Rehberg: Millionengehälter vertreiben keine Ängste

Per Mertesacker. Foto: dpa

Per Mertesacker ist ein Türöffner. Der Innenverteidiger hat öffentlich gemacht, dass er nicht die Stressresistenz hatte, die einem Spieler diesen Beruf leichter macht. Er...

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. Per Mertesacker gebührt Dank und Respekt. Der einstige Nationalspieler, der sich auf der Zielgeraden seiner Karriere auch noch in der harten Premier League behauptet hat, ist ein Türöffner. Der Innenverteidiger, der künftig die Nachwuchsakademie von Arsenal London leitet, hat sich geöffnet. Der Profi hat jahrelang seinen Job ausgeübt mit extremen Druckgefühlen. Mertesacker hat öffentlich gemacht, dass er nicht die Stressresistenz hatte, die einem Spieler diesen Beruf leichter macht.

Der Weltmeister Lothar Matthäus hat das nicht verstanden. Der Dampfplauderer äußerte sich in eine Richtung, die vermuten lässt: Matthäus hält Mertesacker für einen Warmduscher. Weil ein „Loddar“ nie in seinem Leben Druck und mentale Blockierungen verspürt hat? Wir erinnern uns, dass Matthäus bei der WM 1990 im Finale von Rom gegen Argentinien NICHT den entscheidenden Strafstoß ausgeführt hat. Matthäus nickte als Kapitän und entschlossener Elfmeterschütze einem anderen zu. Andreas Brehme machte Deutschland zum Weltmeister. Man darf annehmen, dass Matthäus in diesem Moment dem geschichtsträchtigen Druck nicht gewachsen war. Hätte Brehme verschossen, dann hätten viele Experten und Fans Matthäus den Vorwurf gemacht, er habe sich vor der Verantwortung gedrückt. Heute dürfen wir konstatieren: Matthäus hat damals seine Neigung, immer und überall der starke Mann sein zu wollen, in einer Drucksituation besiegt. Eine kluge Entscheidung.

Steffen Effenberg, ein ähnliches Alphatier wie Matthäus, hat Verständnis geäußert für das Outing von Mertesacker. Gerade Führungsspieler stehen in Entscheidungsspielen unter einer besonderen Beobachtung. Effenberg hat Endspiele gewonnen. Und er hat Endspiele verloren, auch nach persönlich schwächeren Leistungen. Danach habe er Rotz und Wasser geheult in der Kabine. Das passiert im Sport. Und das ist bei dieser Diskussion auch gar nicht das Thema.

Fußballprofis sind auch Menschen

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Es geht darum, die Sinne zu schärfen für den Umstand, dass auch Fußballprofis in Drucksituationen reagieren wie Menschen, die zum Beispiel unter Prüfungsangst leiden. Man ist gut vorbereitet, man hat den Willen, alles rauszufeuern, aber man verliert kurzfristig die Kontrolle über sein Denken und Fühlen. Das kennen viele Menschen. Schweißausbruch, zittrige Hände, wacklige Beine, Nebel im Hirn. Es ist naiv zu glauben, dass es unter 1000 Profifußballern nicht 50 bis 100 Männer gibt, die in ähnlichen Situationen genau unter diesem Problem leiden. Klar ist: Millionengehälter vertreiben diese Ängste nicht.

Was die Aufgabe für Profifußballer noch schwieriger macht, das ist die Tatsache, dass die Spieler auf Schritt und Tritt von Medien und einem Massenpublikum beobachtet und permanent bewertet werden. Wer als Star gehandelt wird und viel verdient, der hat abzuliefern. Das ist die gängige Meinung der Bewerter. Und das weiß und fühlt ein verunsicherter Leistungssportler. Was den Druck nur noch erhöht. Und dann schlagen die Gesetze der Psychomotorik zu. Ein Kreislauf kommt in Gang: Eine wacklige Psyche hat Auswirkungen auf die Motorik, fehlerhafte Handlungen haben Auswirkungen auf das Denken und Fühlen. Und dann funktioniert in manchen Fällen irgendwann gar nichts mehr.

Tabu-Thema

Wir reden hier nicht von physischen Erkrankungen, da sind die Mediziner gefragt. Stressresistenz gehört zweifellos zu den nötigen Fähigkeiten eines hoch bezahlten Berufsfußballers. Die Arbeitgeber müssen ein Klima schaffen, dass sich Spieler in schwierigen Phasen öffnen können. Dann ist der Trainer gefragt, der Manager, kundige Bezugspersonen und in manchen Fällen auch ein Mentaltrainer oder ein Sportpsychologe. Diese Hilfsangebote gibt es. Spieler müssen nur auch die Sensibilität, die Aufgeklärtheit und den Mut haben, sich mit diesen Hilfsangeboten auseinanderzusetzen, diese in bestimmten Situationen als notwendige Stütze zu erachten.

Es gibt inzwischen in vielen Sportarten Medaillengewinner, die sich nach der Siegerehrung bei ihren mentalen/psychologischen Helfern bedanken. Im Fußball ist das noch ein Tabu-Thema. Warum? In dieser Sportart tobt noch der Männlichkeitswahn. Vereine, Medienvertreter und vor allem auch die Stimmungsmacher in den Sozialen Netzwerken sind aufgefordert, daran mitzuwirken, dass diese Mauer durchbrochen wird. Diese Diskussion hat Per Mertesacker angestoßen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.