Rehberg: Mainzer Lilien-Geschichten mit Blick auf aktuelle...

Kapitän und Torschütze: Aytac Sulu (rechts, nach dem Ausgleichstor in Dortmund) blüht auf bei und mit den Lilien. Foto: dpa

Drei der Geschichten rund um das erste Bundesligaduell zwischen dem SV Darmstadt 98 und den 05ern hat Reinhard Rehberg aus der Mottenkiste gekramt. Es sind sehr alte...

Anzeige

. Die Geschichten rund um das erste Bundesligaduell zwischen dem SV Darmstadt 98 und den 05ern sind sehr alte Geschichten. Verdammt lang her. Zur Einstimmung picken wir uns mal nur drei denkwürdige Spiele raus.

11. JUNI 1989: Vorletzter Spieltag in der Zweiten Liga. Der Aufsteiger aus Mainz hat als Tabellenvorletzter mit vier Punkten Rückstand zum rettenden Ufer und einem Torverhältnis von minus 25 nur noch eine theoretische (aber unrealistische) Chance auf den Klassenverbleib. Das Team von Trainer Robert Jung muss im Darmstädter Böllenfalltor antreten. Ein Desaster. Keeper Stephan Kuhnert erlebt die schwärzeste Stunde seiner langen Profilaufbahn. Die von Eckhard Krautzun trainierten Lilien gewinnen mit 7:0. Dreifacher Torschütze: Der spätere 05-A-Jugend-Trainer Michael Blättel.

24. MÄRZ 1991: Die 05er sind wieder in die Zweite Liga aufgestiegen, die Elf von Robert Jung behauptet sich glänzend. An jenem Tag gelingt ein 1:0-Sieg in Darmstadt. Ein Spieler wird diese Partie niemals vergessen: Nach einem üblen Tritt des knochenharten Darmstädter Manndeckers Freddy Heß muss Charly Mähn ausgewechselt werden. Dieses 115. Zweitligaspiel des überragenden 05-Stürmers wird sein letztes sein. Im Alter von 30 Jahren muss Mähn, bis heute Angestellter bei einer Mainz Bank, als Sportinvalide seine Karriere beenden.

25. MAI 1993: Die 05er gewinnen in Darmstadt nach Toren von Zeljko Buvac, Fabrizio Hayer, Michael Müller und Thomas Zampach (plus ein Eigentor der Lilien) mit 5:3. Am Ende steigen die 98er in dieser Zweiten Liga mit 24 Mannschaften als Tabellenletzter sang- und klanglos ab. Ihr bester Mann in jener Saison, trotz 79 Gegentreffern, ist Torhüter Tom Eilers. Der daraufhin an den Bruchweg wechselt. Funktioniert nicht. Eilers forciert sein Jura-Studium. Seit einigen Jahren zieht der Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Darmstadt im Hintergrund die Fäden bei diesem Klub, der erst 2014 zurückgekehrt ist in die Zweite Liga.

Anzeige

22 Jahre später nun also das nächste Duell zwischen Darmstadt 98 und Mainz 05. Am Freitagabend. Am Böllenfalltor. Ein Erstligaspiel. Wer diese Konstellation vorhergesagt hätte vor einigen Jahren, den hätte man für einen Spinner oder Träumer gehalten. Aktuell sind die Lilien mit ihrem neunten Platz und mit ihren zehn Punkten als Aufsteiger in aller Munde. Was diese Mannschaft von Trainer Dirk Schuster ausmacht? Zunächst einmal: Zusammenhalt. Das ist ein Ensemble von bei anderen Klubs aussortierten Profis, die sich auf der höchsten Ebene für ein bescheidenes Salär wieder beweisen dürfen. Dieses Desperadogefühl schweißt zusammen. Nur zwei exemplarische Beispiele.

MARCEL HELLER: Nur zweimal in seiner Karriere hat der ultraschnelle Stürmer, der in seinem Laufstil mit gerade durchgedrücktem Kreuz erinnert an den Titelhelden aus dem Kultfilm „Forrest Gump“ in einer Saison mehr als drei Tore geschossen. Das war beim Regionalligisten Sportfreunde Siegen (sieben Treffer) und beim Regionalligisten Eintracht Frankfurt II (vier). Im Bundesligakder der Eintracht stand der 29-Jährige zwischen 2008 und 2011 immer mal wieder, mehr als zwei Tore sind ihm nicht gelungen bei 44 Bundesligaeinsätzen im Adler-Trikot. 2012/13 kickte er schließlich beim Drittligisten Alemannia Aachen (drei Tore), 2013 kam er zum Drittligisten Darmstadt 98 (zwei Tore in 37 Spielen). Jetzt hat der Sprinter nach sieben Bundesligaspielen schon drei Treffer stehen. Kaum zu glauben. Sein bis zum Darmstädter Aufstieg letztes Erstligaspiel hatte der Konterstürmer am 14. Mai 2011 bestritten. Bei einem 1:3 der Eintracht am letzten Spieltag in Dortmund, danach waren die Frankfurter unter Christoph Daum abgestiegen. Viereinhalb Jahre später hat Heller am vergangenen Wochenende die Lilien beim 2:2 in Dortmund mit einem Traumtor mit 1:0 in Führung geschossen. Der über fast ein Jahrzehnt wankelmütige Profi befindet sich auf dem Höhepunkt seiner bis vor 14 Monaten nie so richtig in Gang gekommenen Karriere.

AYTAC SULU: Der 30-Jährige hatte nie eine nennenswerte Profikarriere. 2008/09 kickte er noch beim Oberligisten TSG Hoffenheim II. Danach beim Regionalligisten und Drittligisten VfR Aalen. Dann wechselte der in Heidelberg geborene Türke in sein Heimatland. Ein einziger Erstligaeinsatz ergab sich bei Genclerbirgli Ankara. Trostlos verlief auch die Zeit in Österreich beim SC Rheindorf Altach. 2013 holte Dirk Schuster in höchster Drittliga-Abstiegsnot diesen bärtigen Innenverteidiger, der sich schon wieder in seinem erlernten Beruf als Autoverkäufer verdingen wollte, ans Böllenfalltor. Der Rest ist ein kleines Wunder. Sulu wurde Kapitän. In einem Zweitligaspiel beim FC St. Pauli riss er sich mal eine lose Zahnbrücke aus dem Mundraum, danach wollte er weiterspielen. Der Arzt holte ihn runter, wegen einer derben Gesichtsfraktur. Kaum war diese halbwegs verheilt, stand er schon wieder mit Schutzmaske auf dem Feld. In der Bundesliga hat der einst schwer vermittelbare Arbeitslose seinen Stammplatz behauptet. In Leverkusen köpfte der zähe Kämpfer und Abwehrchef das 1:0-Siegtor, in Dortmund schoss Sulu in der 90. Minute das 2:2.

Ähnliche Karriereverläufe haben die Stürmer Dominic Stroh-Engel und Sandro Wagner, der Offensivspieler Jan Rosenthal, die Mittelfeldspieler Peter Niemeyer und Konstantin Rausch. Keeper Christian Mathenia und Linksverteidiger Junior Diaz sind einst am Bruchweg nicht mehr weiterverpflichtet worden.

Und dann gibt es da noch den Co-Trainer von Dirk Schuster. Sascha Franz (41). Wer bitte? Das ist der Sohn des früheren Trainers Horst Franz, der die 05er 1994 auf der Zielgeraden vor dem Zweitligaabstieg gerettet hat; in der Saison darauf wurde der „Sonnenkönig aus Solingen“ wegen massiver Erfolglosigkeit bereits nach dem siebten Spieltag beurlaubt. Legendär dessen Spruch, als er ein letztes Mal auf dem damaligen Trainingsgelände in Mombach in seinem Trainingsanzug aus den 1960er-Jahren vor die Mannschaft trat: „Die Amateure haben mich entlassen.“ Der Sohn war nie ein Profikicker, er hat mit seinem A-Schein als Assistenztrainer gedient unter Rainer Hörgl, Gino Lettieri, Ernst Middendorp, Holger Fach, Armin Veh und Ralf Loose. Überwiegend in Augsburg, mit Fach im kasachischen Astana (2010/11). Heute arbeitet Sascha Franz im Stab eines Bundesligatrainerteams.