Rehberg: Mainz 05 muss gegen Schalke 04 zur Büffelherde werden

Blogger Reinhard Rehberg meint, Mainz 05 kann nur über das Kollektiv gegen Schalke 04 bestehen. Foto: dpa

Mainz 05 steckt im Abstiegskampf - und ausgerechnet jetzt kommt Schalke 04. Die Formkurve der Gelsenkirchener zeigt nach oben, der Einzug ins Viertelfinale der Europa League...

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. Abstiegskampf. In manchen Städten beschreibt das Wort ein sportliches Schreckensszenario. In anderen Städten rieselt den Menschen ein wohlig-gruseliger Schauer über den Rücken: Wird schwierig und vielleicht auch nervenaufreibend – aber das kennen wir und das können wir. Die jungen Pyro-Egomanen auf der Stehtribüne in der Opel Arena wissen davon wenig. Aber in diesen relativ kleinen Gruppen, mit denen nahezu jeder Bundesligist zu kämpfen hat, geht es ja auch weniger um Fußball und um die eigene Mannschaft. Da geht es mehr um Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Die überwiegende Mehrheit der 05-Anhänger hat ein Gespür für die besonderen Situationen, in die dieser Klub geraten kann. Und deshalb darf man davon ausgehen, dass es an diesem Sonntag im Duell mit dem FC Schalke 04 laut wird in der Arena.

Und dann kann eine Atmosphäre entstehen, in der Mannschaft und Publikum zu einer Macht zusammenwachsen. Genau dann bekommt der Gegner das Gefühl, er renne an gegen eine Wand. Die 05-Profis haben das in einem sehr speziellen Moment erlebt in Darmstadt. Ähnlich kann es den favorisierten Schalkern in Mainz ergehen. Wenn die Heimmannschaft mit ihrer Bereitschaft, alles rauszufeuern, was Körper und Geist an diesem Tag hergeben, die entsprechenden Signale sendet auf die Ränge.

Schalke kommt mit Rückenwind

Die Probleme sind bekannt. Die Elf von Martin Schmidt kassiert zu einfache Gegentreffer nach Standards und die Torgefährlichkeit hat nachgelassen. Die Schalker sind emotional aufgeladen nach ihrem Einzug in das Europaliga-Viertelfinale. Im Rückspiel am Donnerstagabend in Gladbach hat das Team von Markus Weinzierl nach dem 0:2-Rückstand eine starke Reaktion gezeigt. Die Schalker hatten sich schon Mitte der zweiten Halbzeit spielerisch gesteigert. Nach der Pause hat S04 Willen gezeigt. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass der Anschlusstreffer begünstigt wurde durch eine Rasenunebenheit - und das Ausgleichstor resultierte aus einem nicht nur fragwürdigen, sondern skandalösen Handelfmeter. Aber unterm Strich stellte der Ruhrpottklub die bessere, die nach 20, 25 Minuten dominierende, im eigenen Ballbesitz sicherer, flüssiger kombinierende Mannschaft.

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Die 05er wissen, was sie dagegen zu setzen haben. Laufbereitschaft, Zweikampfgift, enge Abstände zwischen den Linien, Wucht, Tempo und Zielstrebigkeit in den offensiven Umschaltüberfällen. Das ist es, was einen Favoriten, der nicht überragend frisch zu einem Auswärtsspiel antreten muss, nervt. Christian Heidel kennt die Mainzer Spielweise bis ins letzte Detail, der Schalker Sportvorstand wird sich mit seinem Trainer darüber unterhalten. Aber dieses Wissen verliert an Wert, wenn die 05er in einer Opel Arena, in der die Wände wackeln, ein von Leidenschaft und Willen geprägtes Kampfspiel organisieren. Genau dann verschwimmen die fußballerischen Qualitätsunterschiede.

Führungsspieler gesucht

Die klassischen Anführer haben sich im 05-Team noch nicht gezeigt in dieser Saison. An seinen guten Tagen ist das Stefan Bell. Der Abwehrchef fehlt diesmal. Gelb-Rot-Sperre. Schmidt hat zwei Optionen. Kapitän Niko Bungert, der ehemalige Schalker Jugendspieler, hat viel Erfahrung, aber wenig Spielpraxis. Leon Balogun ist ein verlässlicher Kämpfer, aber auch er hat wenig Spielpraxis. Da wird sich der Trainer wohl für seinen Kapitän entscheiden. In der Mittelfeldzentrale wird es darum gehen, den Wirkungskreis der überragenden Schalker Kurbelwelle namens Leon Goretzka einzugrenzen. Diese Aufgabe an der Seite des gebürtigen Gelsenkircheners Danny Latza entspricht eher dem aggressiven und leidenschaftlichen Jean-Philippe Gbamin als dem technisch versierteren Stoiker Fabian Frei. Letzterer könnte als defensiv denkender Zehner in Frage kommen.

Doch an diesem Tag benötigt Schmidt nach vorne eher die Tempobolzer. Spielerisch haben die Schalker klare Vorteile. Die 05er müssen sehr gut organisiert verteidigen und dann mit Geschwindigkeit, mit wilder Entschlossenheit und mit Überzeugung in die gegnerische Spielhälfte einfallen. Wie eine Büffelherde, die eine riesige Staubwolke nach sich zieht. Levin Öztunali, Pablo de Blasis und Jhon Cordoba verkörpern diesen Ansatz. Und in Darmstadt hinterließ auch Winterzugang Robin Quaison den Eindruck, dass er ein wuchtiger Umschaltspezialist sein kann. Der Schwede paart Physis, Schnelligkeit, Ballfertigkeit und Geradlinigkeit mit Zug zum Tor.

Die 05-Profis wissen, wie ihr Spiel aussieht, wenn sie pomadig auftreten. Aber sie wissen auch, wie ihr Spiel aussieht, wenn sie im Kollektiv konsequent verteidigen und chirurgisch präzise kontern. Entsprechende Bilder kann Martin Schmidt seinen Spielern vor Augen führen.