Rehberg: Mainz 05 muss sich im Schlüsselspiel gegen...

Foto: Sascha Kopp

Ein Sieg am Donnerstagabend in Saint-Étienne beschert Mainz 05 in der Gruppe C der Europaliga eine hervorragende Ausgangsposition. Die interessantere Frage lautet: Wie legt man...

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. Was erzählt man Fußballprofis, die wenig bis gar keine Erfahrung haben in diesen internationalen Prüfungssituationen auf der Zielgeraden einer Gruppenphase? Da muss ein Trainer keine bunten Wortgirlanden unter die Decke hängen. Die 05-Spieler wissen, wie es ist: Ein Sieg am Donnerstagabend in Saint-Étienne beschert ihnen in der Gruppe C der Europaliga eine hervorragende, eine am Finaltag vom Ergebnis in Anderlecht unabhängige Ausgangsposition. Die interessantere Frage lautet von daher: Wie legt man unter Erfolgsdruck ein Auswärtsspiel an, in dem der auf eine stabile Defensive vertrauende Gastgeber ganz gut leben kann mit einem Remis?

Man kann daraus ein „Do-or-die“-Spiel machen, wie das die Amis nennen. Mach es, oder stirb! Klingt martialisch. Soll aber eigentlich nur sagen: Sterben (ausscheiden aus dem Wettbewerb) wollen wir nicht, Zauderei und Zweifel helfen uns da nicht weiter - also hauen wir mit maximaler Entschlossenheit alles Menschenmögliche rein in diesen Moment. Im Fußball wird das gerne übersetzt mit: Volles Risiko, alles nach vorne, konsequent auf Sieg spielen!

05er müssen sich auf ureigene Stärken besinnen

Die 05er würden sich in diesem Fall in die Ballbesitzrolle drängen und mit möglichst viel Tempo, Wucht und Kreativität auf Angriff spielen. Da wissen wir, dass diese Spielanlage überhaupt nicht der Kernkompetenz dieser Elf entspricht. Die für diesen Dominanzansatz nötigen Passmuster und Positionsrochaden, die Präzision in Kombinationszügen über 70, 80 Meter des Spielfeldes, die individuelle Ballsicherheit in eng zugestellten Räumen, all das haben im deutschen Fußball sowieso nur der FC Bayern München und an sehr guten Tagen Borussia Dortmund am Start. Dazu kommt, dass der Mainzer Chefcoach mit seinem auf Umschaltspiel angelegten Kader auch gar keine Zeit gehabt hätte, im Stress der vielen Englischen Wochen (mit nur wenigen inhaltlich wertvollen Trainingseinheiten) Automatismen einzuüben, die einen sehr offensiv ausgerichteten Ballbesitzfußball möglich machen.

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Nach dem frühen Rückstand in Anderlecht haben die 05-Profis das probiert. Der Ausgleich glückte. Doch unterm Strich ist das Team bei jenem 1:6 fürchterlich ausgekontert worden. Das grenzte am Ende an schöpferische Selbstzerstörung. Ähnlich verhielt sich das in der Liga beim 1:3 in Leipzig. Und da bekannt ist, dass sich das defensiv denkende Team aus Saint-Étienne pudelwohl fühlt, wenn der Gegner das Spiel macht, spricht mehr dafür, dass sich die Mainzer in diesem französischen Tollhaus „Geoffrey Guichard“ stur auf ihre ureigenen Stärken besinnen. Die liegen im Konterspiel, in den Standards - und in beiden Segmenten in der Abschlusseffizienz. Wahrscheinlich ist es klüger, in einem Schlüsselspiel auf Inhalte zu vertrauen, die man wirklich beherrscht.

Diese auf Defensivsicherheit aufbauende Spielidee würde darauf hinauslaufen, dass sich die 05er keinen Gegentreffer einfangen - und dass nach vorne alle Antennen darauf ausgerichtet sind, mit einer der eher wenigen Abschlusschancen die Entscheidung zu erzwingen. Das muss kein hasenfüßiger Ansatz sein. Wenn es gelingt, wird man von einer geduldigen, taktisch cleveren, abgezockten Vorstellung sprechen. Klar, sollte es nicht gelingen, wird der Vorwurf lauten: zu wenig versucht, zu wenig ins Risiko gegangen. So sieht das Trainerleben aus. Undankbar. Und manchmal auch ungerecht.

Natürlich weiß AS-Coach Christophe Galtier um diese besonderen Vorzüge der Mainzer. Aber nicht zuletzt am Beispiel der 05-Heimpartie gegen den SC Freiburg lässt sich belegen, dass Mannschaften überragend gut vorbereitet sein können auf den Gegner – und dann passieren die Fehler genau auf den Gebieten, die zuvor intensiv besprochen worden sind. Die 05er haben die bestens eingestellten Freiburger geschlagen mit zwei Eckballtoren, mit einem Umschaltzug, der zu einem (verwandelten) Strafstoß führte, und mit einem Befreiungsschlag-Konter Sekunden vor dem Abpfiff. Da war erkennbar: Elemente, die sitzen und die nach mehreren Erfolgserlebnissen Überzeugung und Selbstvertrauen vermittelt haben, sind immer eine Waffe. Auch wenn der Gegner das zuvor bis ins Detail - oft genug auch mit einem Hang zur Überbetonung - analysiert hat.

Brutal aufs Gaspedal treten

Worauf wird es demnach in Saint-Étienne ankommen? In den (wahrscheinlich seltenen) Momenten, in denen der Gegner mal nicht gut organisiert ist gegen den Ball, müssen die 05er brutal aufs Gaspedal treten, extrem geradlinig und zielstrebig den gegnerischen Strafraum ansteuern. Und damit natürlich auch Eckbälle erzwingen. In diesem Segment hat die Elf gerade ein sehr gutes Gefühl. Auch ohne Varianten aus der Innovationsabteilung. Yunus Malli tritt die Bälle mit einer Topquote sehr genau in die Zone zwischen Fünfmeterraum und Elfmeterpunkt. Weit genug weg von den Fangarmen des Torhüters, aber noch nahe genug an das gegnerische Tor heran, damit sich den groß gewachsenen und sprungstarken Abnehmern im Kopfball realistische Trefferchancen eröffnen. Da stimmen aktuell die Positionsverteilungen im Strafraum, die Laufwege, die physische Präsenz. Funktionierende Standards sind von jeher ein gutes Mittel, ein von Defensivtaktik geprägtes Kampfduell zu entscheiden.

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Voraussetzung für diesen Ansatz ist natürlich eine fehlerfreie Verteidigungsleistung. Die Freiburger hatten zuletzt zu viele Torchancen aus dem Spiel heraus. Schmidt wird im Zentrum eine Formation finden müssen, die den Abwehrblock schützt und die nach Ballgewinnen handlungsschnell und präzise die offensive Umschaltbewegung einleitet. Da wäre auch ein System mit drei Mittelfeldsechsern denkbar. Dazu die leichtfüßigen Tempodribbler Levin Öztunali und Yunus Malli auf den vorderen Halbpositionen, davor die wuchtige Spitze Jhon Cordoba. Und dann könnte Martin Schmidt, je nach Spielverlauf und Spielstand, immer noch entscheiden, ab der 70. Minute das Risiko zu erhöhen. Mit der Einwechslung von zwei klassischen Flügelstürmern. Grau ist alle Theorie, hat ein berühmter Frankfurter Dichter mal aufgeschrieben. Schauen wir uns die Praxis an. Donnerstagabend, 21 Uhr, Stade Geoffrey Guichard in Saint-Étienne.