Rehberg: Manchmal muss man einfach gut Fußball spielen

Gewohnt engagiert an der Seitenlinie: Mainz 05- Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Mainz 05 steht nach dem 0:4 in Hoffenheim an einer Wegegabelung. Sechs Punkte trennen die Mannschaft von Martin Schmidt vom Abstiegssumpf. Bei den Rheinhessen passt aktuell...

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. In Dortmund haben Ruhrpott-Hooligans auf Fans aus Leipzig eingedroschen. Da wurden Familienväter mit Kindern, auch Frauen mit Fäusten angegriffen, mit Steinen und Blumenkübeln beworfen. Die Spruchbänder, die auf der Südtribüne des Stadions in die Höhe gereckt wurden, kündeten von einer gesteuerten Aktion fehlgeleiteter Emotionen. Ortswechsel. In einem weit vom Waldstadion entfernten Stadtteil in Frankfurt haben gut 100 schwarz gekleidete Hooligans der Eintracht und der Darmstädter „Lilien“ mitten in einer Einkaufsstraße brutal aufeinander eingedroschen. Es gibt Anzeichen dafür, dass eine neue Gewaltwelle auf den Fußball zurollt.

ZDF-Reporter Boris Büchler sprach am Sonntagabend bei Sky davon, es gebe nun mal „bildungsferne Schichten“. Damit ist überhaupt nichts erklärt. Wir wissen, dass sich bei den Hooligangruppen kurz vor dem Fachabitur stehende Jugendliche ebenso wohlfühlen wie erwachsene Mitarbeiter von Geldinstituten oder Versicherungskonzernen. Die berüchtigten Hooligans in England in den 1980er Jahren hatten einen hohen Anteil an gut ausgebildeten Mittelschichtsbürgern. Und wer auf Familien losgeht, den treibt auch nicht nur das dümmliche Motiv an, hasserfüllt den Unterschied zwischen einem historisch gewachsenen Dortmunder Traditionsklub und einem aus dem Boden gestampften Leipziger Marketingprojekt herauszuarbeiten.

Faible für körperliche Gewalt

Es gibt Menschen, die haben ein Faible für körperliche Gewalt. Diese Erfahrung machen Polizisten bei nahezu jedem Weinfest in Rheinhessen. Nur berichtet darüber niemand. Die Fußball-Bundesliga bietet ein Umfeld, das mediale Aufmerksamkeit verspricht. Diese Form der Gewalt ist kein Problem des Fußballs, es ist ein gesellschaftliches Problem. Da gibt es Buben und Männer, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, die kennen kaum einen Namen von Spielern „ihres“ Klubs, die beschäftigen sich überhaupt nicht mit dem Unterschied zwischen 4-4-2 und 4711. Und einige dieser gewaltbereiten Menschen haben kein Problem damit, einem aggressionsfreien Mitbürger mal so nebenbei das Nasenbein oder den Arm zu brechen. Der Fußball ist nicht mehr als der Ort, der diesen Gewaltdenkern eine interessante Bühne bietet. Mit mangelnder Bildung oder prekären Arbeitsverhältnissen hat das eher wenig zu tun. Da geht es um eine Geisteshaltung, die keine Toleranz zulässt.

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Zurück zum Sport. Die 05er stehen nach dem 0:4 in Hoffenheim an einer Wegegabelung. Sechs Punkte trennen die Mannschaft von Martin Schmidt vom Abstiegssumpf. Zwei Heimspiele gegen die Tabellennachbarn FC Augsburg und Werder Bremen stehen auf dem Programm. Bleibt es bei der Tendenz, dass auswärts wenig bis gar nichts geht und in den Heimspielen ein Remis als Erfolg gewertet wird, dann wird es nach unten noch enger werden. Die Chance, diese Saison nicht bedrohlich werden zu lassen, besteht. Aber nicht mehr lange. Drei Punkte Abstand bedeuten Abstiegskampf.

Alternative Fakten

Seit einiger Zeit erspielen sich die 05er kaum noch klare Torchancen. Die defensiven Defizite aus der Hinrunde schienen beseitigt nach dem 0:0 gegen den 1. FC Köln und nach dem 1:1 gegen Borussia Dortmund. Die vier Gegentreffer in Sinsheim haben diesen Eindruck wieder zertrümmert. Der frühe Rückstand hat die Mainzer in die ungeliebte Spielmacherrolle gedrängt – und in der Schlussphase mündete das notwendige offensive Risiko in eine Gegentrefferflut. Nicht gut angreifen und in entscheidenden Momenten schlecht verteidigen, das ist keine Basis für Erfolg. Wenn man bedenkt, dass dies der individuell stärkste Kader in der 05-Bundesligageschichte sein soll, dann kommt man zu der Ahnung: Da passt etwas nicht zusammen.

Im Fußball gibt es tatsächlich alternative Fakten. Gute Messdaten im physischen Bereich müssen nicht zum Wunschergebnis führen. Viel rennen, schnell rennen, oft schnell rennen, das kann Auswirkungen haben auf das Ergebnis, muss aber nicht. Soll heißen: Bereitschaft darf man den 05-Profis nicht absprechen, aber manchmal muss man auch gut Fußball spielen. Und daran hapert es. Problematische Spiele wie gegen Darmstadt 98, den FC Ingolstadt oder den SC Freiburg, als die Gegner relativ hohe Spielanteile hatten in der Opel Arena, hat die Schmidt-Elf noch gewonnen. Mit Standard- und Kontertoren. Im Moment funktioniert auch das nicht.

Krkic darf nicht als Problemlöser herhalten

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Nun wird der Trainer nicht bis Freitagabend neue Ballbesitzmuster herbei zaubern können. Aber Schmidt muss daran arbeiten, dass seine Mannschaft gegen den FC Augsburg wieder Haltung zeigt. Auch individuell. In der Offensive fehlt es vielen Spielern an Form und Überzeugung. In den Mittelfeldzonen fehlt es an Aggressivität und Passsicherheit. In der Abwehr fehlt es an Konzentration und Kompromisslosigkeit. Dem gesamten Team mangelt es an Klarheit, an Durchsetzungswillen. Dafür kann nicht alleine der Abgang des – oft sehr überschaubar präsenten – Yunus Malli verantwortlich sein.

Bojan Krkic darf nicht als Problemlöser herhalten. Zumindest nicht kurzfristig. Der Winterzugang wirkte bei seinem Kurzeinsatz in Hoffenheim fast ein wenig verloren. Dem Techniker mangelt es womöglich am nötigen Wettkampfrhythmus. Die Paxisfakten: 20 Minuten gegen Chrystal Palace und 13 Minuten gegen Tottenham im September, kein Einsatz im Oktober, 73 Minuten gegen Chelsea und 87 Minuten gegen Leicester im November, 73 Minuten gegen Bournemouth und 19 Minuten gegen West Ham United im Dezember. Die Bundesliga lehrt: Fehlende Wettkampfhärte lässt sich auch mit noch so brillanter Technik nur selten überlisten. Das spricht in diesem Moment nicht gegen die Verpflichtung von Bojan. Aber Abstiegskampf dürfte nicht das geeignete Metier sein für den 26 Jahre alten Hochbegabten. Wobei das nach einem Heimsieg gegen den FC Augsburg schon wieder ganz anders aussehen mag.