Rehberg: Mesut Özil - schlecht beraten und vollkommen verrannt

Mesut Özil. Foto: dpa

Gewinner kann es in dieser Auseinandersetzung nicht mehr geben. Mesut Özil war und ist in diesem Fall genau so schlecht beraten wie die DFB-Verantwortlichen Reinhard Grindel,...

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. Gewinner kann es in dieser Auseinandersetzung nicht mehr geben. Und wir halten fest: Mesut Özil war und ist in diesem Fall genau so schlecht beraten wie die DFB-Verantwortlichen Reinhard Grindel, Oliver Bierhoff und Joachim Löw. Wir dürfen davon ausgehen, dass der zurückgetretene Nationalspieler die Rundumschläge am Sonntag weder selbst getextet noch selbst inszeniert hat. Das ist das Werk seines Beraterteams. Und das hat sich gemeinsam mit Özil verrannt.

Beraten wird Özil von der 2017 gegründeten Firma „Family and Football“. Der Chef ist Dr. Erkut Sögüt, ein in Osnabrück aufgewachsener Rechtsanwalt mit türkischen Eltern, Inhaber der Beraterlizenzen im Fußball, im Basketball und im Eishockey. Sögüt lebt und arbeitet inzwischen in London; er hält an der Wembley-Universität Vorlesungen über das Beraterwesen im Profigeschäft. Sögüt hat das Handwerk gelernt bei Harun Arslan, der mit seiner in Hannover ansässigen Agentur „ARP“ seit den 1990er Jahren unter anderem zuständig ist für die Karriere-Organisation, Medienarbeit und Werbeaktivitäten von Joachim Löw. Bei Family and Football wird Arslan als Mitarbeiter aufgeführt. Die prominentesten Klienten von Family and Football: Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Skodran Mustafi. Zum Mitarbeiterstab der Agentur zählen: Mutlu Özil (Bruder von Mesut), Ilhan Gündogan (Onkel von Ilkay) und Kujtim Mustafi (Vater von Skodran).

Bierhoff und Grindel hilflos

Wir erkennen: Wenn sich Löw von Harun Arslan hat beraten lassen, wie er mit den Erdogan-Fotos von Özil und Gündogan im Vorfeld der WM in Russland umgehen sollte, dann hatte er den Mann am Tisch oder am Telefon, der den beiden Nationalspielern zumindest nicht davon abgeraten hat, die Einladung des türkischen Machthabers anzunehmen. Das könnte erklären, warum die DFB-Führung in der Öffentlichkeit nie eine klare Haltung entwickelt hat zu dem Vorfall vom 14. Mai in London.

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Speziell von DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, einige Jahre Mitglied des deutschen Bundestages, hätte man eine vernünftige gesellschaftspolitische Einordnung der Affäre erwarten dürfen. Die Imagemaßnahme, die beiden Nationalspieler kurz darauf zum deutschen Bundespräsidenten zu schicken, um mit harmonischen Bildern Schärfe rauszunehmen, ist grandios gescheitert.

Schlecht beraten, nahezu hilflos sind Grindel und sein Direktor Oliver Bierhoff in eine Krise gestolpert. Speziell Özil in Verbindung zu bringen mit dem schlechten Abschneiden der Nationalmannschaft bei der WM, das war gelinde gesagt unklug. Und Bierhoffs Rechtfertigungs-Gestotter im ZDF, man könne zu diesem Fall nicht alle Hintergründe an die Öffentlichkeit zerren, hat die Lage nur noch verschlimmert.

Natürlich kann man über die Hintergründe sprechen. Mehr als 60 Prozent der in Deutschland lebenden Türken, die sich an der Präsidentenwahl in ihrem Herkunftsland beteiligt haben, haben sich für Erdogan entschieden. Auch die Gründe sind bekannt: Der Mann, der in der Türkei Schritt für Schritt die Demokratie abschafft, habe für wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt und für eine deutliche Verbesserung der Infrastruktur.

Foto war dämlich und überflüssig

Gehen wir davon aus, dass eventuell auch Özils in Deutschland lebende Familie sowie Teile der in der Türkei lebenden Verwandtschaft so denken, dann kann man sich vorstellen, dass eventuell auch Mesut Özil kein Problem mit Erdogan hat. Das mag uns in Deutschland nicht gefallen, darüber moralisch erheben müssen wir uns nicht. Der Umgang mit Despoten ist auch für deutsche Politiker kein einfacher. Dass in Deutschland lebende Menschen mit Migrations-Hintergrund mental und emotional ein sehr spezielles Verhältnis zu ihrem Herkunftsland pflegen, vielleicht sogar ein für uns politisch problematisches, damit sollten wir umgehen können.

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Nicht haltbar ist Özils Rechtfertigung, er habe sich in London nicht mit der Person Erdogan getroffen, sondern mit dem zu respektierenden Präsidenten seines „Herkunftslandes“. Das lässt sich nicht voneinander trennen. Das Foto war dämlich und überflüssig. Der in Frankfurt aufgewachsene Emre Can (gerade vom FC Liverpool zu Juventus Turin gewechselt), Sohn aus der Türkei ausgewanderter Eltern, hat selbige Einladung ausgeschlagen. Cans Absage des Termins ist nirgendwo gewertet worden als Affront. Özils Berater hätten wissen müssen, dass das Treffen ihrer Schützlinge mit Erdogan unmittelbar vor einer WM hohe Wellen schlagen würde. Mag sein, dass Sögüt und Arslan damit kein Problem hatten und haben.

Rassismus-Vorwürfe nicht haltbar

Dass Özil und sein Clan nun auch noch Rassismus-Vorwürfe erheben, auch gegenüber den Medien, das ist nicht haltbar. Der Sturm in den Sozialen Medien aus der Wutbürger-Ecke ist in diesen deutschnationalen Zeiten erwartbar gewesen. Das nervt. In den Printmedien waren sehr viele komplex und ausgewogen argumentierende Beiträge zu lesen. Dass da eine Medienmehrheit die schwachen WM-Leistungen Özils in Verbindung gebracht hätte mit dem Migrations-Hintergrund des Nationalspielers, das entspricht nicht den Tatsachen. Den Rassismus-Vorwurf muss sich auch - der im Krisenmanagement zweifellos überforderte - Grindel nicht gefallen lassen.

Bei der WM war Mesut Özil einer von vielen Spielern, die weder Teamgeist noch Leistung mobilisiert haben. Sollte der Mittelfeldspieler unter der angespannten Atmosphäre in Folge der Erdogan-Geschichte gelitten haben, dann sollte er jetzt nicht vergessen, wer der Verursacher der Affäre war. Geholfen hat ihm offenbar niemand. Nicht seine Berater, nicht der DFB. Und der befangene Bundestrainer hat sich mit nichtssagenden Äußerungen rausgehalten. Insgesamt ist der Vorgang viel zu hoch aufgehängt worden. Ohne WM wäre das Foto nach zwei Tagen vergessen gewesen.