pole vor dem Absprung mit beiden Händen seinem Gegenspieler Leon Balogun in den Rücken. Das Spiel war längst verloren. Dennoch ließen sich die Mainzer in der Nachspielzeit noch zweimal krass auskontern. Das war naiv. Den Elfmeter zum 1:6 hätte man allerdings nicht pfeifen dürfen, da war Stefan Bell in seiner Grätschaktion nie und nimmer ein absichtliches Handspiel zu unterstellen.

Vor der Bundesligapartie am kommenden Sonntag beim RB Leipzig muss Trainer Martin Schmidt mit seiner Mannschaft über die Bücher gehen. Ein fehlerhafter Ballbesitzfußball ohne sichere Passmuster und mit einer brüchigen Absicherungsstruktur kann gegen die Leipziger Pressingspezialisten zu einem ähnlichen Waterloo führen. Die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl hat in der defensiven und offensiven Umschaltbewegung eher mehr Qualität am Start als der RSC Anderlecht an diesem düsteren Abend. Dazu mehr im Samstagblog.