Rehberg: Kontinuität? Beim VfB Stuttgart ein Fremdwort

Muss in Stuttgart seinen Hut nehmen: Hannes Wolf. Foto: dpa

Fünf der letzten sechs Klubs in der Bundesligatabelle haben mittlerweile den Trainer gewechselt. Die Ablösung von Hannes Wolf beim VfB Stuttgart kam überraschend am...

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. Fünf der letzten sechs Klubs in der Bundesligatabelle haben mittlerweile den Trainer gewechselt. Die Ablösung von Hannes Wolf beim VfB Stuttgart kam überraschend am Sonntagmorgen. Wir reden hier von einem Aufsteiger, der drei Punkte Vorsprung hat vor dem Relegationsplatz, der von zehn Heimspielen sechs gewonnen hat, auswärts häufig sehr gut mitspielt hat, aber nur ein Remis geschafft hat bei zehn Versuchen. Ob sich nun der 36-Jährige und Manager Michael Reschke tatsächlich darin einig waren, dass auf beiden Seiten die Überzeugung gelitten habe, die Situation in dieser Führungskonstellation meistern zu können bis zum Saisonende, das sei mal dahingestellt. Man muss diese Entscheidung ja medial irgendwie verkaufen.

Die Lunte für Trainerentlassungen wird immer kürzer. In der vergangenen Woche haben wir darauf hingewiesen, dass der Hamburger SV binnen acht Jahren zwölf Übungsleiter verschlissen hat. Der VfB kommt nun binnen knapp zehn Jahren auf 14 Beurlaubungen. Mit verantwortlichem Handeln auf der Entscheiderebene hat das wenig zu tun.

Utopische Vision

Von diesen 14 Fachleuten durften lediglich zwei Trainer mehr als 50 Spiele des VfB betreuen: Meistertrainer Armin Veh (96 Spiele) zwischen 2006 und 2008 sowie Bruno Labbadia (89 Spiele) zwischen Ende 2010 und 2013. Auf dem dritten Platz folgt bereits: Hannes Wolf mit kümmerlichen 48 Spielen (davon 28 in der Zweiten Liga). Auch diverse Sportdirektoren haben sich auf der Geschäftsstelle in Stuttgart gegenseitig die Türklinke in die Hand gedrückt.

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Kontinuität? Ein Fremdwort. Geduld? Unmodern. Mangelnde Sportkompetenz gepaart mit Selbstüberschätzung auf der Führungsetage? Immer wieder gerne genommen.

Am 1. Juni 2017 hat die Mitgliederversammlung einer Ausgliederung des Fußballbetriebs in eine Aktiengesellschaft zugestimmt. 11,75 Prozent der Anteile hat der Hauptsponsor Mercedes Benz übernommen, für 41,5 Millionen Euro. Seitdem salbadert Präsident Wolfgang Dietrich davon, der VfB habe realistische Chancen, binnen vier, fünf Jahren die stabile Rückkehr zu schaffen unter die Top-Five der Liga. Passt diese Vision zu einem Aufsteiger, der auch als Aktiengesellschaft noch Lichtjahre entfernt ist von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des FC Bayern, von Borussia Dortmund, RB Leipzig, Schalke 04, Bayer Leverkusen oder dem VfL Wolfsburg? Liest sich gut auf dem Strategiepapier – auf dem grünen Rasen sieht das dann oft ganz anders aus.

Reschke erstmals am Regiepult

Michael Reschke ist ein begnadeter Talententdecker. Das hat der 60-Jährige nachgewiesen in Leverkusen und bei den Bayern. Alleinverantwortlich einen Bundesligakader gebaut und Cheftrainer ausgewählt hat der sympathische Fachmann noch nie. Als Sportvorstand beim VfB steht er nun erstmals in seiner langen Karriere am Regiepult. Im Winter hat Reschke den 31 Jahre alten Torjäger Mario Gomez gekauft. Ein klassischer Strafraumstürmer, der angewiesen ist auf kluge Pässe und Flanken. Einen Mittelfeldspieler mit der Qualität für den torvorbereitenden Pass hat der VfB nicht in der Mannschaft, starke Flügelstürmer auch nicht. Darunter hat schon der Mittelstürmer Simon Terodde gelitten (der jetzt beim 1. FC Köln ganz ordentlich trifft).

Die Stuttgarter haben in 20 Spielen nur 16 Tore geschossen. Vor diesem Hintergrund sind 20 Punkte ein erstaunlicher Ertrag. Der VfB lebt von seiner gut organisierten Defensive, die nur 26 Gegentore zugelassen hat (mit sehr ähnlichen Abwehrbilanzen stehen Bayer Leverkusen, Schalke 04 und RB Leipzig im oberen Tabellendrittel). Sehr viel falsch gemacht hat der junge Hannes Wolf nicht. Die Geduld für eine kontinuierliche Entwicklung hat aber auch Michael Reschke nicht aufgebracht. Sollte dessen (erste) Trainerentscheidung nun auch nicht funktionieren, dann geht es wahrscheinlich wieder dem Sportvorstand an den Kragen. Der HSV und der VfB Stuttgart drehen sich seit einem Jahrzehnt munter im Kreis.