Rehberg: Motivation und Belohnung

Auch ein Taktik-Fuchs: Thomas Tuchel. Foto: Sascha Kopp

Menschen funktionieren nach dem Belohnungsprinzip. Und das, so schreibt Reinhard Rehberg in seinem Mainz-05-Blog, machen sich auch Trainer zunutze. Und er erklärt, warum es...

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. Leistung kann man produzieren, sich erarbeiten. Der Erfolg ergibt sich. Diese Formel war zuletzt bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi immer wieder zu hören. Nicht einmal der überragende Nordische Kombinierer Eric Frenzel hat vorher hinausposaunt, er wolle Gold holen. Der deutsche Starathlet hat gesagt: "Ich will am Tag X in der Lage seine, meine beste Leistung abzurufen." Das gelang. Und das ergab Gold. Leistung ist der Weg zum Ergebnis. Diesen Pfad verlässt auch Thomas Tuchel nicht. Europapokalchance hin oder her. Wenn belegt wäre, dass eine öffentlich formulierte Endzielstellung "Europa" Vorteile brächte auf dem Weg bis hin zum 34. Spieltag, "dann würden wir das doch machen", sagt der Trainer des FSV Mainz 05. Doch der 40-Jährige sieht diese Vorteile nicht. Also hält er seine Mannschaft im Training und in der Wettkampfvorbereitung stur in den Inhalten, die Leistung produzieren.

Trainingsarbeit mit Zwischenzielen

Tuchel arbeitet durchaus mit Zwischenzielen. Als nach dem Heimsieg gegen den SC Freiburg die 30-Punkte-Marke erreicht war, sagte der Cheftrainer: "Jetzt wollen wir so schnell wie möglich die 40 Punkte erreichen." Das kann funktionieren. Am Sonntagabend. Mit einem Heimsieg gegen Hertha BSC. Der 2:0-Heimsieg gegen Hannover 96, das 0:0 in Schalke und der 1:0-Coup in Leverkusen haben die 05er auf diese nette Rampe gehievt. Aber was waren das für schwer erkämpfte Erfolge: Die Tuchel-Elf musste, vor allem in der Defensivarbeit, dreimal an sämtlichen Ketten zerren. Und das wird auch gegen den auswärts stabilen und defensivstarken Aufsteiger aus Berlin nötig sein. Unter geänderten Vorzeichen. Die 05er werden wohl in die Ballbesitzrolle gedrängt. Die Inhalte in der Offensivbewegung rücken damit mehr in den Vordergrund.

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Wir Menschen funktionieren in unserer Motivation nach dem Belohungsprinzip. Insbesondere für große Anstrengungen, die wir in emotional als wichtig eingestufte Ziele investieren, wollen wir belohnt werden. Kommt am Ende tatsächlich nichts dabei heraus, dann sind wir frustriert. Aus unserer Schülerzeit wissen wir, dass wir nach mehreren schlechten Noten trotz engagierter Vorbereitung sogar dazu neigen, ein Fach irgendwann komplett abzuschenken. Die Anstrengungen lohnen sich nicht. Dauerfrust. Gute Noten? Ja, die wollen wir dann immer wieder haben. Weil der Aufwand belohnt wird. Da kann sich dann höchstens die Neigung einschleichen, mal auszutesten, ob sich die guten Ergebnisse nicht auch mit weniger Aufwand erreichen lassen.

Auch Stars müssen unter Spannung gehalten werden

Der FC Bayern München kann sich mit Ergebnissen emotional nicht mehr ausreichend belohnen, die Weltauswahl gewinnt eh nahezu jedes Spiel. Das wird zur Gewohnheit. Also muss Pep Guardiola seine Spieler mit inhaltlichen Forderungen unter Strom halten. Zum Beispiel mit der Anzahl der Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte, die als Voraussetzung dienen für die extrem hohe Ballbesitzqualität der Bayern. Und wenn der FCB in der Champions League mit 2:0 beim englischen Spitzenklub FC Arsenal London gewinnt, dann meckert der Fußballperfektionist Guardiola öffentlich schon mal, dass ihm in den ersten zehn Minuten die Souveränität im Ballbesitz gefehlt habe. Auch Stars müssen unter Spannung gehalten werden.

Bei den Mainzern gibt es in keiner Bundesligapartie eine Belohnungsgarantie über das Ergebnis. Von daher ist Tuchel aus einer anderen Sichtweise heraus angewiesen auf die Betonung der Qualität in den spielerischen und taktischen Prinzipien. Der Weg bleibt das Ziel. Ohne Leistung, ohne die permanente Annäherung an die eigenen Grenzen besteht am Bruchweg keine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit. Und wenn das Ergebnis mal ausbleibt, dann hebt Tuchel im Hinblick auf die nächste Aufgabe eben die guten Elemente in dieser Partie hervor. Eine Form der Belohnung. Auch Torsten Lieberknecht praktiziert das beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig meisterhaft, er präsentiert seinen Spielern ständig kleinste Fortschritte als nötige Belohnung (für die Anstrengungen ohne Siege).

Immer fokussiert auf die eigenen Aufgaben

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Nach dem 0:0 in Schalke beschäftigte sich Tuchel in den gezeigten Analysebildern nicht mit der am Ende verpassten Siegchance, sondern im Hinblick auf die Bayer-Partie mit der hervorragenden Arbeit in der defensiven Umschaltung. "Und dann hofft man, dass sich das wiederholt." Bingo! Und umgekehrt hat der Fußballlehrer nach dem folgenden 1:0 in Leverkusen (über eine erneut hervorragende Abwehrleistung) im Hinblick auf das Hertha-Spiel die kritischen Momente im eigenen Ballbesitz in den Fokus der Nachbetrachtung gestellt. Immer drin bleiben in den Inhalten, immer fokussiert sein auf die nächste Aufgabe. Und dann ringen um das nächste Ergebnis. Von der ersten bis zur 90. Minute. Bis zum Anschlag. Mit Verstärkung durch die Atmosphäre in der Coface-Arena. Europapokal? Das wird man sehen, das kann sich ergeben. Und wenn, dann nur auf diesem - rhetorisch eher schmucklosen - Weg.