Rehberg: Mainz 05 mit kapitalem Erfolg gegen Gladbach

Shinji Okazaki und Tony Jantschke beim Zweikampf. Foto: dpa

Der FSV Mainz 05 ist Spitzenreiter in der Bundesliga. Glauben sie nicht? Doch, doch. Die Mannschaft von Kasper Hjulmand führt nach sieben Spieltagen die Auswärtstabelle an....

Anzeige

. Sieben Spiele und noch ungeschlagen. Diese erste Saisonphase kündet von Leistungskonstanz und von Stabilität. Vor allem in der Defensive. Diese Stärke in der Organisation und in der leidenschaftlich intensiven Arbeit gegen den Ball war auch die Basis für das 1:1 am Sonntagabend beim Tabellendritten Borussia Mönchengladbach. Ein kapitaler Erfolg, wenn man bedenkt, wie schwierig dieses technisch und taktisch glänzend geschulte Tempoteam von Trainer Lucien Favre zu stoppen und zu bespielen ist.

Klar, Favre war genervt. Streng genommen hatten die Gäste in diesen strategisch beidseitig anspruchsvollen 90 Minuten nur dreimal ernsthaft aufs Tor geschossen. Jonas Hofmann verwandelte einen schmeichelhaften Handelfmeter. Der Außenstürmer wurde in der 67. Minute noch mal geblockt, als er Keeper Yann Sommer in einem spitzen Winkel zum Kasten fast schon umkurvt hatte. Und in der 80. Minute verfehlte Yunus Malli nach einem prächtigen Tempodribbling mit einem flachen Schüsslein das Tor.

Verdienter Punkt für die 05er

Die Borussia hatte am Ende 18 Torschüsse auf dem Zettel. Fette Chancen? Außer dem perfekt herausgespielten Treffer zum 1:0 nur noch zwei. Thorgan Hazard rannte in zentraler Position unbehindert auf den Mainzer Kasten zu, doch Keeper Loris Karius parierte seelenruhig. Das war fünf Minuten vor Schluss. Und in der 89. Minute rettete Stefan Bell auf der Torlinie gegen Raffael, der Galatechniker brachte aus drei Metern Entfernung in fast zentraler Position die Kugel nicht am eigentlich chancenlosen Mainzer Innenverteidiger vorbei. Der Rest der Gladbacher Angriffsbemühungen hatte sich bis dahin erschöpft in mehr oder weniger harmlosen Fernschüssen.

Anzeige

Lassen wir Favre seine Verärgerung. 61 Prozent Ballbesitz, ein Gegentor durch einen Handelfmeter, der kein Skandal war, aber auch keine zwingende Notwendigkeit, dazu die Kaiserchancen von Hazard und Raffael in der drückend überlegen gestalteten Schlussphase - da darf man mit dem Schicksal hadern und den Schiedsrichter verfluchen. Und doch hatten sich die 05er diesen Punkt verdient. Weil die Hjulmand-Elf nur ganz wenige der gefürchteten Gladbacher Umschaltüberfälle zuließ, weil die Mainzer diesen hochkarätigen Gegner bis auf die geschilderten Ausnahmen vom eigenen Strafraum fern hielten. Auch das ist Qualität. Die im Catenaccio-Land Italien von Experten gepriesen werden würde als ein defensivtaktisches Meisterwerk.

Fehlerlose Innenverteidiger

Hjulmand organisierte eine Festung. Enge Abstände in der Tiefe und in der Breite. Bauten die Gladbacher aus der Abwehr heraus auf, dann liefen die 05er die gegnerische Spieleröffnung mutig mit drei Mann an und der Defensivverbund verschob sich weit nach vorne. Hatten sich die Gladbacher in der gegnerischen Spielhälfte festgesetzt, dann verteidigten die 05er mit einer tief stehenden Fünferabwehrreihe und mit vier Mittelfeldspielern davor. Da riegelten die fehlerlosen Innenverteidiger Stefan Bell, Niko Bungert und Gonzalo Jara den eigenen Strafraum ab. Bei diversen klugen Pässen der Borussia von den Seiten in die rückwärtigen Räume, die den Gastgebern viele Weitschusschancen eröffneten, setzten die in diesen Zonen zu wenig aggressiven 05er zuweilen auf Gottvertrauen und ihren souveränen Keeper Loris Karius. Die Gladbacher, die phasenweise mit vier Angreifern auf einer Linie nach Lücken fahndeten, passten sich die Füße wund.

Nach der Pause gab es eine Phase, da zog sich die Borussia ein wenig zurück, da setzte Lucien Favre wohl betont auf die Konterstärke seiner Elf. Da dominierten die 05er mit gefälligen, allerdings wenig zielstrebigen Kombinationen, Gegenattacken aber unterbanden die Mainzer mit starken Gegenpressingaktionen. All das bedurfte eines gewaltigen läuferischen Aufwands und einer enormen Konzentration. Am Ende ließen die körperlichen und geistigen Kräfte nach. Favre wechselte den technisch beeindruckenden Sprinter Hazard und den physisch beeindruckenden Sprinter André Hahn ein. Die 05er schlugen die Bälle nur noch hinten raus, konstruktiver Fußball, das ging nicht mehr. Die Gladbacher bauten noch mal Druck auf, das mündete in diese wuchtige und torgefährliche Schlussphase. Und Favre wird sich am Ende - nach den starken Aktionen von Hazard und Hahn - vielleicht auch darüber geärgert haben, dass er die weitgehend wirkungslosen Außenstürmer Fabian Johnson und Patrick Hermann so lange auf dem Feld belassen hatte.

"Wir waren am Ende platt, die Luft war weg"

Anzeige

Kasper Hjulmand ärgerte sich auch ein wenig. Weil seine Mannschaft aus der hervorragenden Raumaufteilung heraus die sich bietenden Freiräume so selten genutzt hatte für schnelle Kombinationszüge bis in den gegnerischen Strafraum. Diaz und Brosinski hatten Bewegungsfreiheiten an den Flügeln, Julian Baumgartlinger, Jonas Hofmann und vor allem Filip Djuricic hatten in zentraleren Zonen Möglichkeiten, durchzuziehen. Torjäger Shinji Okazaki, der es schwer hatte gegen die konsequenten Stopper Martin Stranzl und Tony Jantschke, wartete vergeblich auf verwertbare Anspiele. Das offensive Umschaltspiel hat viel Luft nach oben. Aber: Die von Ruhe und Gelassenheit geprägte Mentalität, mit der die Mainzer den Favoriten nervten, war ein Trumpf. Abgesehen von den turbulenten letzten fünf Minuten.

"Wir waren am Ende platt, die Luft war weg", resümierte Stefan Bell. "Aber wir haben uns noch mal in alles reingeworfen. Und natürlich hatten wir da auch etwas Glück." Bei Raffaels Entscheidungschance habe er nur noch spekuliert auf der Torlinie, "ich habe das Bein angehoben, und er hat mich angeschossen". Letztlich sei Gladbach nun mal eine echte Hausnummer, "da bekommt man nicht viele Chancen, bei unseren Umschaltmöglichkeiten waren vielleicht etwas zu verspielt". Aber ein Punkt in Gladbach, so Bell, "das ist sehr gut".