Rehberg: Mainz 05 betritt Neuland

Martin Schmidt in der Coface Arena. Archivfoto: dpa

Drei Wettbewerbe in einer Saison. Für die Bundesliga-Spitzenklubs ist das Normalität. Für Mainz 05 ist das Neuland. Warum die 05er aber für die anspruchsvolle Spielzeit...

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. Drei Wettbewerbe in einer Saison. Für die Bundesliga-Spitzenklubs ist das Normalität. Da macht sich keiner mehr verrückt in der Sommer-Vorbereitung. Zwei Wettkampfspiele pro Woche. Flüge, Anpassung an unterschiedliche klimatische Bedingungen, an internationale Gegner, an fremde Stadien. Schnelle Regeneration, neuer Spannungsaufbau für das Duell mit dem nächsten Liga-Gegner. Und zwischendurch mal noch ein DFB-Pokalspiel - und für einige Profis auch noch ein paar Länderspiele. Für den FC Bayern, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, den FC Schalke 04 oder in der Regel auch den VfL Wolfsburg ist das zur Gewohnheit geworden. Hinter diesen Herausforderungen stecken jahrelange Erfahrung. Trainer und Spieler wissen, wie sie damit umzugehen haben.

Für die Mittelfeldklubs, die nur alle paar Jahre mal in einen internationalen Wettbewerb rutschen, ist das eine andere Geschichte. Diese Mannschaften haben in diesem Rhythmus keine bis viel weniger Erfahrung. Alle wissen: Darauf hat man ein Jahr hingearbeitet, das macht Spaß – aber es wird anstrengend. Ein Abenteuer. Das sich nicht bis ins letzte Detail planen lässt. Die Belastungssteuerung ist wichtig. Da gibt es heute exzellente Messmethoden und einen großen wissenschaftlich gestützten Sachverstand. Weniger exakt planbar, messbar und steuerbar ist die Psyche der Spieler. Da geht es um mentale und emotionale Belastbarkeit. Da geht es um die Aufrechterhaltung von Konzentration, Überzeugung, Willenskraft, Widerstandsgeist und Teamgefühl. Insbesondere in den Phasen, in denen trotz hohen Aufwandes die Erfolgserlebnisse ausbleiben und damit das für Leistungssportler so wichtige Belohungssystem nicht ausreichend gefüttert wird. Dann ist der Gruppenführer gefragt. Das ist der Cheftrainer.

Spieler sind neue Abläufe nicht gewohnt

Auf diese Herausforderung bereiten sich gerade die 05er vor. Die erste mentale/emotionale Prüfung: Am 26. August wird die Gruppeneinteilung in der Europaliga ausgelost, eine Nacht darüber schlafen – und am nächsten Tag stehen die Mainzer am Samstagnachmittag in Dortmund zum Bundesligastartspiel auf dem Feld. Kein Problem für Profis, sollte man meinen. Aber gewohnt sind die 05-Spieler diese spannenden und aufregenden Abläufe nicht. Das ist jetzt noch ein eher harmloses Beispiel. Aber der Trainer muss immer ein Auge darauf haben, wer im Kader auf welche Situation wie reagiert. Und im Bedarfsfall muss er diese Beobachtungen in die Startelfplanungen mit einfließen lassen.

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Der FC Bayern ist da gestählt. Die Ära Pep Guardiola: Dreimal Deutscher Meister, zweimal DFB-Pokalsieger, dreimal im Champions-League-Halbfinale – und 2014 wurden einige aus diesem Starensemble mit der deutschen Nationalmannschaft mal noch so ganz nebenbei Weltmeister. Auch Thomas Tuchel hat da ohne große internationale Erfahrung in seinem ersten Jahr in Dortmund einen herausragenden Job gemacht: Bundesligazweiter mit überragenden 78 Punkten und 82:34 Toren, DFB-Pokal-Finale, Aus in der Europaliga erst im Viertelfinale nach dem unglücklichen 3:4 in Liverpool in der Nachspielzeit.

Neuland für 05er

Für die 05-Profis ist diese Wettkampfdichte Neuland. Auch für Martin Schmidt. Eine vergleichbare Orientierung bietet der FC Augsburg. Der hat in der vergangenen Saison die EL-Gruppenphase gespielt: Drei Siege, drei Niederlagen, Gruppenzweiter, Aus in der ersten K.o-Runde gegen den späteren Finalisten FC Liverpool (0:0 und 0:1). In der Liga? Wacklig! Am 9., 10., 11. und 12. Spieltag waren die Augsburger Letzter. Am Ende kam das Team mit 38 Punkten ins Ziel, zwei Zähler vom Relegationsrang entfernt. Ohne Unruhe im Verein, ohne markige Managerworte, ohne Trainerdiskussionen, ohne Spielersuspendierungen, ohne Fan-Aufstände. Immer drin geblieben in den Inhalten und in den Aufgaben. Beispielhaft.

Extrem wichtig ist die Qualitätstiefe im Kader. Und da macht es nach etwa der Hälfte der Sommer-Vorbereitung den Eindruck, dass die 05er gut gerüstet sind für die anspruchsvolle Spielzeit 2016/17. Zwei gestandene Torhüter mit Jonas Lössl und Gianluca Curci, zwei talentierte junge Torhüter mit Patrick Huth und Florian Müller. Fünf Innenverteidiger mit Stefan Bell, Niko Bungert, Leon Balogun, Alex Hack und Jean-Philippe Gbamin. Zwei Rechtsverteidiger mit Giulio Donati und Daniel Brosinski. Zwei Linksverteidiger mit Gaetan Bussmann und Pierre Bengtsson. Fünf Mittelfeldsechser mit unterschiedlichen Profilen: Danny Latza, Fabian Frei, Suat Serdar, Gbamin und José Rodriguez. Drei Zehner mit unterschiedlichen Profilen: Yunus Malli, Philipp Klement und Besar Halimi. Sechs Flügelstürmer mit unterschiedlichen Profilen: Jairo, Christian Clemens, Yoshinori Muto, Pablo de Blasis, Karim Onisiwo und Gerrit Holtmann. Drei Mittelstürmer mit unterschiedlichen Profilen: Jhon Cordoba, Emil Berggreen und Muto. Eine verinnerlichte Spielphilosophie (Umschaltfußball) mit verinnerlichten spielerischen/taktischen Prinzipien. Damit lässt sich verlässlich arbeiten. Auch in drei Wettbewerben. Eines ist nicht planbar: der von den Ergebnissen abhängende Saisonverlauf - mit all den Folgen für das Seelenleben der Spieler.